Erbstreit mit Unicef "Ein Zeichen ganz besonderer Gier"

Der letzte Wille des toten Mannes schien klar: Unicef und sein Bruder sollten das Millionenvermögen erben. Genug für beide, sollte man meinen. Doch als die Familie den Erbschein beantragte, gab es eine böse Überraschung.
Erbengemeinschaft, Anwältin Wenk (Mitte): Streit mit Unicef

Erbengemeinschaft, Anwältin Wenk (Mitte): Streit mit Unicef

Foto: Oliver Killig

Als Hans Helmut Hosemann kurz vor Weihnachten 2013 in Bad Tölz nahe dem Tegernsees verstarb, hinterließ er ein stattliches Vermögen: 1,168 Millionen Euro. Zeit seines Lebens hatte der ehemalige Patentamtsbeamte sparsam gelebt. Anzüge wurden aufgetragen, Hemden und Badehose waren geflickt, und auf Reisen hatte er stets ein Kopfkissen dabei, in einer Plastiktüte, mit einer Schnur zugebunden. Ein Einzelgänger ohne Frau und Kinder.

Seine Familie war die seines jüngeren Bruders Georg: Schwägerin Sonja und die beiden Kinder Sandra und Andreas. Der einzige Neffe war auch sein Patenkind. Die Familie lebt in der Schweiz, dort hat Hans Helmut Hosemann sie auch besucht. Oder sie waren bei ihm in Bad Tölz zu Gast. Er hat, ganz altmodisch, Kontakt per Brief gehalten. Telefonieren war ihm zu teuer.

Sein einziger Luxus waren Reisen im Winter, in warme Länder wegen seiner Gelenkschmerzen, und gelegentliche Spenden an die Hilfsorganisation Unicef, weil er deren Arbeit für Kinder so großartig fand. Darum hat er Unicef und seinen Bruder Georg in seinem 2005 beim Landratsamt in Wolfratshausen hinterlegten Testament als Erben eingesetzt, zwei Drittel für die Hilfsorganisation und ein Drittel für den Bruder.

Genau um dieses Testament wird seit anderthalb Jahren gestritten, vor dem Amtsgericht in Wolfratshausen. Unicef will sich nicht mit den zwei Dritteln begnügen, sondern will das ganze Geld.

Böse Überraschung nach dem Tod des Erbonkels

Erbschaften spielen eine immer größere Rolle für Hilfsorganisationen. Es geht um das ganz große Geld: Zwischen 2011 und 2020 werden in Deutschland rund 2,6 Billionen Euro vererbt, schätzt das Empirica Institut Berlin. Viele Reiche haben keine direkten Erben, oder sie wollen etwas von ihrem Erfolg abgeben, an diejenigen, denen es nicht so gut ergangen ist. Solche potenziellen Spender werden gezielt umworben, damit sie mit ihrem Erbe etwas Gutes für andere tun.

Das war ja auch der Wunsch von Hans Helmut Hosemann. Sein Bruder Georg, 13 Jahre jünger als er, ist bereits 2007 gestorben. Seine Witwe Sonja hatte danach ihren Schwager in seiner Wohnung in Bad Tölz besucht, so schildert sie es, gemeinsam hätten sie überlegt, ob das Testament geändert werden müsste. "Aber für ihn war damals klar, wenn der Georg nicht mehr lebt, bekommen seine Kinder das Erbe", erinnert sich Sonja Hosemann. "Für uns war damit alles geregelt."

Doch nach dem Tod des Erbonkels erlebten ihre Kinder eine böse Überraschung, als sie beim Amtsgericht Wolfratshausen den Erbschein beantragten: Unicef klagte dagegen, erhob Anspruch auf das ganze Erbe. Mit der Begründung, der Begünstigte sei doch schon tot.

"Wir mochten das erst gar nicht glauben," erinnert sich Andreas Hosemann, 38, der seinen Onkel "Götti" nennt, das schweizerdeutsche Wort für Pate. "Meinen Onkel würde das ganz furchtbar aufregen, wenn er das mitbekommen würde."

In einer ersten Entscheidung, am 16. Dezember 2014, wies das Amtsgericht das Ansinnen von Unicef zurück. Die Richterin machte das, was immer gemacht werden muss, wenn Testamente Fragen aufwerfen. Sie interpretierte den letzten Willen. Die Aufteilung eines Gesamtvermögens zwischen einer karitativen Organisation und einem Familienmitglied spreche dafür, dass der Erblasser weder die Organisation noch die Familie allein bedenken wollte. Der verstorbene Bruder sei als Teil des Familienstammes zu bewerten, nach dem Vater würden die Kinder erben.

"Besonders dreist"

Unicef gab sich nicht geschlagen und hat Beschwerde eingelegt. Das Amtsgericht Wolfratshausen vernimmt dazu am Freitag Sonja Hosemann. Für die 63-Jährige ist es das erste Mal, dass sie vor Gericht aussagen muss. Mit ihren Kindern wird sie aus der Schweiz anreisen, notgedrungen habe sie sich inzwischen auch eine Rechtsanwältin nehmen müssen.

"Wenn der Hans Helmut wüsste, dass sein schönes Geld jetzt für Anwälte und Gericht ausgegeben wird", regt sich die dunkelhaarige Frau auf. Für Anwältin Silke Wenk ist es nicht das erste Mal, dass sie Erben gegen eine Hilfsorganisation vertreten muss. "Dieser Fall ist aber besonders dreist", stellt sie fest. Dass Unicef auch nach dem erkennbaren Willen des Gerichts weitermacht, ist für die Juristin aus Lindau am Bodensee "ein Zeichen ganz besonderer Gier, mit der man sich hier auch über den erklärten Willen des Spenders hinwegsetzt". Das sei "einfach unanständig".

Gerichtliche Auseinandersetzungen mit potenziellen Erben kämen selten vor, teilt Unicef auf Anfrage mit. Bei Unklarheiten suche man die Verständigung. "Im üblichen Verfahren der Erbscheinerstellung hat das Nachlassgericht eine vorläufige Rechtsauffassung formuliert", heißt es in der Stellungnahme. "Wir sind grundsätzlich verpflichtet, entsprechende Auslegungen zu prüfen. Bei der Prüfung der uns vorliegenden Unterlagen fielen Widersprüche in der Begründung auf, die wir klären müssen."

Lenkt Unicef nicht ein, wird demnächst das Oberlandesgericht in München über den Fall entscheiden müssen.

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