Entführungsopfer Jaycee Dugard Psychotherapie vor Millionenpublikum

18 Jahre darbte Jaycee Dugard als Gefangene in einem Hinterhofverlies, litt unermessliche Qualen. Jetzt hat sie im US-Fernsehen erstmals über ihren Überlebenskampf gesprochen. Kraft schöpfte sie vor allem aus ihren Kindern, die sie nach Vergewaltigungen bekommen hatte.

AP/ ABC News

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Ihr letzter Moment in Freiheit war Schmerz und Schock. "Plötzlich fühle ich mich wie gelähmt, und mein ganzer Körper brennt", sagt Jaycee Dugard - im Präsens, als sei es noch ganz nah. "Ich falle ins Gebüsch. Ich mache mich nass."

Sie verlor das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf dem Boden eines fahrenden Wagens. "Ich erinnere mich noch, dass sich mein Hals sehr trocken und kratzig anfühlte, als hätte ich geschrien. Aber ich erinnere mich nicht, geschrien zu haben."

Dugard sitzt auf einem Sofa und erzählt stockend von ihren Qualen. Sie trägt eine rosa Strickjacke, ähnlich wie an jenem 10. Juni 1991. Elf Jahre jung war sie, als sie im kalifornischen Lake Tahoe auf dem Schulweg entführt wurde. Ihre Mutter hatte zuvor in aller Eile vergessen, ihr einen Abschiedskuss zu geben.

18 Jahre lang hielten sie der vorbestrafte Sexualtäter Phillip Garrido und seine Ehefrau Nancy gefangen, in einem Labyrinth aus Hinterhofschuppen in Antioch östlich von San Francisco. Immer wieder vergewaltigte Garrido das Mädchen. Dugard, anfangs selbst ein Kind, gebar zwei Kinder, bevor sie im August 2009 durch reinen Zufall entdeckt und befreit wurde.

Heute ist Dugard 31, eine junge Frau, die viel jünger aussieht. Am Sonntagabend hat sie ihre Leidensgeschichte zum ersten Mal erzählt. Das amerikanische TV-Network ABC, dessen Star-Interviewerin Diane Sawyer die sanfte Befragung übernimmt, walzt die Tragödie zur mehrstündigen Seifenoper aus, mit elegischer Musik und Weichzeichner, gefolgt vom zweiten Akt im Frühstücksfernsehen.

Es ist jedoch Dugard selbst, die diese telegene Verkitschung ihrer Geschichte sabotiert. Sie lacht, weint, beschreibt ihre Tortur, manchmal sogar mit coolem Humor. Doch ihr widerstrebt jede Dramatisierung. "Warum dem nicht ins Gesicht sehen", sagt sie lakonisch über jene 18 Jahre, fast zwei Drittel ihres Lebens, die sie im Elend vegetierte. "Es direkt anstarren. Bis es einem keine Angst mehr machen kann."

Dugard nutzt das Interview als öffentliche Psychotherapie - und als Versuch, anderen Opfern ähnlicher Schreckenstaten zu helfen. Mit diesem Ziel hat sie auch ein Buch darüber geschrieben, das am Dienstag auf den US-Markt kommt, flankiert von einer enormen PR-Kampagne samt exklusiven Auszügen und einer Titelstory im "People"-Magazin.

"A Stolen Life" heißen diese Horror-Memoiren. Ein gestohlenes Leben. Das Buch sieht aus wie ein Poesiealbum, das Cover ziert ein Foto der kleinen Jaycee, die die Zunge herausstreckt.

Der Fall Jaycee Dugard hat die Leute in den USA ähnlich berührt wie die Fälle Kampusch und Amstetten die Europäer. Die zerstörte Familie, die verlorene Unschuld eines Mädchens. Das Versagen der Behörden, unter deren Augen das Monströse geschah. Schlüsselreize, aus denen Middle Americas Alpträume gemacht sind.

"Möbel" aus Kakaotüten

Für Dugard begann dieser Alptraum an einem Sommermorgen. Wie immer wanderte sie auf dem Weg zur Schule am Straßenrand entlang den Hügel hoch, "gegen den Verkehr, das war das Sicherste", so wusste sie es. "Auf halber Strecke veränderte sich meine Welt im Nu."

Garrido fuhr an sie heran, kurbelte die Scheibe herunter, betäubte sie mit einem Elektroschocker und verschleppte sie in sein Hinterhofverlies. "Es war der schrecklichste Moment meines Lebens", sagt Dugard.

Doch bedrückt wirkt sie heute kaum. Mit scharfem Blick fürs Wesentliche seziert sie im Interview ihre Gefühle und die ihrer Folterknechte, zeichnet die Details ihrer Haft nach und die Tricks, mit denen sie damals ihre Verzweiflung bekämpfte: "Ich tat, was ich musste, um zu überleben."

Sie versteckte einen Schmetterlingsring vor ihren Entführern. Sie bastelte aus Kakaotüten Möbel für Barbie-Puppen. Sie führte ein Tagebuch, in dem sie Zukunftspläne schmiedete, etwa für die Gründung einer Klinik für Obdachlose. Sie erstellte eine Liste von Wünschen, die sie sich nach ihrer Heimkehr erfüllen wollte: "Meine Mom sehen. Mit einem Heißluftballon fliegen."

