Prozess wegen Attacke auf Roma-Familie "Mein Dorf ist ziemlich rechtsorientiert"

Fünf Männer sind in Ulm wegen versuchten Mordes und versuchter schwerer Brandstiftung angeklagt: Sie sollen eine Fackel auf das Wohnwagenlager einer Roma-Familie geworfen haben. Sie hätten "eine Art Statement setzen" wollen.
Von Wiebke Ramm
Seit Montag müssen sich die 17 bis 19 Jahre alten Angeklagten vor dem Landgericht Ulm wegen versuchten Mordes in zwei Fällen und wegen versuchter schwerer Brandstiftung verantworten

Seit Montag müssen sich die 17 bis 19 Jahre alten Angeklagten vor dem Landgericht Ulm wegen versuchten Mordes in zwei Fällen und wegen versuchter schwerer Brandstiftung verantworten

Foto: Stefan Puchner/ dpa

Ein Foto bringt die fünf jungen Männer auf der Anklagebank in Erklärungsnot. Eine Mischung aus Dummheit und "schwarzem Humor" sei das gewesen, sagt einer. Bloß eine Erinnerung an einen gemeinsamen Tag, sagt ein anderer. Das Foto zeigt die fünf mit einer Reichsflagge mit Reichsadler und Eisernem Kreuz. Vier von ihnen zeigen den Hitlergruß. Wenige Tage später, am 24. Mai 2019, werfen dieselben jungen Männer gegen 23.15 Uhr eine brennende Fackel auf das Wohnwagenlager einer Roma-Familie. Die Fackel landet wenige Meter neben einem Wohnwagen, in dem eine Frau und ihr Baby schlafen.

Seit Montag müssen sich die 17 bis 19 Jahre alten Angeklagten vor dem Landgericht Ulm wegen versuchten Mordes in zwei Fällen und wegen versuchter schwerer Brandstiftung verantworten. Die Angeklagten hätten den Tod von Menschen zumindest billigend in Kauf genommen, trägt der Staatsanwalt in der Anklage vor. Corona-bedingt wird nicht im Gerichtsgebäude, sondern in einem Veranstaltungssaal im sogenannten Kornhaus verhandelt.

Mehrere Attacken gegen die Roma-Familie

Es war nicht die erste Attacke der Angeklagten auf die Roma-Familie. Die Familie campte seit dem 14. Mai 2019 mit 18 Wohnwagen auf einer Wiese am Ortsrand von Erbach im Alb-Donau-Kreis. Es ist die Heimat der Angeklagten. Staatsanwalt Patrick Bader zählt drei weitere Vorfälle auf.

Drei der Angeklagten hatten zunächst ein Holzschild mit der Aufschrift "Not welcome" und "155 bleibt deutsch" neben die Wohnwagen gelegt. Die 155 steht für die Erbacher Postleitzahl 89155. Ein paar Tage später ließen sie einen Knallkörper neben dem Camp explodieren. An einem anderen Tag legten sie einen toten Schwan neben die Wohnwagen. Und schließlich warfen sie eine brennende Fackel. Dass sie die Familie vertreiben wollten, geben die Angeklagten zu. Aber dass sie den Wohnwagen treffen, einen Brand legen oder einen Menschen verletzten, gar töten wollten, bestreiten sie.

Leo B., 19, macht den Anfang. Er war es, der die Fackel damals geworfen hat. Vor Gericht sagt er nun, er und seine Freunde hätten an jenem Samstagabend geangelt und einige Biere getrunken. Schließlich sei ein Mann vorbeigekommen und habe ihnen für einen Fisch zwei Fackeln zum Tausch angeboten. Sie hätten zugestimmt. Sie seien irgendwann mit einer brennenden Fackel losgefahren, ohne Ziel, ohne Plan. Die Fackel habe ein Mitangeklagter auf der Rückbank aus dem Fenster gehalten. Dann seien sie sich dumm vorgekommen, so durch ihr Dorf zu fahren. Stattdessen seien sie mit dem Auto auf den Feldweg eingebogen, der zum Roma-Camp führte. Dort hätten sie die Fackel "entsorgen" wollen.

