Entführungsprozess in Ostfriesland Und das Lösegeld bitte auf das Konto meiner Mutter!

Falsche Polizisten, Kidnapper im Rentenalter, Lösegeld in Millionenhöhe: Die Entführung eines Reeders bietet Stoff für einen Krimi. Muss eine 91-Jährige für die Dummheit ihres Sohnes ins Gefängnis?

91-jährige Angeklagte beim Prozessauftakt
DPA

91-jährige Angeklagte beim Prozessauftakt


Sie haben es sich so einfach vorgestellt: Falsche Polizisten stoppen einen Reeder, halten ihn in einem Ferienhaus fest und fordern von seiner Firma ein Lösegeld in Millionenhöhe. Doch der Plan eines 67-jährigen Mannes hatte seine Schwächen.

Im April 2016 locken der Mann und seine mutmaßlichen Komplizen den Reeder aus Leer in eine Falle. Die Kriminellen gaben sich laut Anklage als Verkehrspolizisten aus, stoppten den Geschäftsmann in seinem Auto auf dem Weg zur Arbeit und verschleppten ihn in ein Ferienhaus. Dort musste er einen Schuldschein über eine Million Euro unterschreiben.

Nach Auskunft der Polizei befand sich der Reeder 40 Stunden in der Gewalt der Täter. Hintergrund der Entführung sollen Differenzen zwischen dem Opfer und einem Geschäftspartner gewesen sein.

Lösegeld auf das Konto der Mutter überwiesen

Doch von der Nachverfolgung von Zahlungen hat der 67-jährige Planer wohl nicht viel gehört: Er lässt das Geld vom Geschäftsführer des Reeders auf das Konto seiner 91-jährigen Mutter überweisen. Nach der Freilassung des Geschäftsmanns bucht die Bank das Geld zurück. Schon wenige Tage nach der Entführung werden der Senior und seine Mutter verhaftet.

In dem Prozess werden an diesem Montag vor dem Landgericht Aurich die Urteile gegen die alte Dame und drei weitere Männer erwartet. Das Verfahren gegen den 67-Jährigen wurde aus Krankheitsgründen abgetrennt. Die Staatsanwaltschaft hat für die Seniorin wegen Beihilfe zum erpresserischen Menschenraub drei Jahre Gefängnis gefordert. Ihre Verteidiger plädierten am vergangenen Montag auf Freispruch.

"Alter schützt vor Strafe nicht"

Ob die Seniorin bei einer Freiheitsstrafe tatsächlich ins Gefängnis muss, hängt von ihrer Haftfähigkeit ab. Aktuell liegt zwar ein Haftbefehl gegen sie vor, der aber gegen Auflagen nicht vollstreckt wird. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft wollte sich vor dem Urteil dazu nicht äußern, sie sagt nur so viel: "Grundsätzlich gilt aber: Alter schützt vor Strafe nicht."

In dem Prozess müssen sich neben der 91-jährigen drei Männer im Alter zwischen 30 und 41 Jahren verantworten. Ihnen wird versuchte räuberische Erpressung, erpresserischer Menschenraub sowie Urkundenfälschung vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft forderte Freiheitsstrafen von drei Jahren und zehn Monaten bis zu acht Jahren. Die Verteidiger zweier Angeklagter hielten Haftstrafen von höchstens zwei beziehungsweise vier Jahren für angemessen. Der Verteidiger des dritten Angeklagten forderte eine Bewährungsstrafe.

An der Entführung sollen drei weitere Männer beteiligt gewesen sein. Nach Auskunft eines Gerichtssprechers wurde inzwischen ein dringend tatverdächtiger Mann in Polen festgenommen. Zwei weitere Verdächtige seien noch auf der Flucht.

brt/dpa



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