Mutmaßlicher Boston-Bomber vor Gericht Sieben Minuten mit dem Phantom

Er zappelte, verdrehte die Augen und sagte: "Nicht schuldig!" Erstmals erschien der mutmaßliche Bostoner Bombenleger Dschochar Zarnajew vor Gericht. Im Saal waren auch 30 Anschlagsopfer - und lautstarke Zarnajew-Fans.

Aus Boston berichtet


Dschochar Zarnajew scheint nicht recht bei der Sache. Er zappelt, er kratzt sich das Kinn, die Stirn, den eingegipsten Arm, die Nase, wieder das Kinn. Und dauernd schielt er nach hinten, wo 30 stumm-starre Anschlagsopfer sitzen und seine zwei schluchzenden Schwestern, ein Baby im Arm. Betont ignoriert er die Richterin.

US-Bezirksgericht Boston, fünfter Stock, Saal 10, ein dramatischer Moment: Erstmals seit seiner Festnahme vor drei Monaten wird der mutmaßliche Marathon-Attentäter öffentlich vorgeführt - zur rituellen Anklageverlesung und im rituellen Sträflingsdress: orangefarbene Overalls, eiserne Fußketten, Handschellen, die ihm nur vorübergehend abgenommen werden.

Bisher war er ein Phantom, den meisten nur von Facebook- und Fahndungsfotos bekannt. Jetzt also hockt der 19-Jährige leibhaftig da: feixend, blasiert, jünger wirkend, wie ein Schuljunge, der nachsitzen muss. Die Overalls hat er aufgeknöpft, darunter ein schwarzes T-Shirt. Am Hals ist eine relativ frische Narbe sichtbar. Ab und zu verdreht er die Augen.

Nuscheln mit schwerem Akzent

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Dschochar Zarnajew vor Gericht: Anfahrt im weißen Van
Der Anblick steht im krassen Gegensatz zu den Terrorvorwürfen der Anklage, deren Jargon ("Massenvernichtungswaffe mit Todesfolge") das Leid dahinter kaum kaschieren kann - vier Tote, 260 Verletzte, ein nationales Trauma. US-Staatsanwalt William Weinreb betet die 30 Anklagepunkte in sieben Gruppen herunter, die Vorsitzende Richterin Marianne Bowler fragt Zarnajew jedes Mal: "Wie bekennen Sie sich?"

Verteidigerin Judy Clarke will für ihn sprechen, doch Bowler zwingt Zarnajew, sich selbst zu erklären. "Nicht schuldig", nuschelt der gebürtige Tschetschene, mit schwerem Akzent und spürbar genervt. Siebenmal: "Not guilty."

Es ist ein Augenblick, auf den Boston gewartet hat. Der Anschlag, der Ausnahmezustand, die tagelange Jagd auf Zarnajew und seinen dabei umgekommenen, älteren Bruder Tamerlan, das mutmaßliche Mastermind des Anschlags: All das prägt die Stadt bis heute. Wochenlang stapelten sich am Coply Square Teddybären und Turnschuhe zu einem tränenrührenden Memorial, das erst Ende Juni entfernt wurde.


Sehen Sie hier die Chronologie der Anschläge von Boston


Opfer, Angehörige, Hinterbliebene: Schon im Morgengrauen pilgern Dutzende zum Backsteinbunker des Joseph Moakley Courthouse am Hafen, um Zarnajew persönlich zu erleben. Einige tragen demonstrativ die blau-gelben Trikots des Bostoner Marathons.

"Ich bin ein Nervenbündel", keucht Liz Norden, eine winzige Frau, die sich von einem Cop ins Gericht eskortieren lässt. Nordens Söhne Paul und J.P. verloren bei dem Anschlag je ein Bein.

"Wir vertreten unsere Jungen", sagt Liz' Bruder Peter Brown. "Wenn ich die Gelegenheit habe, werde ich ihm direkt in die Augen blicken, um herauszufinden: Ist er Monster oder Mensch?"

Doch nicht nur direkt Betroffene sind hier zum Gericht gekommen. Zarnajew, so stellt sich da heraus, hat auch eine kleine, aber von seiner Unschuld umso überzeugtere Fangemeinde.

