Entführung in Hamburg Schuldunfähig wegen "krankhaftem Liebeswahn"

Der Entführer von Barmbek muss dauerhaft in eine Psychiatrie: Er hatte eine Studentin verschleppt und in seiner zur Festung umgebauten Wohnung gefangen gehalten. Erst nach Stunden gelang der Frau die Flucht. Laut dem Urteil handelte der 30-Jährige im Wahn.


Hamburg - In seiner Gedankenwelt war sie die Liebe seines Lebens, doch in Wirklichkeit hatte er die 26-Jährige Studentin im August 2011 entführt und für Stunden gefangen gehalten: Für die Tat muss ein 30-Jähriger nach einem Urteil des Hamburger Landgerichts zur Therapie in eine geschlossene Psychiatrie.

Der Mann sei während der Tat besessen von krankhaftem Liebeswahn und psychisch verwirrt gewesen, hieß es in der Begründung des Gerichts. Deshalb sei er schuldunfähig. Die Richter ordneten jedoch eine Einweisung in eine geschlossene Klinik ein: Von dem Angeklagten gehe eine "erhebliche Gefahr" aus. "Wenn er nicht therapiert wird, kann sich eine solche Tat jederzeit wiederholen."

Den Prozess verfolgte der Mann immer in der gleichen Haltung: Das Gesicht leicht zur Seite geneigt, den Blick nach unten gerichtet. Die Tat hatte er weitgehend eingeräumt, seine Anwältin verlas eine Erklärung: Es tue ihm unendlich Leid. Er habe die Frau länger für sich behalten wollen. Er hoffe, dass er durch die Behandlung geheilt werde.

Fesseln, Schwangerschaftstests und 1,6 Tonnen Vorräte

Der Mann hatte die israelische Austauschstudentin im August 2011 entführt. Er bedrohte sie mit einer Pistole und einer selbstgebauten Handgranate und zwang sie so, ihn nach Hause zu begleiten. Seine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus im Stadtteil Barmbek hatte er zuvor mit Stacheldraht vor den Fenstern gesichert. Die Aktion sei "akribisch geplant" gewesen, sagten die Richter.

Erst nach Stunden war es der jungen Frau gelungen, mit einem Sprung aus dem Fenster zu fliehen. In der Wohnung fand die Polizei Fesseln, medizinische Geräte für eine künstliche Befruchtung, Schwangerschaftstests, 1,6 Tonnen Vorräte und eine schalldichte Telefonzelle.

Der Mann war nach Angaben der Nachrichtenagentur "dpa" schon früher als Stalker von mindestens 19 Frauen aufgefallen. Unter anderem stellte er demnach der Schauspielerin Eva Habermann nach: Weil er sie im Fernsehen gesehen hatte, zog er 2003 eigens nach Hamburg. "Ihn quälte, dass er nie einer Frau nähergekommen war", sagte der Richter. Der Angeklagte lebe seit seiner Kindheit fast isoliert.

Welche Rolle die schalldichte, gelbe Telefonzelle in der Wohnung spielte, konnte der Prozess nicht klären. Die Verteidigerin erklärte, ihr Mandant besitze die Telefonzelle seit Jahren, um ungestört Anrufe tätigen zu können.

usp/dpa/AFP



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