Entführter US-Kapitän FBI verhandelt mit somalischen Piraten

Jetzt ist es ein Fall für die amerikanische Bundespolizei: Nach der Geiselnahme eines Kapitäns durch somalische Seeräuber haben die US-Behörden Verhandlungsspezialisten des FBI in die Krisenzone geschickt. Sie sollen den 53-jährigen Richard Philipps befreien.


Nairobi - Die Piraten waren von der Besatzung des vor Somalia angegriffenen US-Frachters "Maersk Alabama" vertrieben worden und hatten bei ihrer Flucht den Kapitän Richard Phillips, 53, als Geisel genommen. Ein Sprecher der dänischen Reederei Maersk sagte am Donnerstag, der Offizier sei unversehrt. Während ein US-Kriegsschiff das Geschehen aus sicherer Entfernung beobachtete, wurden nun Unterhändler der Bundespolizei FBI zu den Gesprächen mit den Piraten hinzugezogen.

"Die jüngsten Kontakte mit der 'Alabama' lassen darauf schließen, dass der Kapitän weiter festgehalten wird, aber unversehrt ist", sagte der Maersk-Sprecher Kevin Speers. Der Kapitän befand sich auf einem Rettungsboot, die Besatzung hatte nach eigenen Angaben Funkkontakt zu ihm. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte am Donnerstag, das Rettungsboot habe keinen Treibstoff mehr.

Unterdessen gab der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Mittleren und Nahen Osten, General David Petraeus, bekannt, dass die USA ihre militärische Präsenz am Horn von Afrika innerhalb der nächsten 48 Stunden ausbauen und mehr Schiffe schicken werden.

Der unter US-Flagge fahrende 17.500-Tonnen-Frachter "Maersk Alabama" war am Mittwochmorgen von Piraten überfallen worden. Die unbewaffnete 20-köpfige Besatzung konnte die Angreifer nach einigen Stunden in die Flucht schlagen, wie der Zweite Offizier Ken Quinn in der Nacht zum Donnerstag dem Sender CNN berichtete.

Der Erste Offizier Shane Murphy sagte laut einem Bericht des Senders ABC seinem Vater, die Mannschaft habe die mit AK-47-Sturmgewehren bewaffneten Piraten mit "roher Gewalt" überwältigt. Dem Vater zufolge befand sich der Frachter unter Bewachung auf dem Weg nach Mombasa. Laut Quinn verlangten die Seeräuber ein Lösegeld.

Zerstörer "USS Bainbridge" entsandt

Ein Sprecher des FBI teilte in Washington mit, die US-Bundespolizei sei von der Marine gebeten worden, sich in die Verhandlungen mit den Piraten einzuschalten. Die Marine hatte in der Nacht den Zerstörer "USS Bainbridge" in das Gebiet rund 500 Kilometer südöstlich der somalischen Hafenstadt Eyl geschickt. Unklar war, ob das Kriegsschiff einen Einsatz zur Befreiung des Kapitäns plante. Der Anführer einer in Eyl ansässigen Piratengruppe, Abdi Garad, sagte, möglicherweise würden Piraten zur Verstärkung ihrer von dem US-Kriegsschiff überwachten Kollegen entsandt.

Die Entführung des Frachters war der sechste Piratenangriff vor Somalia binnen fünf Tagen. Unter anderem haben Seeräuber seit Samstag den Hamburger Frachter "Hansa Stavanger" in ihrer Gewalt. Nach SPIEGEL-Informationen plante der Krisenstab des Auswärtigen Amtes eine gewaltsame Befreiung des unter anderem mit fünf Deutschen besetzten Schiffes. Die Piraten brachten den Frachter jedoch zu ihrem Stützpunkt, bevor es zu einem Einsatz kommen konnte.

"Enge Seeblockade"

Die wegen eines Angriffs auf das deutsche Versorgungsschiff "Spessart" an Kenia überstellten sieben mutmaßlichen Piraten sollten am Donnerstag einem Gericht in Mombasa vorgeführt werden. Die örtliche Polizei wollte dort die von der deutschen Marine erhaltenen Beweise vorlegen, um eine Anklage wegen Piraterie zu erwirken.

Der Piraten-Experte Michael Stehr vom Deutschen Marine Institut in Bonn sieht in der Verlagerung der Piratenüberfälle hinaus in den Golf von Aden als einen Erfolg der Patrouillen internationaler Kriegsschiffe. "Nun müsste man dieses Modell übertragen auf die Hauptschifffahrtslinie Asien-Kapstadt, die zugleich auch die Regionalschifffahrtslinie Ostafrika ist", sagte er dem Rundfunksender MDR. Als Alternative biete sich eine "ganz enge Seeblockade der somalischen Piratennester" an.

Die somalische Küste ist berüchtigt. Der von Bürgerkrieg und Chaos gezeichnete Krisenstaat am Horn von Afrika hat weder eine eigene Küstenwache noch eine stabile Regierung. Die Piraten wiederum haben angesichts der im vergangenen Jahr erzielten Lösegelder in Millionenhöhe in ihrer Heimat einen hohen Status und sind bestens mit Schnellbooten, automatischen Waffen und Satellitenortungsgeräten ausgestattet.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

jdl/AFP/AP/dpa

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