Ermittler-Legende Wilfling "A Hund is er scho"

Josef Wilfling gibt die Waffe ab: Der legendäre Münchner Kommissar klärte den Sedlmayr- und den Moshammer-Mord auf, schnappte Serientäter, verhörte Hunderte Kriminelle. Jetzt geht er nach 42 Jahren im Dienst in Rente - nicht ohne Wehmut.

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Verwaist steht sein alter, blauer Polo im Hof des Münchner Polizeipräsidiums. Mit dem schmucklosen Dienstfahrzeug - Kelle auf der Ablage, Martinshorn daneben - hat sich Kriminalhauptkommissar Josef Wilfling jahrelang auf den Weg zum Tatort gemacht.

Die Sirene blieb dabei allerdings stumm, das Blauchlicht ausgeschaltet - große Welle, das liegt Wilfling nicht, lag ihm nie. Jetzt, nach 42 Dienstjahren, in deren Verlauf Wilfling spektakuläre Verbrechen wie die Morde an den bayerischen Vorzeige-Prominenten Walter Sedlmayer und Rudolph Moshammer aufklärte, gibt er seine Dienstmarke und den Ausweis mit der Nr. 02/0916 ab. Der legendäre Ermittler geht in Rente.

Er tut das nicht ohne Wehmut. Nicht ohne Sorge. Denn was soll noch kommen, im Ruhestand? "Ich bin so ein Spießer", sagt Wilfling. "Ich habe keine Geliebte, nehme keine Drogen. Mein Leben ist so stinklangweilig, das kann sich keiner vorstellen. Das einzig Spannende an mir ist mein Beruf."

Ein letztes Mal wird sich Wilfling am Freitag eine seiner altmodischen Krawatten umbinden - und dann von Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer seine Entlassungsurkunde in Empfang nehmen. Danach wird er seine HK P7 auf dem Schreibtisch seines Nachfolgers deponieren. "Ihm werde ich meine Dienstwaffe, meinen Dienstausweis und meine Kriminalmarke auf den Tisch legen", sagt Wilfling, dem das "rrr" fränkisch von der Zunge rollt, "dann werd ich mich umdrehen und als Nobody nach Hause gehen."

Mit Wilfling geht ein Kommissar des alten Schlags. Sein Handwerk lernte er noch ohne Computer und Handy, verfasste die Verhörprotokolle noch mit Durchschlagpapier und Radiergummi. Ein Fall umfasste damals durchschnittlich zwei Aktenordner. "Heutzutage füllen allein die ausgewerteten Handydaten einen ganzen Schrank", sagt Wilfling. Vernehmungen in verqualmten Amtsstuben, rumpelige Fahrten im Paternoster und akribische Ermittlerarbeit ohne technische Tricks - das war seine Welt, im Kommissariat 11.

"Er ist der Beste unter den Vernehmern"

"Es gibt keinen aufregenderen Job als den des Mordermittlers", sagt Wilfling. 22 Jahre übte er ihn aus, seit 2002 leitete er die Mordkommission. Einer der großen Coups, die Wilfling glückten, war der Fall Horst David. Wilfling entlockte dem siebenfachen Frauenmörder das Geständnis der Taten.

Wilflings berühmte Fälle
Moshammer-Mord
Nur die Münchner Schickeria wusste: Rudolph Moshammer kurvte regelmäßig mit seinem Rolls Royce durch München - auf der Suche nach sexuellen Abenteuern mit Männern. Als der Modezar am 14. Januar 2005 tot in seiner Villa entdeckt wurde, klingelte zuerst Wilflings Handy.

Innerhalb von zwei Tagen konnte der Leiter der Münchner Mordkommission mit seinem Team den Fall Moshammer aufklären: Der exzentrische Designer war von seinem letzten Sexualpartner mit einem Kabel erdrosselt worden - sie hatten sich um die Höhe des Liebeslohns gestritten.
Der Fall Sedlmayr
Er war der Parade-Bayer und ein Vorzeige-Grantler: Im Juli 1990 wurde Walter Sedlmayr tot in seinem Schlafzimmer seiner Altbauwohnung in Schwabing aufgefunden - nackt, gefesselt und mit eingeschlagenem Schädel, der Körper von Stichwunden übersät.

Der Mord an dem beliebten Schauspieler war einer der spektakulärsten in Wilflings Laufbahn. "Er muss unsäglich gelitten haben", erinnert sich der Münchner Mordermittler im SPIEGEL-ONLINE-Interview. "Sedlmayr wurde zu Tode gefoltert."

