Prozess gegen Thüringer Polizisten Opfer abgetaucht

Haben zwei Polizeibeamte im Dienst eine Frau vergewaltigt? Mit Spannung wurde der Auftritt des Opfers vor Gericht erwartet. Doch die 32-Jährige erschien nicht. Ein Vorteil für die Verteidigung?
Aus Erfurt berichtet Julia Jüttner
Der ältere der beiden angeklagten Polizeibeamten wird in den Schwurgerichtssaal geführt: Könnten seine Handyaufnahmen die Vergewaltigungsvorwürfe entkräften?

Der ältere der beiden angeklagten Polizeibeamten wird in den Schwurgerichtssaal geführt: Könnten seine Handyaufnahmen die Vergewaltigungsvorwürfe entkräften?

Foto: Bodo Schackow/ dpa

Vor sieben Uhr in der Früh stehen die ersten Zuhörer vor dem Landgericht Erfurt am Domplatz an, um einen Platz in Saal 1.42 zu bekommen. Im Prozess gegen zwei Polizeibeamte ist am Montag die Frau geladen, die die beiden Männer wegen Vergewaltigung angezeigt hat. Die Beamten der Polizeiinspektion Gotha - 23 und 28 Jahre alt - bestreiten den Vorwurf, geben aber zu, mit der Frau einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehabt zu haben.

Mit Spannung wird die Aussage der gebürtigen Polin vor Gericht erwartet. Doch die 32-Jährige erscheint nicht. Ihr aktueller Aufenthaltsort sei nicht zu ermitteln und über die bekannten Kontaktdaten sei sie nicht zu erreichen, teilt die 2. Strafkammer mit. Auch Zielfahnder konnten die Frau bislang nicht finden. Vermutlich hält sie sich noch in den Niederlanden auf, wo sie zuletzt in einer ehemaligen Flüchtlingsunterkunft gewohnt haben soll.

Das Gericht entscheidet daher, die richterliche Vernehmung der Frau, die im September vergangenen Jahres auf Video aufgezeichnet wurde, an einem der folgenden Verhandlungstagen abzuspielen. Für die Verteidiger ist es eine schwierige Situation, wenn sie die Zeugin nicht selbst befragen können. Der Vorsitzende Richter Detlef Hampel sagt deshalb, die Kammer werde die fehlende Möglichkeit der konfrontativen Nachfrage berücksichtigen und spricht davon, dass sich die Frau dem Verfahren "entziehe". Eine Wortwahl, die das Gericht nicht zufällig getroffen haben dürfte.

Das Gericht will den Prozess durchziehen

Sagt die Hauptbelastungszeugin nicht vor Gericht aus, steht Aussage gegen Aussage. Dies nimmt die Verteidigung an diesem Tag zum Anlass für ein sogenanntes Rechtsgespräch und schlägt vor, die beiden Polizeibeamten zu Haftstrafen von zwei Jahren zu verurteilen und diese zur Bewährung auszusetzen. Die beiden Staatsanwältinnen willigen ein. Doch die Richter lehnen eine vorzeitige Beendigung des Verfahrens ab.

Und so widmen sich die Prozessbeteiligten einem weiteren Detail, das von großer Bedeutung in diesem Verfahren ist: Handyaufnahmen, die es von dem Vorfall geben soll. Der ältere der beiden Polizisten filmte sich und den Kollegen während des Geschlechtsverkehrs. Tage später löschte er die Sequenzen und versenkte sein Handy in einem Bach. Das Gerät konnte zwar sichergestellt, die Daten aber bislang nicht komplett ausgewertet werden. Speicherelemente müssen übertragen werden, das kann noch Wochen dauern.

"Eine komplett entkleidete Frau"

Gesehen hat die Videos Patrick S., ein Kollege, der an jenem 28. September vergangenen Jahres mit den beiden Angeklagten auf Streife war in Arnstadt, etwa 30 Kilometer von Gotha entfernt. Dort trafen die mutmaßlichen Täter auf ihr mutmaßliches Opfer. Gemeinsam überprüften die Streifenbeamten die 32-Jährige und ihren Lebensgefährten: Der Mann trug verfassungsfeindliche Tattoos, die Frau wies sich mit einem gefälschten Pass aus. Zur Abklärung ging es zunächst auf die Polizeistation, anschließend nach Marlishausen, einem Ortsteil von Arnstadt, um dort nach Dokumenten zu suchen, die auf die wahre Identität der gebürtigen Polin schließen lassen .

In der Wohnung, so gab es die Frau später zu Protokoll, sollen die beiden Angeklagten sie ungeschützt vergewaltigt haben. Laut Staatsanwaltschaft ist das sexueller Missbrauch einer "behördlich verwahrten Person", weil das Opfer den Polizeibeamten anvertraut war. Die Männer sind unter anderem wegen Vergewaltigung in besonders schwerem Fall angeklagt.

Weinte das Opfer im Polizeiwagen?

Patrick S., der Streifenkollege an jenem Tag, nimmt in Begleitung einer Anwältin im Zeugenstand Platz. Er wartete damals gemeinsam mit dem Lebensgefährten der Frau vor dem Haus in Marlishausen, als es zu der Vergewaltigung gekommen sein soll. Er beschreibt die Frau als "freundlich, aufgeschlossen und recht kommunikativ, obwohl sie kaum Deutsch sprach".

Auf dem Rückweg von ihrem Zuhause zur Polizei - also nach der mutmaßlichen Tat – sei die Frau "unverändert" gewesen. Sie habe während der Fahrt leise mit ihrem Begleiter auf Polnisch getuschelt; sie habe aber nicht "durchweg geweint", wie ihr Lebensgefährte später in einer Vernehmung aussagte.

"Ich dachte, die verarschen mich"

Am selben Abend, nach Dienstschluss, zeigte der ältere der beiden Angeklagten Patrick S. die Videos. Darauf sei "eine komplett entkleidete Frau" und ein "untenrum nackter Mann" beim Geschlechts- und Oralverkehr zu sehen; Gesichter habe er keine erkennen können, sagt Patrick S. Er will nicht gewusst haben, dass es sich bei den Protagonisten um seine beiden Kollegen handelt und um die Frau, deren Identität es zu klären galt. "Ich dachte, die verarschen mich", sagt Patrick S. mehrfach.

Ein Satz, den Verteidiger Matthias Fertig interessant findet, wenn der Betrachter angeblich keine Ahnung hatte, wer auf den Videos zu sehen ist. "So ein Satz macht doch nur Sinn, wenn Sie davon ausgegangen sind, dass das Ihre Kollegen waren", sagt Fertig. Patrick S. bestreitet das vehement.

Auch will er bei aller Sorge um die Kollegen, die in Untersuchungshaft saßen, nicht auf die Idee gekommen sein, dass die Videos die beiden womöglich entlasten könnten. Der Vorsitzende Richter, die Staatsanwältinnen, der Anwalt des Opfers – sie alle machen kein Geheimnis daraus, dass sie Patrick S.' Aussagen für zweifelhaft halten. Oder wie Nebenklagevertreter Bernhard Brinkmann fassungslos konstatiert: "Mir drängt sich die Frage nach Ihrer Polizeidiensttauglichkeit auf!" Eine Frage, die selbst im Fall eines einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs für die beiden Angeklagten längst beantwortet sein dürfte.

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