Erschossener Gastschüler Verstörende Details aus der letzten Nacht von Diren D.

Die Staatsanwaltschaft von Missoula County hat erste Ermittlungsergebnisse zum Tod des Hamburger Schülers Diren D. vorgelegt. Demnach soll der Tatverdächtige laut Zeugen bei einem Friseurbesuch angekündigt haben: "Ich werde ein paar Kids töten."

 Tatverdächtiger Markus K.: "Ihr werdet mich noch in den Nachrichten sehen"
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Tatverdächtiger Markus K.: "Ihr werdet mich noch in den Nachrichten sehen"

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Warum musste der Hamburger Austauschschüler Diren D. sterben? Was geschah wirklich um 0.23 Uhr am 27. April in Missoula, in der Garage des schwer bewaffneten US-Amerikaners Markus K.?

Die Staatsanwaltschaft von Missoula County im US-Bundesstaat Montana hat eine 19-seitige Zusammenfassung der Ermittlungen herausgegeben, die bisher unbekannte Details offenbart. Unter anderem wird die Aussage des Polizeibeamten zitiert, der als erster nach einem Notruf am Tatort war: Demnach habe der Tatverdächtige "ungewöhnlich ruhig gewirkt angesichts der Situation".

"Wer hat ihn erschossen?", fragte Officer Jones.

"Ich", antwortete der Mann, der später als Markus K. identifiziert wurde.

"Sie?", fragte Jones.

"Yep", sagte K.

Eine saloppe Antwort, die in den Ohren der Angehörigen des 17-jährigen Opfers nur wie Hohn klingen kann. Als K. diesen knappen Kommentar abgab, war D. noch am Leben. Er wurde schwer verletzt ins Krankenhaus St. Patricks's gebracht, wo er verstarb. Den Dokumenten zufolge wurde er dreimal getroffen - in die Stirn, in den Oberkopf und in den linken Arm. Er habe nicht gesehen, wohin er geschossen habe, erklärte K. Es sei stockfinster gewesen in der Garage und er habe "nach oben gezielt".

K.s Anwalt Paul Ryan widersprach den Ermittlern: Von einer besonderen Gelassenheit seines Mandanten nach der Tat könne keine Rede sein. K. sei vielmehr direkt nach dem Vorfall im Schockzustand zusammengebrochen und auf ein Polizeiauto gesunken. "Er hat so sehr gezittert, dass er kaum stehen konnte", sagte Ryan der Zeitung "Missoulian" zufolge.

Markus K., der sich wegen vorsätzlicher Tötung verantworten muss, plädiert auf "nicht schuldig". Bisher inszeniert er sich vor allem als Opfer einer kriminellen Gesellschaft, deren Sicherheitskräfte keine Sicherheit mehr garantieren können. In der jeder sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Mittel nutzen muss, um sich vor Dieben und Mördern zu schützen. Und diese Mittel sind im US-Bundesstaat Montana brachial: Seit 2009 gilt hier ein Gesetz, das erlaubt, auf dem eigenen Grundstück auf Eindringlinge zu schießen, wenn man sich bedroht fühlt.

Das dazu notwendige Arsenal hatte sich K. offenbar schon angelegt. In seinem Haus fand die Polizei neben der Tatwaffe - einer Schrotflinte - auch eine Pistole, mehrere Gewehre und ein weiteres Jagdgewehr.

"Adrenalinstoß verspürt"

Seine Lebensgefährtin Janell P. beklagte noch in der Tatnacht im Gespräch mit zwei Ermittlern, dass bereits zweimal in ihrem Haus eingebrochen worden sei. Einer dieser Vorfälle ist aktenkundig, es gibt zwei 16- und 18-jährige Tatverdächtige, die den Diebstahl zugeben, aber jede Verbindung zu Diren D. bestreiten.

Das Paar installierte Bewegungsmelder auf dem Grundstück und eine Überwachungskamera in der Garage. Am Tatabend sahen sich beide der Frau zufolge einen Film an und gingen zwischendurch mehrmals in die Garage, um zu rauchen - sie Zigaretten, er Joints. Das Garagentor habe man offen gelassen, damit der Qualm abzieht.

Fünf bis zehn Minuten nach Ende des Films hätte der Bewegungsmelder einen Alarm auf ihr Handy gesendet. Zunächst habe Janell P. gedacht, es handele sich um ein Reh oder ähnliches. Auf dem Video der Überwachungskamera hätte das Paar dann jemanden entdeckt, der angeblich eine Taschenlampe in der Hand hielt. Dies versetzte beide in Wut und Aufregung: Markus K. erklärte den Gerichtsakten zufolge, er habe einen "Adrenalinstoß verspürt, angesichts der Tatsache, dass schon wieder jemand in seiner Garage war". Seine Freundin habe ihn hinausgeschickt, um die Lage zu checken.

Er holte sein Gewehr, kurz darauf hörte seine Freundin zunächst einen Schuss, dann laute Rufe und dann einen zweiten Schuss. K. beschreibt, dass es vollkommen dunkel in der Garage gewesen sei und er ein Geräusch gehört habe, als wenn ein Schraubenschlüssel auf ein Metallregal träfe. Er sei in Panik geraten, weil er befürchtete, der Unbekannte würde damit nach ihm werfen. So aufgeregt sei er gewesen, dass er zunächst abdrückte, ohne zu bemerken, dass seine Waffe gar nicht entsichert war.

