Gefasster Maskenmann Zelt in der Wildnis, kugelsichere Weste

Der Mann hinter dem Imkernetz scheint enttarnt: Mario K., 46, soll einen Unternehmer aus dessen Villa in Storkow verschleppt und den Leibwächter eines Millionärs schwer verletzt haben. Er hauste lange Zeit in einem Zelt in der Wildnis und fiel zuletzt wegen neonazistischen Äußerungen auf.

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Der Imker nennt seinen Gesichtsschutz Schleier, engmaschig verwoben. Für Angehörige zweier vermögender Familien aus Berlin ist das harmlose Netz zur furchterregenden Maske geworden. Zwei Jahre fahndete die Sonderkommission "Imker" nach dem Mann, der sein Gesicht hinter solch einem Schleier verbarg: Nun glauben die Fahnder, ihn identifiziert zu haben: als Mario K. aus Berlin-Marzahn. Am Dienstagabend nahm ein Spezialeinsatzkommando der Polizei den 46-Jährigen vor dem Einkaufszentrum "Forum Köpenick" in Berlin fest.

Seit dem Frühjahr hatten verdeckte Ermittler des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) der Brandenburgischen Polizei Mario K. observiert, auch um eventuelle neue Taten zu verhindern. Laut MEK-Chef Klemens Passler war es der umfangreichste Einsatz seit Bildung des MEK im Jahr 1991. Für die besondere Aufbauorganisation (BAO) hatten die Beamten den programmatischen Codenamen "Endspiel" gewählt.

Mario K. soll im Oktober 2011 im brandenburgischen Bad Saarow auf die Tochter des Berliner Unternehmers Christian P. geschossen und ihren Bodyguard schwer verletzt haben. Der Beschützer ist seither querschnittsgelähmt. Im Oktober vergangenen Jahres soll der Festgenommene zudem den Investmentbanker Stefan T. aus seiner Villa im brandenburgischen Storkow verschleppt und zwei Tage lang auf einer Schilfinsel am Großen Storkower See als Geisel gehalten haben. Die Ermittler sind sich sicher: Mario K. ist der Serientäter, den sie gesucht haben - und der in Freiheit weitere Straftaten begehen könnte. Beide überfallenen Familien haben bis jetzt rund um die Uhr Polizeischutz.

"Wie eine Spinne im Netz"

Mario K. schweigt im Verhör. Lange Zeit hauste der gelernte Dachdecker als Einsiedler in der Wildnis am Rande Berlins, auf einer schwer zugänglichen Insel mitten im Naturschutzgebiet Gosener Wiesen, ein idyllisches Plätzchen zwischen Müggelsee und Seddinsee. Sein Zuhause: ein sorgsam verstecktes Camp aus mehreren Zelten, ein Schlafsack, dazu besaß er einen Generator für Strom. Alles versteckt unter einem riesigen Tarnnetz. Sein Fortbewegungsmittel: ein kleines selbstgebautes Boot mit schallgedämpftem 75-PS-Motor, aus dem nur sein Kopf herausragte.

Vor seinem Leben in der Einöde wohnte Mario K. in einem Plattenbau in Marzahn. Nachbarn berichten, er sei auch in kugelsicherer Weste über die Straße marschiert. Oft nervte er sie durch nächtliche Ruhestörung und seine Arbeitgeber mit chronischer Unpünktlichkeit. Er verlor erst seine Arbeitsstelle, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und verlor schließlich auch seine Wohnung.

Seinen Frust kompensierte er offenbar wiederholt mit Straftaten: 1992 und 1998 wurde er wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz aktenkundig verurteilt, wegen Diebstahls und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Am 21. November 1997 war er mit einem Freund in Hellersdorf ins Kino gegangen - bekleidet mit einer schusssicheren Weste - und hatte zwei Mädchen und drei Jungen durch Schüsse aus einer Pistole verletzt. Einer der Angegriffen nahm ihm die Waffe ab und durchschoss Mario K. beide Beine.

2004 sollte er für fünf Jahre und drei Monate in Haft wegen Brandstiftung in drei und wegen Diebstahls in vier Fällen. Ein Förster hatte ihn im Mai 2004 auf seiner abgelegenen Insel aufgespürt, in seinem Versteck lagerte er Unmengen an Diebesgut. Zuvor war es zu mehreren Brandstiftungen an hochwertigen Sportbooten gekommen.

Ermittler vermuten, dass Mario K. auch die 120.000 Euro teure Jacht der DDR-Fernsehlegende Heinz Behrens anzündete, was Mario K. bis zuletzt bestritt. Auf seinen nächtlichen Streifzügen als Feuerteufel soll Mario K. wie ein einsamer Kampfschwimmer agiert haben - im dunklen Taucheranzug, das Gesicht schwarz eingefärbt. "Er hat auf der Insel wie eine Spinne im Netz gelebt, um ihn herum lagen die Tatorte", heißt es in der Urteilsbegründung des Landgerichts Berlin von 2004. Mario K. habe regelrecht "Beutezüge" unternommen.