Groupies im Gerichtssaal

Die Groupies, via Twitter-Hashtag #FreeJahar vernetzt, ergattern sich sogar einige der 110 Sitzplätze im Gerichtssaal. "Zarnajew ist unschuldig", sagt Duke La Touf. "Dies ist ein Komplott der Regierung." La Touf, der eigens aus Las Vegas angereist ist, trägt Piercings im Gesicht und eine "V"-Maske auf die Stirn geschoben; auf Nachfrage identifiziert er sich kryptisch als "Vorstandschef bei Anonymous".

Ein Dutzend Frauen demonstriert draußen für Zarnajew. Sie tragen T-Shirts mit Slogans wie "Zarnajew ist unschuldig" und "Freiheit für den Löwen". "Null Beweise", sagt Lacey Buckley. "Keine DNA, keine Fingerabdrücke." Auffällig: Keiner der Zarnajew-Anhänger ist von hier. "Haut bloß ab!", brüllen empörte Bostoner sie an. Beinahe kommt es zum Handgemenge.

Auf den anderen Straßenseite hat sich ein Spalier Polizisten postiert, zackig, stumm, die Arme verschränkt. Es sind Cops vom Massachusetts Institute Technology (MIT), die ihren Kollegen Sean Collier ehren, mutmaßlich erschossen von den Attentätern. Die Stille des Gedenkens bricht nur das Geschrei der Möwen.

"Er kann niemandem mehr wehtun", sagt MIT-Polizeichef John DiFava über Zarnajew. "Jetzt wird er den Preis der Gesellschaft zahlen."

"Nicht unser erstes Rodeo"

Zarnajew - der seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus auf einem Armeestützpunkt 60 Kilometer außerhalb einsitzt - wurde schon Stunden zuvor angekarrt, unter stärkstem Polizeiaufgebot, während Bombenspürhunde das Gebäude durchschnüffelten. Alles Routine, sagt Justizsprecherin Christina Sterling lakonisch: "Dies ist nicht unser erstes Rodeo."

Und es ist nicht mal das einzige Sensationsverfahren dieses Tages hier. Im Raum nebenan - Saal 11 - läuft parallel der Prozess gegen den legendären Gangsterboss James "Whitey" Bulger. Während auf dem Flur die Zarnajew-Schaulustigen anstehen, doziert eine Gerichtsmedizinerin drinnen über makabere Leichenfunde mutmaßlicher Bulger-Mordopfer: "Die Knochen waren ganz durcheinander."

Die Verlesung der Anklage gegen Zarnajew ist Formsache, ein erster Schritt zum Prozess. Staatsanwalt Weinreb überspringt die meisten Details der 74 Seiten, auch das Geständnis, das Zarnajew ins Boot gekritzelt haben soll, in dem er sich verkroch: "Wir Muslime sind eins, du verletzt einen, du verletzt uns alle."

Dafür listet Weinreb die Höchststrafen für jeden Tatbestand auf. Lebenslang. Lebenslang oder Todesstrafe. Lebenslang. 25 Jahre. 20 Jahre. Lebenslang. Lebenslang. Zarnajew lehnt sich leger zurück, als säße er in einer Kneipe.

Bis zu hundert Zeugen will die Staatsanwaltschaft rufen, Weinreb rechnet mit einer Prozessdauer von drei, vier Monaten. Doch der Beginn liegt noch fern: Die nächste Anhörung ist am 23. September, auch das nur eine Vorab-Prozedur.

Nach sieben Minuten ist alles vorbei. Die Wärter legen Zarnajew wieder die Handschellen an und führen ihn ab. Seinen zwei schluchzenden Schwestern wirft er noch ein Luftküsschen zu.

