Ermittlungen in Amstetten Gentest beweist Inzest-Vaterschaft von Josef F.

Beweis dank DNA-Probe: Josef F. ist definitiv Vater der sechs Kinder, die seine Tochter im Verlies geboren hat. Jetzt sitzt er in Einzelhaft - während seine Familie laut Ärzten ein Wiedersehen in guter Stimmung erlebte. Allerdings kommen immer neue Gerüchte auf: Hatte F.s Sohn einen Kellerschlüssel?


Amstetten - Ein unfassbares Verbrechen ist nun auch durch wissenschaftliche Beweise aufgeklärt: Josef F. aus Amstetten hat seine Tochter jahrzehntelang missbraucht und mit ihr Kinder gezeugt. Bei allen sechs Söhnen und Töchtern der "bedauerlichen Elisabeth F. ist Josef F. der leibliche Vater", sagte der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, Franz Polzer. Das habe eine DNA-Analyse ergeben.

Elisabeth F. und ihre sechs Kinder befinden sich weiterhin in einer sogenannten Sonderkrankenanstalt in Amstetten. Eines der Mädchen, die bei F. und seiner Frau Rosemarie aufwuchsen, habe den Wunsch geäußert, wieder die Schule besuchen zu dürfen. Sie soll im Klinikum unterrichtet werden, so der Bezirkshauptmann von Amstetten, Heinz-Hans Lenze.

Dort kümmert sich ein umfassendes Spezialistenteam um die Familie: Psychiater, Neurologen, Physiotherapeuten. Der körperliche Zustand der ehemaligen Gefangenen sei gut, so der ärztliche Direktor des Klinikums, Berthold Kepplinger.

Es sei "erstaunlich" gewesen, wie gut die Stimmung bei dem ersten Zusammentreffen zwischen der Großmutter Rosemarie F., ihrer Tochter Elisabeth und den Kindern gewesen sei, sagte Kepplinger bei einer Pressekonferenz.

Einzelheiten des Lebens im Verlies bleiben "privat"

Auf die Frage, auf welchem Entwicklungsstand die in Gefangenschaft aufgewachsenen Kinder sich befänden, sagte Klinik-Direktor Kepplinger, der 18-jährige Junge könne lesen und schreiben, der jüngere sei erst fünf Jahre alt und somit noch nicht schulreif.

Das sichtbarste Zeichen ihrer Gefangenschaft sei die Blässe bei Mutter und Kindern. Auch die motorische Entwicklung sei beeinträchtigt.

Details zum täglichen Leben der Gefangenen im Verlies wollte die Polizei nicht preisgeben - es sei das Recht "dieser bedauerlichen Menschen", dass diese Einzelheiten "privat" blieben, sagte LKA-Leiter Polzer.

Der Zustand der 19-jährigen Tochter Kerstin, die immer noch auf der Intensivstation des Krankenhauses Amstetten liegt, sei nach wie vor kritisch.

Der dubiose zweite Schlüssel zum Keller

Nach wie vor vermag die Polizei nicht detailliert nachzuzeichnen, wie Josef F. es schaffte, die vierköpfige Familie im Keller über die Jahre mit allem Lebensnotwendigen - Nahrungsmittel, Matratzen, Babynahrung, Kleidung - zu versorgen, ohne sich verdächtig zu machen.

Eine Reporterin des Magazins "Brigitte" berichtet, auch ein erwachsener Sohn Josef und Rosemarie F.s habe einen Schlüssel zum Keller gehabt. Die "Brigitte" zitiert eine Zeugin, die von 2001 bis 2003 in dem Mehrfamilienhaus in der Ybbsstraße in Amstetten wohnte. Der Sohn der F.s, der die Aufgaben eines Hausmeisters versah, habe alles, was zum Beispiel bei Reparaturen nötig war, aus dem Keller geholt "und dabei immer sorgfältig zugesperrt", sagte die Frau dem Magazin.

Sie selbst habe einen Kellerraum anmieten wollen, dies sei aber nicht möglich gewesen. Auf Nachfragen habe ihr der Sohn der F.'s erklärt: "Ach, da ist nur ein Raum, mit Heizung und Kessel voll." Ein Sprecher des LKA Niederösterreich wollte die Spekulation, der Sohn habe einen Schlüssel gehabt oder gar von den Verbrechen des Vaters gewusst, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE "weder bestätigen noch dementieren".

