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29. Dezember 2005, 11:23 Uhr

Entführung im Jemen

Chrobog kann mit rascher Freilassung rechnen

Hoffnung für die deutschen Geiseln im Jemen: Örtlichen Behörden zufolge kommen die Verhandlungen mit den Entführern des Ex-Diplomaten Chrobog und seiner Familie zügig voran. Eine jemenitische Zeitung berichtet jedoch, eine erste Verhandlungsrunde sei gescheitert.

Sanaa - Der im Jemen entführte deutsche Ex-Staatssekretär Jürgen Chrobog und seine Familie könnten den jemenitischen Behörden zufolge bereits heute frei kommen. "Die Verhandlungen kommen gut voran, und wir erwarten, dass sie in den nächsten Stunden frei gelassen werden", sagte der stellvertretende Gouverneur der Provinz Shabwa, Nasser Baoum, der Nachrichtenagentur AP in Sanaa. Die Geiseln seien unversehrt und würden nicht bedroht.

Ex-Staatsekretär Chrobog: Geiseln in guter Verfassung
REUTERS

Ex-Staatsekretär Chrobog: Geiseln in guter Verfassung

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier steht in direktem Kontakt mit seinem jemenitischen Kollegen Abu Bakr Abdallah al-Kurbi. Die beiden Minister hätten heute Morgen telefonisch über die Geiselkrise beraten, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts in Berlin. Der Krisenstab im Außenministerium wollte am Vormittag erneut zusammentreten. Chrobog selbst hatte das Gremium in seiner Zeit als Staatssekretär im Auswärtigen Amt im Jahr 2003 geleitet.

Die ARD hatte am Morgen gemeldet, die Verhandlungen liefen in Richtung einer schnellen Freilassung. Ein Korrespondent sagte, er habe selbst mit der Familie Chrobog gesprochen und es gehe den Entführten gut. Sie hätten auch bestätigt, dass über ihre Freilassung verhandelt werde.

Den Geiseln geht es gut

Auch nach Auskunft von Gouverneur Baoum und des Reiseveranstalters Abu Talib Group (ATG) in Sanaa blieben die Geiseln zunächst unversehrt und wurden nicht bedroht. ATG-Chef Mohammed Abu Talib stand mit der Familie nach eigenen Angaben über das Mobiltelefon ihres ebenfalls entführten Reiseleiters in Kontakt. Er habe mit Chrobog selbst gesprochen, und dieser habe ihm versichert, dass es der Familie gut gehe, sagte Abu Talib.

Ein Anrufer, der sich als einer der Entführer ausgab, sagte der Nachrichtenagentur dpa in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa, den Geiseln werde "kein Schaden zugefügt, in keiner Situation". Die Identität des Mannes konnte nicht überprüft werden. Er machte deutlich, dass sein Stamm "die Geiseln nicht gehen lassen wird, wenn unsere Männer nicht aus dem Gefängnis entlassen werden".

Der "Yemen Observer" berichtet in seiner Online-Ausgabe, eine erste Verhandlungsrunde zur Freilassung des entführten Ex-Staatssekretärs und seiner Familie sei heute Morgen gescheitert. Der Vermittler des jemenitischen Innenministeriums habe keine ausreichende Zusicherung gegeben, die Forderungen der Entführer zu erfüllen, sagte der angebliche Anführer der Kidnapper, der seinen Namen mit Abu Baker Abu al-Chair angab, der Zeitung. Der Regierungsvertreter habe keine "feste Garantie gegeben, unsere Gefangenen aus dem Gefängnis in der Provinz Abijan freizulassen", hieß es. Den Vermittler bezeichnete der angebliche Entführer als "neutral und mit der Angelegenheit vertraut".

Die jemenentische Regierung strebt auf alle Fälle eine Verhandlungslösung an. "Es wird keine Waffengewalt eingesetzt werden, um sie frei zu bekommen", so der Gouverneur der Provinz Schabwa, Ali al-Rassas, heute. Es sei eine Gruppe aus Stammesführern und Regierungsvertretern eingesetzt worden, um mit den Entführern zu verhandeln. Weitere Details wurden zunächst nicht bekannt.

Karte des Jemen ansehen
DER SPIEGEL

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Bewaffnete Stammesmitglieder hatten den Ex-Diplomaten, seine Frau und ihre drei Söhne gestern in der Provinz Schabwa im Osten des arabischen Landes verschleppt. Der 65-jährige befindet sich seit Heiligabend auf einer Privatreise im Jemen. Anlass war danach eine Einladung des früheren jemenitischen Botschafters in Deutschland, der heute stellvertretender Außenminister ist.

Aus jemenitischen Sicherheitskreisen hatte es geheißen, die Geiselnehmer wollten die Freilassung fünf inhaftierter Angehöriger erpressen, die wegen einer Fehde mit einer anderen Gruppierung in Haft sitzen. Vergleichbare Fälle im Jemen gingen meist glimpflich aus.

Neben den Chrobogs und ihrem Reiseleiter wurden offenbar auch zwei Fahrer der Gruppe entführt. Die Provinzregierung in Schabwa teilte mit, die Gruppe sei mit zwei Fahrzeugen unterwegs gewesen, die plötzlich von Bewaffneten umringt worden seien. Die Deutschen seien zum Umsteigen in ein anderes Fahrzeug gezwungen worden. Nach Angaben aus örtlichen Sicherheitskreisen gehören die Entführer zum Stamm al-Abdullah bin Dahha.

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