"Die Fackel fiel genau dorthin, wo ich es wollte"

Leo B.: "Es war als Spaß gedacht." Er saß auf dem Beifahrersitz und nahm die Fackel von seinem Freund. Er sagt: "Ich warf sie gezielt links neben den Wohnwagen. Die Fackel fiel genau dorthin, wo ich es wollte." Er habe extra darauf geachtet, dass sie weit genug vom Wohnwagen entfernt landete. Erst im Nachhinein sei ihnen bewusst geworden, "welchen Mist wir gebaut haben". Er sagt: "Ich schäme mich zutiefst für diese Aktion." Nachfragen des Gerichts und der anderen Prozessbeteiligten lässt Leo B. nicht zu.

Ein anderer Angeklagter, Robin D., 18, sagt, sie hätten nach Ankunft der Familie beschlossen, "dass wir was dagegen machen müssen". Er schildert die Sache mit dem Holzschild und die mit dem toten Schwan. Die Idee, mit der Fackel zu der Roma-Familie zu fahren, habe der jüngste Angeklagte noch am Angelplatz gehabt. Sie hätten "eine Art Statement setzen" wollen.

"Was hatten Sie gegen die Familie?", fragt der Vorsitzende Richter. "Ich denke, ich war ein bisschen von Vorurteilen geleitet", sagt Robin D. Als er sie erklären soll, druckst er herum. Der Beisitzende Richter fragt ihn nach seiner politischen Einstellung. "Ich würde mich als rechts offen darstellen." Er habe vor der Tat mit der AfD sympathisiert und die Flüchtlingspolitik "kritisch beäugt". In der Untersuchungshaft habe er dann mit einem syrischen Flüchtling in einer Zelle gelebt. Da habe er gemerkt, dass seine Vorurteile gar nicht stimmten.

"Ich weiß nicht, was wir uns eigentlich dabei gedacht haben"

Der Beisitzende Richter fragt jeden einzelnen Angeklagten, was er über die NS-Zeit denkt. Alle beteuern, dass dies eine "schreckliche", eine "verabscheuungswürdige" Zeit gewesen sei. Wie er sich dann das Foto mit dem Hitlergruß auf seinem Handy erkläre, fragt der Richter nun Robin D. "Das war einfach dumm", sagt der Angeklagte: "Ich weiß nicht, was wir uns eigentlich dabei gedacht haben."

Wenn man nach Fotos auf dem Handy gehe, müsste jeder Zweite aus ihrem Dorf eine Anzeige bekomme, sagt der nächste Angeklagte, Dominik O., 18. Viele Bewohner hätten sich über die Roma-Familie aufgeregt, "hauptsächlich ältere Leute". Zu seiner eigenen Einstellung sagt er: "Man muss schon unterscheiden zwischen rechtsangehaucht und Vollblutnazi. Letzteres sind wir alle nicht."

"Ich bin jetzt kein Nazi, ich bin einfach stolz darauf, deutsch zu sein"

Seine politische Einstellung erklärt der nächste Angeklagte, Maximilian P., 18, so: "Vaterlandsliebe - ich bin jetzt kein Nazi, ich bin einfach stolz darauf, deutsch zu sein." Auch er sagt, er habe inzwischen dazugelernt. "Mir hat die JVA einfach die Augen geöffnet." Er sehe ein, dass sie in jener Nacht "einen massiven Fehler" gemacht hätten. "Ich kenne ein paar Zigeuner, mit denen verstehe ich mich prima. Ich weiß nicht, was damals mein Problem war."

Am Ende spricht der jüngste Angeklagte. Der 17-Jährige widerspricht seinen Mitangeklagten, dass er es gewesen sei, der vorgeschlagen hatte, mit der Fackel zu der Roma-Familie zu fahren. "Ich hatte die Idee nicht, ich habe das niemals gesagt."

Auch er spricht von "Vorurteilen" gegen Sinti und Roma, die er zur Tatzeit gehabt habe. Der Richter fragt, woher diese Einstellung gekommen sei. "Mein Dorf ist ziemlich rechtsorientiert", sagt er. Er selbst habe sich geändert. Mittlerweile habe er gelernt, "dass man Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung verurteilen darf." Er sagt: "Man sieht ja, wo das alles hinführt, in ganz Deutschland, in Halle, in Hanau. Man sieht, dass es der falsche Weg ist."

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