Ermyas-Prozess Pieps und die Wahrscheinlichkeiten

Ein Tatverdächtiger, eine Piepsstimme auf der Mailbox, eine Stimmgutachterin: Der heutige Tag sollte im Ermyas-Prozess einen Durchbruch bringen. Wessen Stimme auf der Ton-Aufzeichnung zu hören war, sollte die Expertin feststellen. Es wurde ein Exkurs über Wahrscheinlichkeiten.

Potsdam - Gerichte verurteilen üblicherweise nicht, wenn ein Angeklagter "wahrscheinlich" die Tat begangen hat. Wenn er also nur vielleicht der Täter ist (vielleicht aber eben auch nicht). Die bloße Vermutung reicht nicht. Wenn dem Richter auch nicht vorgeschrieben ist, unter welchen Voraussetzungen er eine bestimmte Schlussfolgerung ziehen darf – auch Erwägungen, die denkgesetzlich oder nach Lebenserfahrung möglich sind, können seine Meinungsbildung stützen -, so muss er doch überzeugt sein, mit dem Angeklagten auch den wahren Täter zu verurteilen. Zwar ist eine von niemandem mehr anzweifelbare Gewissheit nicht erforderlich; doch vernünftige Zweifel an der Täterschaft dürfen bei rationaler Argumentation auch nicht übrigbleiben.

Im Prozess gegen Thomas M., 31, und Björn L., 30, vor dem Potsdamer Landgericht, das seit Februar über die folgenschwere Auseinandersetzung des äthiopischstämmigen Ingenieurs Ermyas Mulugeta mit zwei Deutschen an einer Potsdamer Bushaltestelle in der Nacht vom 15. auf den 16. April vorigen Jahres zu urteilen hat, ist heute das scheinbar am schwersten belastende Beweismittel erörtert worden: der zufällig auf einer Mailbox festgehaltene Wortwechsel zwischen Mulugeta und zwei Männern, von denen der eine wegen seiner ungewöhnlich hohen Stimme auffiel. Mulugeta hatte damals offenbar in betrunkenem Zustand laut Zeugenaussagen zwei Männer verbal und körperlich attackiert, bis einer ihn mit einem Faustschlag niederstreckte. Dabei fiel das Mobiltelefon Mulugetas, der versucht hatte, seine Frau anzurufen, zu Boden; die Aufzeichnung der Mailbox brach ab. Mulugeta erlitt schwerste Kopfverletzungen, an denen er beinahe gestorben wäre.

Hatte man zunächst – und vorschnell – das Geschehen als rassistisch motivierte Gewalttat, ja als Mordversuch Rechtsradikaler gegen einen Dunkelhäutigen interpretiert und Björn L., Spitzname "Pieps", sowie M. festgenommen, musste der Tatvorwurf bald auf gefährliche Körperverletzung und unterlassene Hilfeleistung reduziert werden. Obwohl L. und M. von Anfang an bestritten, zur Tatzeit am Tatort gewesen zu sein, und obwohl kein Augenzeuge verlässliche Angaben über die Täter machen konnte, lastete der Tatverdacht weiter auf L. und M. Selbst der Umstand, dass L. zur Tatzeit nachweislich an einer Kehlkopfentzündung litt, die seine Stimme heiser und krächzend klingen ließ, änderte daran nichts.

Reicht das Stimmgutachten für eine Verurteilung?

Am Ende der, gemessen an den Erwartungen der Staatsanwaltschaft, unergiebigen Beweisaufnahme erstattete eine Expertin für Stimmanalyse des brandenburgischen Landeskriminalamts, Cornelia Dubielzig, ihr Gutachten. Auch die Stimm- und Sprachanalyse bedient sich ähnlich wie die Schriftanalyse der Klassifikation nach Wahrscheinlichkeiten. Es gibt die "mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit", die "sehr hohe", die "erhöhte" und die einfache Wahrscheinlichkeit. Und es gibt das lateinische "non liquet", das bedeutet, dass eine Entscheidung nicht getroffen werden kann, weder im positiven noch im negativen Sinn.

Das Gutachten, eine höchst komplizierte und für den Laien nicht leicht verständliche Expertise, endete mit der Feststellung der bloßen Wahrscheinlichkeit: Danach gibt es Anhaltspunkte, dass die auf der Mailbox zu hörende hohe Stimme L. möglicherweise zuzuordnen ist, doch wegen der schlechten Qualität der Aufzeichnung, wegen der wechselnden Distanz des Sprechers zum Mikrofon, wegen allerlei Störgeräuschen und vor allem wegen der Kürze des Wortwechsels sei ein höherer Grad an Identifizierung nicht möglich. L. sei nicht auszuschließen als Sprecher, so die Gutachterin, auch wegen seines hohen Sprechtempos. L.s Lautbildung, etwa seine Verschlusslaute oder die Nasale, "eines der Standbeine für eine Begutachtung", hätten gar nicht bewertet werden können. Reicht das für eine Verurteilung?

Der Vorsitzende der 4. Großen Strafkammer, Michael Thies, fragte nach dem Wort "Nigger", das im Verlauf der Auseinandersetzung gefallen sein soll. "Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher", antwortete die Gutachterin. Wenn man einen Sprecher sehr gut kenne und wenn ein langer Text gesprochen werde, sei eine Wiedererkennung möglich. Doch hier habe man es nur mit ganz kurzen, von anderen Stimmen überlagerten Sequenzen zu tun, die zudem nicht mit normaler, sondern erregter Stimme gesprochen wurden: "Bei so wenig Stimmmaterial gelangt man gar nicht in einen höheren Bereich von Wahrscheinlichkeit; man kann nur einige Merkmale vergleichen."

Im Lauf dieses Prozesses der Wahrscheinlichkeiten gab es Zeugen, die L. eindeutig wiedererkannt haben wollen. Andere sagten: Nein, das ist er niemals. Der Staatsanwalt, der ungeachtet der Ausführungen der Sachverständigen "doch eine Menge Übereinstimmungen" feststellte, befragte die Gutachterin zur Glaubhaftigkeit der Zeugen; sie lehnte seriöser Weise ab. Denn dies ist nicht ihr Geschäft, sondern Sache des Gerichts. "Gibt es eine Möglichkeit der Analyse, die zu einer höheren Wahrscheinlichkeit kommt?", fragte der Staatsanwalt. "Mir ist keine bekannt", lautete die Antwort.

L. hatte nach seiner Festnahme darauf bestanden, eine Sprechprobe abgeben zu dürfen. Dieses Vergleichsmaterial wies Merkmale auf, "die auf eine pathologische Veränderung im Kehlkopf" hindeuteten – L. hatte ja eine Kehlkopfentzündung. Der Sprecher auf der Mailbox, der angeblich "Nigger" geschrien haben soll, zeige solche Merkmale nicht, so Dubielzig. Die Verteidigung beantragte daraufhin die Aufhebung des Haftbefehls gegen L. Der Vorsitzende aber ließ erkennen, dass sich die Kammer, "in welcher Richtung auch immer", noch nicht äußern wolle. Vermutlich sah er schon die Beschwerde der Staatsanwaltschaft vor sich und die entsprechende Reaktion des Oberlandesgerichts. Daraufhin nahm die Verteidigung den Antrag zurück. Das Urteil wird voraussichtlich am 13. Juni gesprochen.