Prozess gegen Thüringer Polizisten Die letzte Schicht

Zwei Polizeibeamte sollen im Dienst eine Frau vergewaltigt haben. Vor Gericht sprechen die Männer von einvernehmlichem Geschlechtsverkehr - die Frau habe in ihrer eigenen Wohnung die Initiative ergriffen.
Aus Erfurt berichtet Julia Jüttner
Der angeklagte 23-jährige Polizeibeamte: "Es ging ja von ihr aus!"

Der angeklagte 23-jährige Polizeibeamte: "Es ging ja von ihr aus!"

Foto: Bodo Schackow/ dpa

An Händen und Füßen gefesselt, werden die beiden Polizeibeamten in Zivil in den Schwurgerichtssaal geführt. Ihr Unbehagen ist ihnen anzumerken. Amtsträger auf der Anklagebank sind selten, nicht nur hier im Landgericht Erfurt. In diesem Fall ist der Vorwurf besonders gravierend: Die Männer, 23 und 28 Jahre alt, sollen im Dienst - in Uniform, ihre Waffen bei sich - eine Frau in deren Wohnung vergewaltigt haben.

Seit sieben Monaten sitzen sie in Untersuchungshaft. Für Polizisten kann das eine Zumutung sein, im Gefängnis haben sie in der Gefangenenhierarchie keinen leichten Stand. So bittet der Verteidiger des einen Beamten zu Beginn der Hauptverhandlung, in der Berichterstattung auf die Nennung der Namen der Angeklagten zu verzichten, um sie nicht in Gefahr zu bringen.

Es geht um den 28. September vergangenen Jahres, die letzte Schicht des 28-Jährigen. Er wollte auf die Fachhochschule und durfte sich für seinen letzten Einsatz drei Kollegen aussuchen, mit denen er als Streifenführer noch einmal Dienst haben wollte. Zu viert fuhren die Beamten der Polizeiinspektion Gotha Streife durch Arnstadt, etwa 30 Kilometer von Gotha entfernt. 

Ihnen fällt ein Pärchen auf, der Mann trägt sichtbar rechtsextreme Tätowierungen, das Kennzeichen des Autos ist polnisch. Die Beamten sehen ein gewisses "Kontrollpotenzial". Die vier Polizisten überprüfen die beiden, fordern den Mann auf, die verfassungsfeindlichen Tattoos abzukleben; die Frau weist sich mit einem gefälschten Pass aus. Zu sechst geht es zur Abklärung auf die Polizeistation.

Ein Polizist schildert angebliche Annäherungen auf der Rückbank

Die Staatsanwältin trägt vor Gericht vor, was sich danach ereignet haben soll: Drei der Polizeibeamten begleiten das Paar in deren Wohnung in Marlishausen, einem Ortsteil von Arnstadt. Sie hoffen, dort Dokumente zu finden, die auf die wahre Identität der gebürtigen Polin schließen lassen.

In der Wohnung, so gibt es die Frau später zu Protokoll, sollen die beiden Angeklagten sie ungeschützt vaginal vergewaltigt haben. Die sogenannte Koppel, der Gürtel mit den Waffen, sollen sie vorher abgelegt haben. 

Die Staatsanwältin spricht von sexuellem Missbrauch einer "behördlich verwahrten Person", die den Polizeibeamten anvertraut war. Sie klagt die Männer unter anderem wegen Vergewaltigung im besonders schweren Fall an.

Vor Gericht bleiben die beiden Angeklagten bei dem, was sie in Vernehmungen bisher angegeben haben: Ja, sie hatten mit der Frau Geschlechtsverkehr - allerdings einvernehmlich. Bereits auf der Fahrt im Polizeitransporter habe die Frau Annäherungsversuche gemacht. Dem 23-Jährigen, der auf der Rückbank zwischen der Frau und ihrem Lebensgefährten saß, soll sie mehrfach ihre Hand aufs Bein gelegt haben. Er spricht von "unterschwelligen" Berührungen.

"Kurze Zeit in Schockstarre"

In Marlishausen soll ein dritter Kollege mit dem Lebensgefährten der Frau auf der Straße gewartet und geraucht haben. In der Wohnung habe die Frau, die schlecht Deutsch sprach, den beiden Beamten signalisiert, sie sollten selbst nach möglichen Papieren suchen. Die Frau sei zunächst ins Bad.

