Ex-Mongols-Chef Aufstieg und Fall des Rockers Erkan Uzun

Ihr Auftreten war martialisch, großflächige Tattoos, gerne am Hals - von Fahndern aber wurden die Hamburger Mongols als "Konfirmandentruppe" verspottet. Erkan Uzun war ihr Präsident. Nun muss die Möchtegern-Milieugröße in Haft.

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Amtsgericht Hamburg, zweiter Stock. Ein Wachtmeister kommt um die Ecke, Kontrollblick auf die versammelten Prozessbeobachter, dann ein Zeichen an einen Kollegen, die Luft ist rein. Es folgt der Auftritt von Erkan Uzun, gefesselt mit Handschellen, das weiße Hemd gebügelt, die Haare kurz, der Schritt federnd. Er hat zugenommen in der U-Haft, so scheint es.

Uzun war Chef des Hamburger Rocker-Chapters der Mongols. Vietnamveteranen hatten den Motorradklub 1969 in Kalifornien gegründet. In den USA sind die Mongols berüchtigt für ihre kriminellen Aktivitäten. Der Deutschlandableger, von Mitgliedern einer arabischen Großfamilie in Bremen gegründet, hatte es nie so richtig mit dem Motorradfahren: Am Anfang hatte nur einer überhaupt einen Führerschein.

Mongols-Weste in Kalifornien
AP

Mongols-Weste in Kalifornien

Das Hamburger Chapter von Erkan Uzun verspotteten Ermittler lange als "Konfirmandentruppe". "Nur einer hatte ein Motorrad. Zu einem Gerichtstermin bogen die Mongols im Opel Astra um die Ecke. Im Opel Astra!", so ein Fahnder. Das Auftreten der Mongols war aber durchaus martialisch, großflächige Tattoos, gerne am Hals, gehörten dazu.

Mit der Präsidentschaft bei den Mongols hatte es Uzun ganz nach oben geschafft. Bis es irgendwann Krach gab mit "Sefi" L. von der Eros-Center-Gang. Erkan wurde vom Kiez verstoßen.

Inzwischen hat sich die Sektion aufgelöst: Ein paar Ex-Mitglieder gingen nach Bremen, einer liegt im Krankenhaus, nachdem Unbekannte auf ihn schossen. Zwei weitere sitzen im Gefängnis.

Dorthin muss auch Uzun: Weil er diverse scharfe Waffen und "nicht geringe Mengen Kokain" besessen hat, wurde er am Dienstag zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Bis zum Haftantritt muss er sich zwei Mal in der Woche bei der Polizei melden, er zieht nun erst einmal zu seiner Mutter.

An einem früheren Prozesstag, auf dem Flur. Frage: "Herr Uzun, was ist eigentlich schiefgelaufen in Ihrem Leben?" Der sonst so redegewaltige Ex-Rocker, unter den Augen zwei Tattoos, MFFM, die Buchstaben stehen für "Mongols Forever - Forever Mongols", lächelt nur.

SPIEGEL TV

Die ihn bewachenden Polizisten führen Uzun in den Sitzungssaal 263. Auf den Zuschauerbänken haben sich nur ein paar Familienmitglieder eingefunden. Keine Freunde, keine Mongols. Uzun allein vor Gericht.

Irgendwann in seinem Leben muss Erkan Uzun beschlossen haben, eine ganz große Nummer in Hamburgs Halbwelt zu werden. Zunächst rekrutierte er ein Dutzend verwegener Burschen aus dem Milieu, versprach ihnen Macht und Einfluss. Dann besorgte er sich, auf welchem Wege auch immer, die Genehmigung, ein Mongols-Chapter zu eröffnen.

Uzun wurde Präsident der Rockertruppe, die von Ermittlern den sogenannten Outlaw Motorcycle Gangs zugerechnet wird. Mit den Mongols im Rücken begannen Uzun und seine Gang, den Hells Angels die Macht auf der Reeperbahn streitig zu machen. Zuerst verbal, unter anderem in einem Gespräch mit Reportern von SPIEGEL TV, machte er auf dicke Hose. "Ich mach die Angels platt, ich vertreibe die aus Hamburg, ich werde die Nummer eins", tönte er im dunklen Hinterzimmer einer Kneipe.

So richtig nervös wurden die Hells Angels aber nicht. "Der übernimmt nicht mal einen Kiosk auf dem Kiez", erklärten kampferprobte Rocker auf Nachfrage.

"Das hat sich erledigt"

Den Worten ließen beide Seiten ab vergangenen Herbst Taten folgen. Auf der Reeperbahn durchsiebten Schüsse ein Taxi, zwei Mongols blieben verletzt auf der Strecke. Unter Uzuns Lamborghini explodierte eine scharfe Handgranate. Es entstand Sachschaden.

Der Stress im Rotlichtmilieu rief im Dezember 2015 die Polizei verstärkt auf den Plan. Mehrere Einsätze folgten, sogar das SEK wurde gerufen, um die Wohnung von Uzun, Spitzname Erkan-Ex, zu durchsuchen. Bei der ersten Razzia fanden Ermittler eine halbautomatische Tanfoglio-Pistole.

Es folgten zwei weitere Razzien in seiner Wohnung, wieder wurden Pistolen und reichlich Munition gefunden. Dazu Koks mit einem Reinheitsgehalt von rund 90 Prozent. Klingt nach unverbesserlich. Eine Einschätzung, der auch die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer folgte, sie beantragte drei Jahre Haft.

In seinem Schlusswort redete Uzun 25 Minuten über sein Leben, seine Werte, seine Frauen, falsche Freunde, Waffen, Rocker. Was einen wie ihn so umtreibt nach sechs Monaten Einzelhaft.

Hauptsächlich aber ging es um Drogen und um das, was sie so angerichtet haben mit seinem Leben. Einmal hat er sich im dreitägigen Koksrausch sogar den Namen eines Mannes auf den Unterarm tätowieren lassen.

Am Dienstag auf dem Gerichtsflur, nach dem Urteil. Frage: "Wie geht es nun weiter mit den Mongols?" Uzun: "Das hat sich erledigt."

Mehr zum Aufstieg und Fall des Erkan Uzun gibt es demnächst bei SPIEGEL TV.

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