Der Peiniger entschuldigt sich unter Tränen

"Wie hast du nur den Verstand behalten?", fragt TV-Reporterin Sawyer. Dugard lacht. "Keine Ahnung. Es gab ja immer Hoffnung. Immer Hoffnung."

"Um es gleich mal klarzustellen", liest sie die ersten Worte ihres Buchs vor. "Mein Name ist Jaycee Lee Dugard." Ein Name, den Garrido ihr 18 Jahre lang verboten hatte auszusprechen.

Sie lebte in einem Schuppen mit einem vergitterten Fenster, von einem Handtuch zugehängt. Bis heute verfolgen sie Gerüche, Geräusche: der Moder, die Eisenbahn in der Ferne, die quietschenden Bettfedern, das Klicken des Vorhängeschlosses. "Ich höre es immer noch."

Dugard wurde zur Sklavin, ihre Toilette war ein Eimer. Was sexueller Missbrauch war, wusste sie nicht - ihre Vorstellung von Sex war es, wenn "Ken und Barbie nebeneinanderliegen".

Gleich in der ersten Woche verging sich Garrido an ihr. Anschließend entschuldigte er sich heulend und brachte ihr einen Milchshake.

Es dauerte lange, bis Dugard sich ihrer ausweglosen Lage bewusst wurde. "Ich dachte, dass es nie wieder einen Tag gibt, an dem ich nicht weinen würde. Doch nach einer Weile nahm ich mir vor, nicht länger zu weinen."

Zwei Geburten in der Gefangenschaft

Es verstrichen Wochen, Monate, Jahre. In Lake Tahoe gab Dugards Mutter Terry Probyn die Suche nach ihrer Tochter nicht auf. In Antioch versuchte die Tochter, das Gesicht ihrer Mutter nicht zu vergessen - und kämpfte dagegen, langsam ihre Identität zu verlieren. "Ich war so einsam", sagt sie. "Ich fühlte mich so alleine."

Pro Jahr werden in den USA mehr als 600.000 Kinder unter 18 Jahren als vermisst gemeldet. Fast 55 Prozent davon sind Mädchen. Rund 51.000 sind bis heute verschwunden, das FBI führt sie als "aktive Akten".

Nach drei Jahren bekam Dugard ein Baby. Sie selbst war erst 14, hatte keinerlei Ahnung von Schwangerschaft oder Geburt. "Ich hatte das doch noch nie gesehen." Sie gebar ihre Tochter - die sie Starlite nannte - im Hof, unter zwölfstündigen, grausigen Wehen. Phillip Garrido riss die Nabelschnur mit der Hand ab.

"Dann sah ich sie", sagt Dugard. "Sie war wunderschön. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein, jemanden zu haben, der zu mir gehörte. Ich war nicht mehr alleine." Und da weint sie zum ersten und, zumindest in der Schnittversion des Interviews, einzigen Mal.

Ihre zweite Tochter Angel kommt nach drei weiteren Jahren zur Welt, im November 1997. Damit endete der sexuelle Missbrauch abrupt.

Warum sie nie floh, es nicht mal versuchte, kann sie auch heute noch nicht schlüssig beantworten. "Es schien keine Option zu sein", sagt sie dazu nur. "Es gab keinen Ausweg."

Der Name auf dem Zettel bringt die Freiheit

Unterdessen wurden die Garridos über die Jahre immer wieder von Bewährungshelfern besucht, ohne dass denen die Kinder im Hof auffielen. Garrido, ein religiöser Fanatiker, hatte elf Jahre wegen Vergewaltigung eingesessen und war nur auf Bewährung frei. Drei Behörden waren beauftragt, ihn zu überwachen. Alle drei versagten kläglich.

Nur durch die Geistesgegenwart zweier Beamter wurde Dugard schließlich vor zwei Jahren entdeckt. Als sie nach ihrem Namen gefragt wurde, kritzelte sie ihn zögerlich auf ein Stück Papier - zum ersten Mal seit 18 Jahren. "Das war, als sei ein Stück von mir zurückgekehrt."

Phillip Garrido wurde im Juni zu 431 Jahren Haft verurteilt, Nancy Garrido zu mindestens 36 Jahren. Dugard lebt mit ihrer Mutter und ihren Töchtern zusammen und wundert sich täglich über ihr Glück. "Jetzt kann ich ins Nebenzimmer gehen und meine Mom sehen", staunt sie. "Wow, es ist unglaublich, wirklich."

Um den Hals trägt sie ein Amulett in Form eines Tannenzapfens. Denn es war ein Tannenzapfen, den sie als letztes in ihren Händen spürte, bevor sie an jenem 10. Juni 1991 ohnmächtig wurde. "Jetzt ist er ein Symbol der Hoffnung und des Neuanfangs", sagt sie. "Es gibt ein Leben nach der Tragödie."



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