Während der Durchsuchung habe die Frau den Beamten eine blonde Perücke gezeigt und Fotos auf ihrem Handy, auf denen sie zur Perücke lediglich Unterwäsche oder Bikini getragen habe. In einer Truhe habe man einen Ordner gefunden, darin einen Mietvertrag oder eine Arbeitsbescheinigung - auch darauf der gefälschte Name. "Das hilft uns nicht weiter", habe der 23-Jährige gesagt und im Ordner herumgeblättert. Währenddessen habe die Frau erst die Vorhänge zugezogen und sich dann komplett ausgezogen. "Ich war kurze Zeit in Schockstarre", erinnert sich der Beamte. Sie sei auf ihn zu, habe ihm in den Schritt gegriffen, sein Glied massiert. Er habe seine Koppel abgelegt und die Hose geöffnet. "Sie kniete sich vor mich und zog mir die Unterhose runter."

Nach Angaben der beiden Angeklagten winkte die Frau den älteren Beamten hinzu. "Ich war wie eingefroren, ich war komplett geschockt", sagt er im Gericht. "Ab da lief alles wie im Film." Der 28-Jährige meint: Zu dritt vollzogen sie auf dem Bett den vaginalen und oralen Geschlechtsverkehr. "Danach sah sie uns an, griff meinen Arm, hielt ihren Zeigefinger an ihren Mund und sagte: 'Secret!'", sagt der 23-Jährige.

Beide betonen, dass die Frau zu keinem Zeitpunkt kundgetan habe, dass sie kein Interesse an diesen sexuellen Handlungen habe. Im Gegenteil: "Es ging ja von ihr aus!"

Die Frau annoncierte als Hostess im Internet

Anschließend habe man gemeinsam die Wohnung verlassen und sei auf die Dienststelle in Ilmenau zu einer erkennungsdienstlichen Untersuchung gefahren. Auch während dieser Fahrt habe die Frau gelächelt und entspannt gewirkt. Die Frau wurde in Gewahrsam genommen, am nächsten Tag erstattete sie Anzeige wegen Vergewaltigung.

Die 2. Strafkammer des Erfurter Landgerichts stellt detaillierte Fragen zum Sexual- und Intimleben der beiden Polizeibeamten. Beide sind in einer festen Beziehung, der eine gar verlobt. Ihre Partnerinnen haben ihnen verziehen, sagen sie.

Er könne nicht nachvollziehen, sagt der 23-Jährige, wie er sich durch die "Kontaktaufnahme" der Frau habe manipulieren lassen. "Ich halte es für einen schwerwiegenden Fehler." Dass sich die Frau als Hostess im Internet anbot, habe er erst im Nachhinein von seinem Anwalt Matthias Fertig erfahren.

"Ich hatte Riesenpanik"

Die Befragung der Frau vor Gericht wird ein ebenso wichtiges Beweismittel sein wie Aufnahmen, die der 28-Jährige in den entscheidenden Momenten und aus mehreren Perspektiven mit seinem Handy machte. Im Gericht schämt er sich dafür. Er entfernte kurz nach dem Vorfall die SIM-Karte und warf das Telefon in einen Bach. "Ich hatte Riesenpanik, dass rauskommt, dass wir Sex im Dienst hatten." Ob das seiner Ansicht nach strafbar sei, will der Vorsitzende Richter Detlef Hampel wissen. "Was heißt strafbar? Ich hatte Angst, dass ich nicht mein Studium beginnen könnte."

Nach Angaben von Hannes Grünseisen, Sprecher der Erfurter Staatsanwaltschaft, ist noch unklar, ob die Aufnahmen wiederhergestellt und für die Beweisaufnahme verwendet werden können.

Nach dem Dienst an jenem 28. September habe es noch eine "Feierlichkeit zu meinem Abschied" gegeben, erzählt der ältere Angeklagte. Danach habe er seinem Kollegen eine WhatsApp geschickt, sinngemäß: "Danke für eine erinnerungsträchtige letzte Schicht." Das klinge wenig nach Reue, merkt Richter Hampel an.

Bestätigen sich die Vorwürfe in der Hauptverhandlung, droht den Polizeibeamten eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis fünf Jahren. Wer einer solchen Straftat überführt wird, kann in der Regel kein Polizist bleiben. Aber könnte er es, wenn er den Geschlechtsverkehr nachweislich nicht erzwang? Hätten die Polizisten nicht auch in diesem Fall das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert?

Die beiden Angeklagten sind derzeit vom Dienst suspendiert. Es könnte unabhängig vom Urteilsspruch für beide die letzte Schicht gewesen sein.

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