Entführungswelle in Südafrika Ein Menschenleben für ein paar Tausend Dollar

Jeden Tag werden in Südafrika Dutzende Menschen gekidnappt, Tendenz steigend. Organisierte Banden haben Lösegeldforderungen zum Geschäft gemacht. Jetzt mehren sich Rufe nach Sondereinheiten.
Protest gegen Milde für Kidnapper (Johannesburg, Juli 2022): Entführungen sind in Südafrika ein Geschäft

Protest gegen Milde für Kidnapper (Johannesburg, Juli 2022): Entführungen sind in Südafrika ein Geschäft

Foto: Sharon Seretlo / Gallo Images / Getty Images

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Am Morgen des 29. September fuhr die 35-jährige Ukrainerin Anichka Penev in ihrem gelben Audi-Sportwagen über die Ipswich Road in Kapstadt, als sich vor ihr ein weißer Toyota querstellte. Von hinten schloss ein Ford Fiesta auf. Sekunden später zerrten sechs Bewaffnete die sich wehrende Frau aus dem Wagen und trugen sie gewaltsam in den Ford. Danach fuhren sie davon. Die Szene wurde von einer Sicherheitskamera gefilmt und verbreitete sich in Südafrika viral.

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Der Fall der Ukrainerin, möglicherweise die Ehefrau eines Fabrikbesitzers, wirft ein Schlaglicht auf ein Unwesen, das sich in Südafrika stark ausbreitet: Von organisierten Banden durchgeführte Kidnappings werden immer häufiger.

So stieg die Zahl der kommerziellen Entführungen schon von 2010 auf 2020 um 133 Prozent auf rund 6000 Fälle pro Jahr. Doch das ist nichts gegen die aktuelle Entwicklung: Die Fallzahlen stiegen im ersten Quartal 2022 um 109 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eine satte Verdopplung der Fallzahlen , die weiter steil ansteigen – das Tempo des Anstiegs hat sich im Vergleich zum zurückliegenden Jahrzehnt verzehnfacht. Die nächste Quartalsabrechnung dürfte noch schlimmer ausfallen. Aktuell verschwinden in Südafrika jeden Tag 38 Menschen, Tendenz steigend.

Die seit Jahren anhaltende Entführungswelle in Südafrika scheint außer Kontrolle. Das setzt auch Reagan Allen, erst seit April 2022 Minister für Polizeiaufsicht und Gemeindesicherheit der Kapprovinz, unter Druck.

»Wir wollen nicht, dass dies zu einer internationalen Blamage wird«, sagte Allen der südafrikanischen News-Website »Independent Online«  am Montag. »Dieses Thema könnte erhebliche Auswirkungen auf die Zahl der Touristen haben, die unsere Küsten besuchen, oder auf Unternehmen, die in der Provinz investieren. Was sich wiederum negativ auf unsere Wirtschaft und damit auf die Schaffung von Arbeitsplätzen auswirkt.«

Allen war im April mit dem Anspruch angetreten, die South African Police Services (SAPS)  zumindest in seiner Provinz zu reformieren. Rufe nach einer Abwicklung der SAPS, die als ineffizient gilt, der immer wieder Korruption unterstellt wird und der es nicht gelungen ist, die Zahl von Morden und Entführungen unter Kontrolle zu bekommen, trat Allen mit einem Reformprogramm entgegen, das er »Law Enforcement Advancement Plan (Leap)« , kurz »Leap« (»Sprung«) nannte. Der Fall Penev wie das weiter ungebremste Ansteigen von Entführungsfällen sind somit auch seine Blamage.

Besonders peinlich ist aus dieser Perspektive, dass die aktuellen Fälle wie Bestätigungen der letzten, im September 2022 veröffentlichten Südafrika-Risikostudie der »Global Initiative Against Transnational Organised Crime«  wirken. Schon deren erster Satz wirkt abschreckend: »Das organisierte Verbrechen ist eine existenzielle Bedrohung für Südafrikas demokratische Institutionen, Wirtschaft und die Bevölkerung.«

Immer wieder: Gewalt gegen Kinder

Das sehen auch immer mehr Bürger dort so. Was die Öffentlichkeit erschreckt, sind die Dreistigkeit und Brutalität, mit der das geschieht. Am 17. August entführten sechs Bewaffnete den sechsjährigen Shanawaaz Ashgar, indem sie ihn den Eltern entrissen, die ihn gerade zur Schule fahren wollten. Als die sich zu wehren versuchten, drückten die Täter dem Kind eine Pistole an den Kopf. Auf komplettes Unverständnis in der Öffentlichkeit stieß dann die Tatsache, dass Streifenpolizisten, die der den Tätern nachsetzende Vater ansprach, ihre Hilfe verweigerten. Sie wollten sich erst einmal in Ruhe den Tatort ansehen. Immerhin: zwei Tage später war der Junge wieder frei, wahrscheinlich gegen Zahlung eines satten Lösegelds.

Denn darum geht es in den meisten Fällen. Ziel der Entführungen sind in der Regel Besserverdienende, die meisten Opfer sind Frauen, oft sind es Kinder. Sexueller Missbrauch der Opfer ist häufig. Die Entführung von Männern ist seltener, vielleicht, weil die sich stärker wehren könnten – was mitunter schlimm endet, wie ein Fall Anfang September zeigte. Drei Bewaffnete versuchten am Morgen des 9. September, einen Geschäftsmann vor seiner Firma in Kapstadt zu kidnappen. Als dessen Widerstand zu stark ausfiel, erschossen sie ihn und flohen. So etwas sei nicht selten, sagen Experten, aber wie häufig es tatsächlich ist, scheint niemand zu wissen: Es gibt keine gesonderte Statistik darüber, wie viele Opfer ihre Entführung nicht überleben.