"Ernst, betroffen, emotional gebrochen"

Josef F. wollte sich über seine ersten Aussagen und das Geständnis hinaus nicht mehr zu den Vorwürfen oder Einzelheiten des Verbrechens äußern, sagte der leitende Staatsanwalt Gerald Sedlacek.

Als "emotional gebrochen" beschreibt der Anwalt von Josef F. seinen Mandanten. Der Strafverteidiger Rudolf Mayer sagte der Nachrichtenagentur APA, er habe sich mit dem 73-Jährigen, der nun im Gefängnis von St. Pölten sitzt, am Dienstagmorgen etwa zehn Minuten unterhalten. Sein Mandant habe "ernst, betroffen, emotional gebrochen" gewirkt.

Josef F. sei heute von einem Psychologen und einem Psychiater untersucht worden. Beide hätten keine Selbstmordabsichten festgestellt.

F. sitzt derzeit allein in einer Zwei-Mann-Zelle im Gefängnis von St. Pölten. "Er hat die Nacht gut verbracht", sagte der Anstaltsleiter Günther Mörwald der APA. Der Rentner habe bei seiner Einlieferung "einen ruhigen und gefassten Eindruck gemacht", sagte Mörwald. "Körperlich ist er gut beisammen. Er wird heute noch von einem Arzt medizinisch untersucht, scheint aber keine gesundheitlichen Probleme zu haben." Er werde zu seiner eigenen Sicherheit von den anderen Gefangenen abgeschirmt.

Mehr als 30 Jahre lang hatte F. seine Tochter Elisabeth missbraucht, sieben Kinder mit ihr gezeugt und sie in einem Verlies gefangengehalten. Doch laut Presseberichten soll dies nicht das einzige Vergehen F.s gewesen sein. Die Wiener "Presse" und die Londoner "Times" berichten, Josef F. sei wegen eines Sexualdelikts in den sechziger Jahren vorbestraft gewesen.

"Ich kann das bisher nicht bestätigen", sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft St. Pölten SPIEGEL ONLINE. "Ich kann nur sagen: Es soll eine getilgte Strafe geben. Wenn das stimmt, muss sie die Tat allerdings viele Jahrzehnte zurückliegen. Näheres wissen wir noch nicht."

"Wenn eine solche Strafe abgebüßt ist, ist sie abgebüßt"

"Ich kann das weder bestätigen noch dementieren", sagte LKA-Leiter Franz Polzer SPIEGEL ONLINE zu den Spekulationen um eine mögliche Vorstrafe. Polzer bestätigte jedoch die Praxis, eine Vorstrafe nach Verstreichen "eines bestimmten Zeitpunktes" zu tilgen. "Wenn eine solche Strafe abgebüßt ist, ist sie abgebüßt", sagt Polzer. "Ich mache mich strafbar, wenn ich dazu weitere Angaben mache."

Die Bundespolizeidirektion in Wien bestätigte ebenfalls, dass im Fall Josef F. das Tilgungsgesetz von 1972 gegriffen haben könnte: Demnach wird je nach Schwere des Deliktes nach einem gewissen Zeitraum der Strafeintrag gelöscht. Diese Praxis ist auch in Deutschland üblich. Wenn eine Vorstrafe aus dem Bundeszentralregister gelöscht ist, können auch Ermittler nicht mehr darauf zugreifen.

"Es wird versucht, die Akten, die noch vorhanden sein können, aufzuspüren", so der leitende Staatsanwalt Gerald Sedlacek.

Die "Times" schreibt, dass sich im 23.000-Einwohner-Ort Amstetten "mehrere Nachbarn" fänden, die bestätigten, dass F. eine Vergangenheit als "Sexualstraftäter" hatte.

"Ich war damals zehn Jahre alt", zitiert die "Times" einen 50-jährigen Passanten, "aber ich erinnere mich noch genau daran, dass wir Angst hatten, in der Nähe des F.schen Hauses zu spielen. Eben weil es Gerüchte gab, dass er eine Frau vergewaltigt hatte und deswegen im Gefängnis gesessen hatte."

jjc/pad/taf/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.