Jury-Entscheid im Fall Eric Garner Tausende Amerikaner protestieren gegen Polizeigewalt

Die Proteste weiten sich aus: Weil in den USA schon wieder ein weißer Polizist nicht für den Tod eines Schwarzen angeklagt wird, gehen im ganzen Land Tausende auf die Straßen. In Manhattan ist der Verkehr teilweise lahmgelegt.


New York - Die Entscheidung der Geschworenenjury im Fall Eric Garner hat erneut Tausende Amerikaner im ganzen Land zu Demonstrationen auf die Straßen getrieben.

Allein am Foley Square in New York versammelten sich am Donnerstagabend mindestens 2000 Menschen, berichtet die "New York Times". Die Demonstranten blockierten einen U-Bahneingang und mehrere Straßen, darunter den Broadway, einige trugen schwarze Särge mit den Namen von Opfern von Polizeigewalt über die Brooklyn Bridge.

Auch eine Röhre des Holland Tunnels, der nach Manhattan führt, und eine Hauptverkehrsstraße im Stadtteil Brooklyn mussten für Autos geschlossen werden. Der Protestmarsch in Brooklyn wurde von drei Müttern angeführt, deren Söhne Opfer von Polizeigewalt geworden sind.

Am New Yorker Union Square legten sich Dutzende auf den Boden und riefen "Ich kann nicht atmen" - die letzten Worte von Eric Garner, die nun zum Schlachtruf der Demonstranten geworden sind. Über der Stadt kreisten Hubschrauber, die Lage blieb aber weitgehend friedlich. 83 Menschen wurden festgenommen, vereinzelt setzte die Polizei Pfefferspray ein.

"Ich hoffe, dass die Proteste weitergehen", sagte ein 26 Jahre alter Demonstrant der "New York Times". "Nach dem Urteil sagen sie: Geht nach Hause, macht eure Arbeit. Aber sie müssen hören, dass wir das nicht mitmachen."

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Der Fall Eric Garner: Demonstranten legen US-Städte lahm
"Marschieren wie in den Sechzigern"

In Washington, D.C., marschierten die Protestierenden in Richtung Weißes Haus und dann weiter über eine Brücke nach Arlington. Später blockierten sie eine Autobahn, den Highway 395. "Es fühlt sich an, als ob wir uns rückwärts bewegen, wenn wir also wie in den Sechzigern marschieren müssen, dann machen wir das", sagte ein 22-Jähriger Demonstrant dem Fernsehsender CNN.

Auch in Boston, Oakland, Denver, Chicago, Pittsburgh und Minneapolis gingen Hunderte auf die Straßen und blockierten Autobahnen und Brücken.

Schon am Mittwochabend hatten Tausende protestiert, nachdem eine Grand Jury entschieden hatte, dass sich ein weißer Polizist nicht für den Tod von Garner verantworten muss. Der Mann war Mitte Juli im Stadtteil Staten Island von einem Beamten niedergerungen worden, weil er des illegalen Zigarettenverkaufs verdächtigt wurde. Garner, schwergewichtig und Asthmatiker, röchelte noch gut ein dutzendmal: "Ich kriege keine Luft." Dann starb er an Herzversagen.

Obwohl ein Gerichtsmediziner den Tod Garners als "Tötungsdelikt" klassifiziert hatte und der Vorfall gefilmt worden war, kam die Grand Jury zu dem Urteil, dass es keinen Anlass gebe, den Polizisten anzuklagen.

Schlechte Ausbildung, ineffektive Richtlinien

Erst vor wenigen Tagen hatte eine andere Geschworenenjury entschieden, dass gegen den weißen Polizisten Darren Wilson keine Anklage erhoben wird. Dieser hatte im August in der Kleinstadt Ferguson den unbewaffneten schwarzen Jugendlichen Michael Brown erschossen. Auch gegen diese Entscheidung hatten Tausende Menschen im ganzen Land demonstriert.

In beiden Fällen ermittelt nun das US-Justizministerium. Der Kongressabgeordnete der Stadt Ferguson, der Demokrat Lacy Clay, hofft, dass die Bundesbehörde das Polizeikommissariat der Stadt auflöst. Es sei überwiegend mit weißen Polizisten besetzt und behandle Schwarze generell unfair. Die Bezirkspolizei sei deutlich besser aufgestellt und ausgebildet und deshalb eher geeignet, in Ferguson für Recht und Ordnung zu sorgen.

Schlechte Ausbildung und ineffektive Richtlinien warf US-Justizminister Eric Holder auch der Polizei in Cleveland vor. Ein Polizist hatte dort einen Zwölfjährigen erschossen, nachdem er auf einem Spielplatz mit einer Softair-Pistole hantiert hatte. Holder kündigte an, dass die US-Regierung gemeinsam mit Clevelands Polizeibehörde Verbesserungsmaßnahmen erarbeiten werde. Er sei sich mit Präsident Barack Obama einig, dass es an der Zeit wäre, mehr gegen tödliche Polizeigewalt zu tun.

Video: SPIEGEL ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke über den Fall Garner

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vet/AFP/AP

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