Besorgnis erregt eine weitere Entwicklung. Mitunter erfolgen Kidnappings scheinbar spontan und schon wegen vergleichsweise kleiner Summen, die Täter »pflücken« sich ihre Opfer regelrecht von der Straße.

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Im Juni entführten Gangster Lesego Tau , eine junge Frau aus Pretoria. Beim Einparken auf dem Parkplatz eines Shoppingcenters riss ein Täter plötzlich eine der Türen auf und setzte sich auf den Rücksitz. Mit vorgehaltener Waffe nötigte er die Frau, in ein abgelegenes Gewerbegebiet zu fahren, wo zwei weitere Männer warteten. Sie plünderten ihr Portemonnaie, zogen mit mobilen Geräten Geld von ihren Kreditkarten und schlugen sie immer wieder mit ihren Waffen – fast fünf Stunden lang. Als die Karten an ihr Limit kamen, forderte ein Täter einen Zweiten auf, die Frau zu erschießen. Es gelang ihr, sich freizukämpfen und aus dem Auto zu fliehen. Sie entkam und überlebte, indem sie über eine Straße direkt in den entgegenkommenden Verkehr hineinlief. Die Beute der Männer: unter tausend US-Dollar.

Gerade solche Fälle erschrecken die südafrikanische Öffentlichkeit, weil sie zeigen, dass potenziell jeder zum Opfer werden kann. Wurde in vergangenen Jahren vor allem dann groß über Fälle berichtet, wenn es um reiche Gekidnappte ging, deren Familien oft mit Lösegeldforderungen in Millionenhöhe konfrontiert wurden, weiß man inzwischen, dass die Täter mitunter auch für Kleingeld tätig werden. Ein Opfer wird taxiert und wenn es nur 8000 Dollar »wert« scheint, auch nicht mehr verlangt. Das ist wie beim Discounter: Die Masse macht es profitabel.

Häufig agieren die Täter am helllichten Tag und werden dabei gar nicht einmal selten von Kameras gefilmt. Es scheint ihnen egal zu sein, wohl aus guten Gründen: Die Nummernschilder der Tatfahrzeuge sind meist gestohlen oder gefälscht, und viele der Täter dürften nicht aktenkundig sein. Denn viele von ihnen, glauben Südafrikas Polizeibehörden, kommen aus angrenzenden Ländern. Sie versuchen seit einigen Jahren, dem Problem mit Sondereinheiten und spezialisierten Ermittler-Task-Forces beizukommen.

Razzien gegen Entführerbanden in den letzten Jahren zeigten, dass diese oft international vernetzt und besetzt sind: Verhaftet wurden neben Südafrikanern Täter aus Mosambik, diversen anderen afrikanischen Ländern und sogar Pakistan. Inzwischen scheint klar, dass viele der Banden von internationalen Syndikaten gesteuert werden. Kommentatoren südafrikanischer Medien rufen nun vermehrt nach entsprechender internationaler Kooperation und Hilfe – nicht zuletzt, weil die Kidnappingwelle inzwischen dem wichtigen Tourismusgeschäft spürbar schadet.

Warnung vor unsicherer Gegend in Südafrika: Straßenschilder helfen nicht, wenn Entführungen überall passieren können

Warnung vor unsicherer Gegend in Südafrika: Straßenschilder helfen nicht, wenn Entführungen überall passieren können

Foto: Benny Marty / Shutterstock

Teil des Problems scheint aber auch zu sein, dass die verschiedenen Polizeibehörden nicht hinreichend miteinander kooperieren. Nach der Entführung der Ukrainerin Anichka Penev machten Vertreter der South African Police Services (SAPS) öffentlich das Angebot, die lokalen Polizeikräfte zu unterstützen. Denn Kapstadt leistet sich eine eigene Sondereinheit gegen Entführungen – was okay wäre, wenn diese hinreichend mit den überregionalen Ermittlern vernetzt wäre.

Doch genau daran mangelt es offenbar weiterhin. Am Montag wandte sich Jean-Pierre Smith, im Stadtrat von Kapstadt zuständig für das Thema Sicherheit, mit einem Appell an die Politik: Um das Problem unter Kontrolle zu bekommen, bedürfe es der Hilfe von internationalen Experten sowie geheimdienstbasierte Informationen.

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Von Anichka Penev fehlt weiterhin jede Spur, die Ermittlungen hat eine Sondereinheit für Entführungen und Mordfälle übernommen. Am Freitag soll eine Lösegeldforderung über fünf Millionen Rand (ca. 282.000 Euro) eingegangen sein, die Familie der Frau dementiert das jedoch: Spekulationen über Lösegeldhöhen oder darüber, was Anichka Penevs Auto gekostet haben mag, seien »schädlich«.

Denn Fehleinschätzungen über den Wert eines Opfers können tödlich sein. Als die Eltern des achtjährigen Lukhololwam Mkontwana Mitte September das Lösegeld für ihren Sohn nicht aufbringen konnten, brachten die Täter das Kind um . Gefordert worden waren rund 5600 Euro.

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