Ermittler nach Festnahme "Mirco war ein absolutes Zufallsopfer"

Erst suchte er nach Erklärungen, dann legte er ein Geständnis ab: Der 45-jährige Olaf H. hat eingeräumt, Mirco getötet zu haben. Die Ermittler beschreiben ihn als treusorgenden Familienvater. Die Tat soll er begangen haben, weil er Stress im Job hatte.

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Hamburg - Die schreckliche Wahrheit kam morgens um 6 Uhr nach Schwalmtal am Niederrhein. Mit einem Großaufgebot fuhr die Polizei vor das kleine, frei stehende Einfamilienhaus der Familie H. Alle schliefen noch. Dann klingelte ein Beamter.

Olaf H. habe ihnen selbst die Tür geöffnet, sagte Ingo Thiel, Leiter der Sonderkommission "Mirco", auf der Pressekonferenz am Freitag im Polizeipräsidium Mönchengladbach. Man habe sich knapp vorgestellt, der 45-Jährige habe sie sofort hereingelassen und dann seine 26 Jahre alte Frau geweckt. "Die sind von der Soko Mirco", habe er ihr gesagt. Wortlos ließ sich Olaf H. abführen.

Der Familienvater habe seit Mircos Verschwinden am 3. September ständig mit seiner Festnahme gerechnet, sagte Thiel. In der ersten Vernehmung habe der 45-Jährige zunächst noch nach Erklärungen gesucht, warum er an jenem Abend mit Mirco zusammengetroffen sei, bis er schließlich zugab, den Zehnjährigen getötet zu haben und ein umfassendes Geständnis ablegte. Vier Stunden später habe er gesagt, wo der Junge zu finden sei.

Gemeinsam mit dem Vernehmungsteam sei Olaf H. an den Fundort der Kinderleiche gebracht worden. Damit erlangten alle Befürchtungen traurige Gewissheit: Der auf dem Heimweg verschwundene Mirco aus Grefrath wurde getötet. Mit der Festnahme und dem Geständnis Olaf H.s ist der Täter gefasst. Der Mord ist aufgeklärt.

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Verschwundener Junge: Der Fall Mirco
"Uns ist eine große Last von der Seele genommen", sagte Polizeipräsident Hans-Hermann Tirre. "Wir haben hoch gepokert, als wir sagten: 'Wir kriegen den Täter'", sagte Thiel. Die Erleichterung und der Stolz, ihr Versprechen gehalten zu haben, war den Fahndern anzusehen.

Die 65 Mann starke Soko hatte im Rahmen der Ermittlungen ein Profil des mutmaßlichen Mörders erstellt. "Wir waren erstaunt, dass wir in den Vernehmungen genau das fanden, was wir erwartet hatten", erklärte Thiel. Ihr Bild des Täters sowie der rekonstruierte Tatablauf hätten sich komplett bestätigt.

Olaf H. beherrschte das perfekte Doppelleben

Es klinge vermutlich irritierend, aber Olaf H. sei ein treusorgender Familienvater gewesen, der "seinen eigenen Bereich sehr geschützt" habe. Der 45-Jährige sei in Korschenbroich im Rhein-Kreis Neuss geboren, in dritter Ehe verheiratet. Aus seiner zweiten Ehe stammten zwei Kinder, aus der dritten eins. Seit 2006 lebe die dreiköpfige Familie in Schwalmtal. Olaf H. sei langjähriger Mitarbeiter bei der Telekom.

Dort war Olaf H. der Polizei zufolge Bereichsleiter - und mit seinen Aufgaben angeblich überfordert. Am späten Nachmittag des 3. Septembers habe der 45-Jährige einen Anruf seines Vorgesetzten erhalten. Dieser sei unzufrieden gewesen, habe Olaf H. "gefaltet", sagte Thiel.