Die Person in der Garage sei wie ein "eingesperrtes Tier" gewesen, dem er den einzigen Ausweg in die Freiheit versperrte: "Ich werde sterben", sei sein einziger Gedanke gewesen. Da habe er gefeuert, "ohne Pause, in gleichmäßigen Intervallen": Er zielte nach rechts und arbeitete sich dann nach links vor. Insgesamt viermal drückte er ab.

Warum er denn nicht einfach den Weg frei gemacht habe, wollten die Ermittler wissen. "Ich wollte nicht, dass er entkommt."

"Ich werde ernsthaft ein paar Kids töten"

Es waren offenbar nicht die ersten "Adrenalinausstöße" und Panikattacken, die K. durchlebte. Im Rückblick erschütternd planvoll erscheint das, was geschehen ist, glaubt man den Aussagen von zwei Friseurinnen, die ihm vier Tage vor der Tat die Haare schnitten: Drei Nächte lang würde er schon auf diese "verfickten Kids warten", verkündete K. demnach lauthals im Salon. "Ich werde ernsthaft ein paar Kids töten. (...) Ich mache keine scheiß Witze, ihr werdet mich noch in den Nachrichten sehen. Ich werde sie verdammt noch mal töten", drohte er.

Diese Wut bekam auch eine Nachbarin zu spüren: K. drängte sie den Gerichtsunterlagen zufolge in mutmaßlich alkoholisiertem oder bekifften Zustand mit seinem Auto von der Straße, weil sie ihn überholen wollte. Dann beleidigte und bepöbelte er die Frau "mit Schaum vorm Mund". Ähnliches berichtete ein weiterer Nachbar.

Freundin Janelle P. scheint ihm in nichts nachzustehen. Eine Nachbarin traf die Frau am Morgen nach der Tat und erinnert sich an folgenden Dialog: "Also, über dieses Einbrecher-Problem müssen Sie sich jetzt keine Sorgen mehr machen", sagte P. "Warum? Hat die Polizei ihn erwischt?", fragt die Nachbarin zurück. Janelle P. antwortete lapidar: "Er ist tot."

insgesamt 133 Beiträge
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Seite 1
galbraith-leser 13.05.2014
1. Bewaffnete Dummheit...
...lässt mir kalte Schauer über den Rücken jagen. Wer je eine echte Waffe in der Hand hatte (z.B. beim Wehrdienst), der muss Respekt davor haben. Ja, es gibt einerseits die Faszination des Schießens - ich habe beim Bund immer freiwillig das MG übernommen, weil es enorme Power hat und weil das immer die Innendienstler putzen mussten ;-). Da blieb das eigene Gewehr sauber. Traurig, wie viele Menschen dem Waffenwahn in den USA jährlich zum Opfer fallen. Aber: andere Länder, andere Sitten. Ich muss da meinen Urlaub nicht verbringen.
geroi.truda 13.05.2014
2. ****
Zitat von sysopAPDie Staatsanwaltschaft von Missoula County hat erste Ermittlungsergebnisse zum Tod des Hamburger Schülers Diren D. vorgelegt. Demnach soll der Tatverdächtige laut Zeugen bei einem Friseurbesuch angekündigt haben: "Ich werde ein paar Kids töten." http://www.spiegel.de/panorama/justiz/erschossener-hamburger-diren-a-969149.html
Ein solches Gesetz gibt es in Deutschland schon seit mehr als 100 Jahren - auch hier braucht im Rahmen der Ausübung des Notwehrrechts das Recht dem Unrecht nicht zu weichen, und man darf tödliche Gewalt anwenden, wenn es kein anderes erfolgversprechendes Mittel gibt. Diese Fälle sind bei uns nur nicht so häufig, weil der Besitz von Schusswaffen weniger verbreitet ist.
sok1950 13.05.2014
3. Diren D. suchte Alkohol in der Garage...
so stand es vor kurzem in SPONs Frühmorgens-Nachrichtenticker. Soll die Aussage eines Freundes gewesen sein, welcher ihn begleitete.
interessiert35 13.05.2014
4. Spirale
Was ich nicht ganz verstehe, ist warum glauben die, dass eine Schußwaffe ihnen Sicherheit gibt? Es ist doch bekannt das viele Waffen haben. Jeder Kriminelle kann das leicht antizipieren und sich entsprechend darauf einstellen. Am Ende kommt es also nur darauf an, wer besser vorbereitet ist. Da der eine die Tat in der Regel zumindest geringfügig plant...hat er einen Vorteil. Die Waffe ist in Bezug auf die Sicherheit bullshit. Nimmt man alle Unfälle und Versehen in die Rechnung mit auf, gibt es ein dickes Minus auf der Sicherheitenabrechnung. Das Gewaltmonopol des Staates lässt den einzelnen im Zweifelsfall schutzlos, das ist richtig. Ein aufheben dieses allerdings fürht zu einer Gewaltspirale die mehr Unsicherheit schaft, als Verbrechen dies je ermöglicht hätte.
Ben Major 13.05.2014
5. Naja
Zitat von sysopAPDie Staatsanwaltschaft von Missoula County hat erste Ermittlungsergebnisse zum Tod des Hamburger Schülers Diren D. vorgelegt. Demnach soll der Tatverdächtige laut Zeugen bei einem Friseurbesuch angekündigt haben: "Ich werde ein paar Kids töten." http://www.spiegel.de/panorama/justiz/erschossener-hamburger-diren-a-969149.html
Die Staatsanwaltschaft ermittelt und wir sehen den Fall nur von Ferne, aber: offene Garage mit Bewegungsmeldern, die Schrotflinte geladen und griffbereit? Sieht aus wie eine tödliche Falle für Einbrecher, kann das legal sein?
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