Verurteilt wegen neonazistischer Drohung

Dutzende Kriminalisten, Profiler und Techniker fahndeten in den vergangenen zwei Jahren mit "sehr aufwendiger, akribischer Arbeit" nach dem flüchtigen Täter in den Fällen P. und T., wie Oberstaatsanwalt Ulrich Scherding sagt. "Die Mitglieder der Soko 'Imker' haben unglaubliche Manpower reingesteckt, vor allem Kreativität, davon hängt gute Ermittlerarbeit oft ab."

Gegen Mario K. wird im Moment wegen Mordversuchs, gefährlicher und schwerer Körperverletzung sowie erpresserischem Menschenraubs ermittelt. Noch am Mittwoch wurden vier Gebäude durchsucht, um Beweise, die den 46-Jährigen überführen können, zu sichern.

Zuletzt war Mario K. den Ermittlungsbehörden im November 2011 aufgefallen, im Zusammenhang mit neonazistischen Äußerungen. Laut Anklageschrift hatte sich K., der damals in der Gensinger Straße im Ostberliner Bezirk Marzahn lebte, über angeblichen Lärm aus einer Nachbarwohnung geärgert und eine aus Vietnam stammende Frau mit den Worten bedroht: "Wenn die Zeit reif ist, machen wir das mit euch wie mit den Juden."

Im März 2012 verurteilte ihn das Amtsgericht Berlin-Tiergarten deshalb wegen Bedrohung zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen á 15 Euro. Es war das fünfte Mal, dass der Dachdecker strafrechtlich in Erscheinung trat.

Mund verklebt, Stöpsel in den Ohren

Seine jetzt vorgeworfenen Taten kennzeichnet äußerste Brutalität. Nach Rekonstruktion der Ermittler liefen sie wie folgt ab: Mario K. hat die gelbe Villa im Storkower Ortsteil Hubertushöhe offenbar wochenlang observiert, er kennt die Gewohnheiten der Familie. Am 5. Oktober 2012 fängt er um 21.35 Uhr Stefan T.s Ehefrau ab, als sie mit dem Hund Gassi gehen will, drängt sie zurück ins Haus, bedroht das Ehepaar. Auch der gemeinsame neunjährige Sohn ist im Haus.

Mario K. schießt zur Einschüchterung einmal in die Decke, zwingt dann die Frau, Stefan T. mit schwarz-gelbem Strukturklebeband die Hände zu fesseln, Mund und Augen zu verkleben. Am Bootssteg des Hauses befiehlt der Vermummte dem 51-Jährigen, ins Wasser zu steigen und sich am Heck eines Kanus festzuhalten. Bei zwölf Grad kaltem Wasser zieht Mario K. den Gefesselten etwa eine Stunde lang hinter sich durch den Großen Storkower See.

Am Ufer wechselt der Entführer das Boot gegen ein rot-gelbes Kajak, Stefan T. muss sich erneut festklammern. An einer Schilfinsel an der Einmündung des Storkower Kanals hat der Entführer Plastikplanen ausgebreitet. Stefan T. bekommt trockene Kleidung, danach wird er erneut gefesselt und in die Folien eingewickelt, Mund verklebt, Stöpsel in den Ohren.

"Hier ist einer unterwegs, der zu viel Geld kommen will"

Die Geisel muss acht Briefe schreiben, eine Art Schnitzeljagd für seine Angehörigen, an deren Ende sie einen sechsstelligen Lösegeldbetrag hinterlegen sollen. Bei nächtlichen vier Grad harrt Stefan T. aus, bis ihm nach 35 Stunden Gefangenschaft in der Dämmerung die Flucht gelingt.

Bereits am 2. Oktober 2011 hatte Mario K. nach Ansicht der Ermittler die Tochter des vermögenden Unternehmers Christian P. vor der Familienvilla im brandenburgischen Bad Saarow überfallen. Dreimal schoss er auf die 23-Jährige, deren Bodyguard sich vor sie warf. Der 33-Jährige wurde getroffen und ist seither querschnittsgelähmt. Er hatte erst wenige Wochen zuvor den Dienst bei der Familie angetreten.

Grund für seine Einstellung war ein Anschlag am 22. August 2011 auf die Ehefrau des Millionärs. Die 60-Jährige war abends vor dem Haus niedergeschlagen worden, ihre Hunde konnten den Täter in die Flucht schlagen. Auch diesen Überfall soll Mario K. verübt haben.

Von Beginn an schätzte die Soko "Imker" den flüchtigen Täter als hochgefährlich ein. Die 60 Beamten gingen insgesamt 1049 Spuren nach, prüften 529 Bürgerhinweise und werteten 700 kriminaltechnische Spuren aus. "Hier ist einer unterwegs, der zu viel Geld kommen will", sagte Soko-Leiter Siegbert Klapsch noch im Januar dieses Jahres. Stolz konnte er am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Potsdam das Resultat der aufwendigen Ermittlungsarbeit präsentieren.



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