Das Gespräch habe ihm zugesetzt, er habe unter Stress gestanden, behauptet Olaf H. nun. "Da war eine Zeitbombe unterwegs", so Thiel. Gespräche mit Olaf H. hätten ergeben, dass er an jenem Abend "Druck abbauen" wollte. Thiel zufolge fuhr er nach dem Telefonat "pausenlos" umher, rief seine Ehefrau an und sagte ihr, er werde mit Kollegen das Länderspiel am Abend im Fernsehen sehen.

Tatsächlich aber fuhr Olaf H. ziellos durch die Gegend und begegnete gegen 22 Uhr Mirco, der auf seinem Fahrrad von einer Skater-Anlage nach Hause radelte. Den Ermittlungen zufolge überholte der Familienvater den Zehnjährigen, bog in einen Feldweg ein, stieg aus, passte den Jungen ab und sprach ihn an, er solle vom Rad und bei ihm ins Auto steigen. Das Rad schob er daraufhin in einen Graben und fuhr mit Mirco los. Thiel sagt, der Schüler habe "in seinem Schock" keine Gegenwehr geleistet.

"Mirco war ein absolutes Zufallsopfer"

Vermutlich zwei, drei Stunden lang fuhr Olaf H. mit Mirco im Auto umher, bis er wieder in einen Feldweg einbog und in ein Waldstück fuhr. Dort soll der 45-Jährige den Jungen ausgezogen und versucht haben, sexuelle Handlungen durchzuführen.

Als Olaf H. realisiert habe, dass er Mirco nun "nicht mehr nach Hause gehen lassen" könne, habe er beschlossen, ihn zu töten, sagte Thiel. Deshalb erhob die Staatsanwaltschaft auch Haftbefehl wegen sexuellen Missbrauchs und Mordes wegen Verdeckungsabsicht. "Mirco war ein absolutes Zufallsopfer", so Thiel. Der Zehnjährige sei dem Täter körperlich unterlegen und zudem sei es längst stockfinster gewesen. Olaf H. sei umhergefahren mit dem Gedanken: "Wenn sich die Gelegenheit ergibt, schnapp ich mir einen." Sadistische Züge hätte man bei ihm bislang nicht feststellen können.

Wie Olaf H. den Jungen tötete, wollte Thiel noch nicht sagen. "Wir wissen es noch nicht hundertprozentig." Hinweise auf Werkzeug gebe es bislang nicht. Mircos Leiche werde derzeit in der Rechtsmedizin Düsseldorf obduziert. Das Ergebnis solle zuerst den Eltern mitgeteilt werden.

Olaf H. deckte Mircos Körper nicht zu, vergrub oder versteckte ihn auch nicht. Er ließ ihn einfach liegen. Thiels Angaben zufolge liegen Tatort und Fundort der Leiche etwa sechs Kilometer von dem Gebiet entfernt, das mehrmals akribisch von der Polizei durchsucht worden war.

Der wichtigste Hinweis kam vom einzigen Augenzeugen

Olaf H. nahm anschließend den selben Weg zurück. Mircos Kleidung und Handy entsorgte er während der Fahrt. Die Orte, an denen Mircos Sachen später gefunden wurden, hatten die Fahnder darauf gebracht, dass der Täter aus der Region stammen müsse. Vermutlich warf er die Gegenstände einfach wahllos aus dem Fenster. Über die Autobahn fuhr er schließlich nach Hause zu seiner Familie nach Schwalmtal.

Auf die Spur des Tatverdächtigen führte ein Mann die Ermittler, den Soko-Leiter Thiel auf der Pressekonferenz als "Top-Zeuge" bezeichnete: Dieser meldete sich bereits zwei Tage nach Mircos Verschwinden, als die Polizei mit der Fahndung an die Öffentlichkeit getreten war. Dieser Zeuge hatte einen VW Passat gesehen und wie sich "das Licht eines Fahrrades" bewegte. Also vermutlich jener Moment, als Olaf H. das Rad in den Graben schob. Mit jenem Beobachter hätten die Ermittler "viele Tests" durchgeführt.

Details hielt der Soko-Leiter unter Verschluss. "Es handelt sich um taktische Maßnahmen, die letztendlich zum Erfolg geführt haben und die man in Zukunft noch brauchen wird, denn - so traurig es ist - es wird weiterhin solche Fälle geben", so Thiel.

