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06. April 2010, 18:45 Uhr

Erkrankung in U-Haft

Schwerverbrecher Wolf leidet an Zeckenbiss

Banküberfälle, Geiselnahmen, Erpressung: Thomas Wolf gilt als einer der gefährlichsten Verbrecher Deutschlands. Seit 2009 sitzt der 57-Jährige in Untersuchungshaft. Im Sommer soll ihm der Prozess gemacht werden. Doch Thomas W. ist schwer erkrankt: Er leidet an Borreliose.

Darmstadt - "Wir gehen davon aus, dass er sich während seiner Flucht mit Borreliose infiziert hat", sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Wiesbaden, Oberstaatsanwalt Hartmut Ferse. Die Infektionskrankheit wird von Zecken übertragen, befällt Organe und kann das Nervensystem und Gelenke schädigen.

Thomas Wolf war vorübergehend im Krankenhaus der JVA gewesen. "Doch er wurde auf eigenen Wunsch wieder entlassen", so der Sprecher. Jetzt ist Wolf wieder in seiner Zelle im Untersuchungsgefängnis Weiterstadt bei Darmstadt. Den Prozess gegen Deutschlands ehemals meistgesuchten Verbrecher sieht Ferse durch die Krankheit nicht in Gefahr: "Nach unseren Erkenntnissen ist Wolf nicht verhandlungsunfähig."

Anders beurteilt Wolfs Frankfurter Rechtsanwalt Joachim Bremer den gesundheitlichen Zustand seines Mandanten: "Die Erkrankung wird im Gefängnis Weiterstadt nicht ausreichend behandelt." Bereits nach seiner Festnahme Anfang Juni 2009 habe Wolf Symptome wie Sehstörungen und ständige Kopfschmerzen geschildert. Passiert sei aber monatelang nichts. Erst im September habe er Antibiotika bekommen. Nach wie vor sei die medizinische Versorgung mangelhaft: "Mein Mandant verfällt zusehends." Laut Bremer ist Wolf "momentan nicht verhandlungsfähig".

Die Hauptverhandlung gegen Wolf ist für diesen Sommer vor dem Landgericht Wiesbaden geplant. Das Landgericht hat noch keinen Termin für den Prozessbeginn festgelegt. Womöglich ist Wolf wegen seiner Erkrankung nur eingeschränkt verhandlungsfähig, räumt Ferse ein. Der Prozess könne sich deshalb etwas länger hinziehen.

Hingezogen hatte sich schon die Flucht von Thomas Wolf. Acht Jahre lang lieferte sich der 57-Jährige ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. 2000 war er nach einem Hafturlaub nicht mehr in die Vollzugsanstalt Moers-Kapellen zurückgekehrt, wo er noch sechs von insgesamt 21 Jahren absitzen sollte. Ungeachtet eines internationalen Haftbefehls ging Wolfs kriminelle Karriere weiter. In Hamburg erbeutete er bei einem Banküberfall 500.000 Mark. 2003 überfiel er ein Geldinstitut im niederländischen Eindhoven. Die Polizei konnte ihn nicht überführen: Thomas Wolf lebte lange unter falschem Namen im bürgerlichen Frankfurter Westend, fand Zuflucht bei einer ahnungslosen Frau.

Im März 2009 soll Wolf die Gattin eines Wiesbadener Bankiers entführt und 1,8 Millionen Euro Lösegeld erpresst haben. Nach einer wochenlangen Flucht, während der er sich lange in Wäldern aufhielt, verhaftete die Polizei ihn schließlich auf der Hamburger Reeperbahn.

ada/ddp

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