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Seite 1
danko85 11.07.2013
1.
Meiner Meinung nach ist das Wort "Mastermind" in Verbindung mit "Anschlag" völlig falsch gewählt. Dieses Wort ist nach meiner Auffassung eher positiv belegt und hat in der Kombination hier überhaupt nichts zu suchen.
Barath 11.07.2013
2. "Fans"?
Zitat von sysopREUTERSEr zappelte, verdrehte die Augen und sagte: "Nicht schuldig!" Erstmals erschien der mutmaßliche Bostoner Bombenleger Dschochar Zarnajew vor Gericht. Im Saal waren auch 30 Anschlagsopfer - und lautstarke Zarnajew-Fans. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/erste-anhoerung-von-mutmasslichem-boston-attentaeter-dschochar-zarnajew-a-910522.html
Ein widerliches Verbrechen. Der SPON-Bericht schreckt mich aber etwas auf: Warum sind die Leute (ich will kein Urteil über sie fällen, da mir ihre Gründe unbekanntsind) die scheinbar Zweifel an Zarnajews Täterschaft haben seine "Fans"? Liest man nur den Titel, könnte man denken sie seien "Fans" der Anschläge. Auch die Gegenüberstellung von diesen und den Opfern/ Angehörigen der Opfer wirkt, als sei es geschmacklos an die Unschuld dieses Mannes zu glauben, angesichts des Leides der Opfer. Das ist aber wohl kaum der Punkt. Was wurde aus der guten alten Unschuldsvermutung? Ich erinnere mich daran, wie man vor nicht allzu langer Zeit den mutmaßlichen Kindermörder lynchen wollte. Da wurde den Gegnern der Selbstjustiz (auch von einigen hier im SPON-Forum) ebenfalls unterstellt "mehr auf Seiten des Täters denn auf Seiten der Opfer"zu sein. Und dann stellte sich dieser als unschuldig heraus... Ok, es scheint unwahrscheinlich, dass die US-amerikanische Regierung die wahren Täter sind. Aber wer wirklich meint, dies schließe bereits der "gesunde Menschenverstand" aus sei an den Skandal um "stay-behind" und "Gladio" erinnert. Gladio & Stay-behind (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-39997525.html) Wers noch nicht kennt, sollte es mal lesen. Das ist keine Verschwörungstheorie, es ist bewiesen, das im Rahmen eines NATO-Programms in Italien Anschläge auf Zivilisten verübt wurden, einzig und allein um diese dann den Kommunisten in die Schuhe zu schieben. Und man sollte sich in diesem Zusammenhang mal informieren, was da gerade in Luxemburg passiert (Nix "Lauschaffäre", es gehtum Bombenanschläge) und das womöglich das Oktoberfestattentat, immerhin der schwerste Terroranschlag den es je in der BRD gab, neu aufgerollt werden muss (man ermittelt momentant gegen den BND - auch wenn es Zweifel am Hauptzeugen gibt: warum hört man da praktisch nichts von?). Zu guter Letzt: Der "Fan"-Sprachgebrauch erinnert an die Worte einiger Mitforisten, die damit Gegner von Militärinterventionen abkanzeln wollten: Gaddafi-Fan, Assad-Fan. Gleicht sich SPON hier an dieses unterirdische Niveau an? Ärmlich.
schaufel 11.07.2013
3. Paradebeispiel
... das PRISM versagt und abgeschaltet gehört. Es funktoniert nicht...
Walter Sobchak 11.07.2013
4. Jetzt werben - im SpiegelOnline Forum
Auch gut moeglich, dass das wieder so eine Sting-Operation des FBI war. Er koennte also durchaus die Wahrheit sagen. So oder so, PRISM hat das nicht verhindern koennen.
dcrwiesbaden 11.07.2013
5. Das Urteil ist schon gefällt
Vorurteile ersetzen keine Urteile. Viele Urteile im Gericht und ausserhalb basieren auf vorgefertigte Urteile, bei denen es sich um Vorurteile handelt. Die blossstellende entmenschlichende Vorführung im orangefarbenen Overall mit Fesseln an Händen und Füßen ist sichtbarer Ausdruck einer längst vollzogenen Vorverurteilung. Auch Recht und Gesetz kennt seine eigenen Vorurteile. Sie bilden nicht unbedingt Wirklichkeiten ab. Vorurteilen, verurteilen ist einfacher als Verstehen und Vergeben.
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