Ein wichtiger Hinweis war in jedem Fall der Fahrzeugtyp: VW hatte den Ermittlern bestätigt, dass insgesamt 150.000 Wagen der Marke Passat hergestellt wurden, die durch eine spezielle Baureihe jene Fasern aufweisen, die an Mircos Kleidung sichergestellt wurden. Hunderte Halter seien aufgesucht worden, Hunderte hätten freiwillig Speichelproben abgegeben, 1500 Autos seien nach Spuren abgeklebt worden.

Die Familie des mutmaßlichen Täters ist geschockt

Olaf H. geriet laut Thiel aus mehreren Gründen ins Visier. Bekannt gab die Soko nur den einen: Olaf H. hatte bis Ende Oktober einen silberfarbenen VW Passat gefahren, ein Firmenwagen mit Leasingvertrag, der zum 1. November auslief. Ein Luxemburger Autohändler kaufte den Wagen auf, diese Woche noch sollte er nach Russland geliefert werden. Den Fahndern gelang es, an das in Deutschland bereits stillgelegte Auto heranzukommen.

Olaf H. selbst hatte keine Anstalten gemacht, den Wagen loszuwerden.

Zu den übereinstimmenden Spuren aus dem Auto und an Mircos Kleidung kamen noch identische Faserspuren aus H.s Wohnung. Zudem konnte DNA von H. an Mircos Kleidung sichergestellt werden. Genug für eine Festnahme.

Bislang gebe es keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass der dreifache Familienvater gezielt nach einem Kind gesucht oder vor der Tat pädophile Neigungen ausgelebt habe. "Wir haben bisher kein entsprechendes Material finden können und aus meiner Erfahrung muss man das auch nicht unbedingt", so Thiel. Es könne durchaus sein, dass der 45-Jährige die Erniedrigung als Ventil für den Stress im Beruf gesucht habe. "Manchen Tätern geht es auch darum, einen Menschen in ihrer Gewalt zu haben, jemanden, den sie kontrollieren können."

H.s Familie sei geschockt und völlig überrascht von der Festnahme des 45-Jährigen. Olaf H. habe sich in seinem Umfeld "völlig normal" verhalten, er sei ein herzlicher Familienmensch gewesen. Er habe sich unauffällig in die Nachbarschaft integriert, hingebungsvoll seinen Garten gepflegt.

Seine Ehefrau habe keinen Grund gehabt, misstrauisch zu sein. Olaf H. habe sich gelegentlich mit Kollegen verabredet. "Innerhalb der Familie war also jener Abend abgehakt. Sie hat keinerlei Verdacht geschöpft, als er ihr am 3. September kurzfristig mitteilte, er käme erst später nach Hause", sagte Thiel.

Seit 1. Oktober habe der berufliche Stress nachgelassen, Olaf H. wurde versetzt und arbeitete nun als Manager im Controlling.

Gemeinsam mit seinem Vorgesetzten, Kollegen und Ärzten würde derzeit Olaf H.s beruflicher Werdegang rekonstruiert und nach Gründen gesucht, warum seine Arbeitsstelle zum Tatzeitpunkt so stressig gewesen sein soll.

Bei seiner Festnahme sei Olaf H. "völlig ruhig" gewesen, "nicht aufgebracht" und er habe sich auch keineswegs gewehrt. Vielmehr sei er "erleichtert" gewesen. Bedächtig habe er zunächst von einem Unfall gesprochen. Konfrontiert mit den Ermittlungen habe er jedoch schnell alle Tatvorwürfe eingeräumt. "Er zeigte Reue und will sich bei Mircos Eltern entschuldigen."

In all den Monaten, in denen nach Mirco gefahndet wurde, habe sich Olaf H. angeblich immer wieder überlegt, sich selbst zu stellen oder einen anonymen Hinweis auf sich zu geben, sagte Thiel. "Aber selbst dazu war er zu feige."

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