Durch die Ermittlungen flog Sedlmayrs Doppelleben auf: Der Volksschauspieler hatte zeitlebens seine Homosexualität geheim gehalten. Durch seinen brutalen Tod erfuhr die Öffentlichkeit von seinen Vorlieben für masochistische Sexualpraktiken.

Nach erfolglosen Ermittlungen in der Stricherszene stellte sich schließlich heraus, dass die brutale Szenerie des Tatortes gestellt war. Einen Verdächtigen verfolte Wilfling bis nach Kroatien. Im Jahr 1991 wurden zwei Tatverdächtige festgenommen und 1993 in einem Indizien-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt.
Serienmörder David
Der Fall Horst David konnte nur dank Wilflings herausragender Vernehmungstechnik gelöst werden: Der unauffällige Biedermann fasste im Verhör mit dem Münchner Mordermittler Vertrauen und gestand, zwischen 1975 und 1992 sieben Frauen ermordet zu haben. Die tatsächliche Anzahl liegt laut Wilfling vermutlich bei einem Vielfachen davon.

Er hatte Prostituierte und Rentnerinnen getötet, ihnen Bargeld gestohlen und es anschließend beim Tanz oder in Bordellen prompt wieder verjubelt. "Er tötete äußerst professionell", urteilte Kommissar Wilfling.

Vernehmungstalent - das bewies Wilfling immer wieder, auf seine bedachte, kluge Art und Weise. "Er ist der Beste unter den Vernehmern", sagt Udo Nagel, Wilflings einstiger Chef und ehemaliger Innensenator von Hamburg. Auch im Ruhestand wird Wilfling daher weiter an der Fachhochschule seine Vorträge zu Vernehmungstechnik halten - obwohl einer seiner Grundsätze lautet: "Vernehmungspsychologie kann man nicht erlernen, die kommt mit der Erfahrung."

Der, der verhört wird, bestimme das Vernehmungsklima. Ein Günther Kaufmann beispielsweise, der lange vor seiner Karriere im RTL-Dschungel von Wilfling in die Mangel genommen worden war, weil er im Verdacht stand, seinen Steuerberater ermordet zu haben, entfachte eine "höchst emotionale, fast theatralische Ebene". Und doch sagt Wilfling über den erdigen Schauspieler: "Wir mochten uns, fanden uns gegenseitig sympathisch."

Serienmörder David war nach Wilflings Einschätzung "ein höflicher, sehr freundlicher Herr mit guten Manieren, der bestimmen wollte". Wilfling überließ David das Festsetzen der Spielregeln - und kam zum Ziel. Der sogenannte "Würger von Regensburg" gestand peu à peu sieben Morde. "Man darf den Tätern nicht ihre Würde nehmen, auch nicht Kindermördern, nur dann fassen sie Vertrauen." Wer sich als Moralapostel aufspiele, habe verloren.

Serienmörder David schrieb ihm jahrelang Weihnachtskarten

Was Wilfling dem gelernten Maler nicht nachweisen konnte, aber wovon er überzeugt ist: "Horst David hat noch mindestens vier, fünf weitere Morde begangen. Er ist einer der größten Serienmörder Deutschlands, davon lasse ich mich auch nicht abbringen."

Horst David schrieb dem Kommissar jahrelang Karten zu Weihnachten und Ostern, dankte für die faire Behandlung und kehrte Wilfling beleidigt den Rücken, als er in der Zeitung las, dass der ihm noch mehr Morde zutraue.

"Er ist nicht der Einzige, der nicht gut auf mich zu sprechen ist. Es gibt so einige Kandidaten, denen ich bei Dunkelheit nicht im Park begegnen wollte." Angst? Nein, Angst habe er nie gehabt: "Nie! Ich hab' geschlafen wie ein Bär, ein Leben lang."

Tausende von Zigaretten hat der passionierte Raucher Wilfling in Vernehmungen geschmökt - meist gemeinsam mit der Schreibkraft und dem Verdächtigen. "Was da für ein Qualm in der Bude war - das glaubt keiner." Der Anblick zu vieler Raucherlungen in der Pathologie bekehrte den Kettenraucher vor sieben Jahren schließlich. Seither nahm er zu, kämpft nun gegen den Jo-Jo-Effekt nach jeder Radikaldiät und versucht, seine Leidenschaft für Pralinen und Wurst aus seiner fränkischen Heimat im Zaum zu halten.

Emotionen, die sein Job schürte, fasst Wilfling drastisch zusammen: "Nicht die Leiche ist das Belastende, sondern der Umgang mit den Angehörigen - der Opfer, aber auch der Täter. Daraus erwächst die Motivation für uns Ermittler. Jeder Mensch weiß: Die Ungewissheit ist für die Hinterbliebenen das Schlimmste."



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