Erste öffentliche Äußerung Tochter fordert für Josef F. lebenslange Bestrafung

Noch nie hat sie sich öffentlich geäußert - unmittelbar vor der Verurteilung von Josef F. meldet sich seine jahrelang missbrauchte Tochter doch zu Wort. "Sie will, dass der Angeklagte bis zum Tod zur Verantwortung gezogen wird", sagte Elisabeths Anwältin. Zur Stunde beraten die Geschworenen.

St. Pölten - Es ist der vermutlich letzte Verhandlungstag in St. Pölten: An diesem Donnerstag wird das Urteil gegen Josef F. erwartet. Dem 73-Jährigen, der seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in einem fensterlosen Kellerverlies als Gefangene hielt und sie immer vergewaltigte, droht eine lebenslange Haftstrafe. Und genau das will auch Elisabeth F. - erstmals meldete sie sich am Vormittag über ihre Anwältin Eva Plaz zu Wort.

Plaz sagte, eigentlich habe ihre Mandantin sich nicht zu dem Verfahren äußern wollen. Die Meinung der 42-Jährigen habe sich aber durch das überraschende umfassende Geständnis ihres Vaters am Mittwoch geändert. Plaz zu den Geschworenen: "Das, was Sie gehört haben, war kein Geständnis. Er verharmlost und hofft, dass ihm geglaubt wird." F. habe rein juristisch betrachtet nur fahrlässige Tötung und nicht Mord gestanden. "Vielleicht spekuliert er ja tatsächlich noch immer auf eine vorzeitige Entlassung."

Elisabeth F. habe sich ihre Zeugenvernehmung per Video gut überlegt. Sie hätte sich diese Belastung sparen können, weil ihr Vater mit hoher Wahrscheinlichkeit auch so in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen worden wäre. Dass sie aber trotzdem ausgesagt habe, begründete sie mit dem 1996 nur 66 Stunden nach seiner Geburt durch fehlende ärztliche Betreuung verstorbenen Michael. Für ihn habe sie ausgesagt, denn Josef F. habe sich damals zum Herrn über Leben und Tod gemacht. "Sie will, dass der Angeklagte bis zum Tod zur Verantwortung gezogen wird", sagte Plaz im Namen von Elisabeth F.

Von den Vorwürfen gegen Josef F. blieben jene des Mordes und der Sklaverei in den Plädoyers umstritten. Staatsanwältin Christiane Burkheiser forderte die Höchststrafe und sagte, F. habe seine Tochter in völlige Abhängigkeit gebracht, was Sklaverei sei. Auch der Mord an Michael sei eindeutig: "Jeder Laie hätte feststellen können, dass dieses Kind mit dem Tode ringt. Die Einlassung von F. sei kein Geständnis gewesen. Er habe eine "unglaubliche manipulative Fähigkeit": "Jetzt hat der Angeklagte tatsächlich sein wahres Gesicht gezeigt, indem er die Leichtgläubigkeit der Menschen ausnutzt", sagte Burkheiser.

Dagegen sagte Verteidiger Rudolf Mayer: "Von einer Täuschung kann überhaupt keine Rede sein." Er bestätigte, dass Elisabeth F. beim nicht-öffentlichen Teil der Verhandlung auf den Zuschauerbänken saß, und nannte dies einen geschickten Schachzug des Gerichts. "In der letzten Stunde hat mein Mandant gemerkt, dass die Elisabeth dort sitzt." Angesichts der Videobänder und der persönlichen Anwesenheit seiner Tochter sei er zusammengebrochen und habe sich zum Geständnis entschlossen. "Er war erschüttert." Mayer wies den Mordvorwurf zurück und bat um ein milderes Urteil und Verständnis für F., der vermutlich "sowieso für 20 Jahre ins Gefängnis kommt".

Josef F.: "Ich bereue aus ganzem Herzen"

F. selbst sagte in seinem Schlusswort: "Ich bereue aus ganzem Herzen, was ich meiner Familie angetan habe. Ich kann es leider nicht mehr gutmachen. Ich kann nur schauen, den Schaden nach Möglichkeit zu begrenzen."

Der Urteilsspruch wird für den Nachmittag erwartet. Anders als an den ersten Prozesstagen verbarg F. auf dem Weg in den Gerichtssaal nicht sein Gesicht.

Wenige Stunden nach Abschluss der Vernehmung hatte F. am Mittwoch im Gericht sich überraschend in allen Anklagepunkten für schuldig bekannt. Auf die Frage, was ihn zu seinem Sinneswandel bewegt habe, sagte F.: "Die Videovernehmung meiner Tochter." Er sei verantwortlich für den Tod Michaels, den er mit seiner Tochter Elisabeth in seinem Kellerverlies gezeugt hatte. Er habe den Sohn aber nicht absichtlich umkommen lassen, sondern dessen Gesundheitszustand falsch eingeschätzt, so F.

Die Psychiaterin Adelheid Kastner, die im Auftrag des Landgerichts St. Pölten F. untersucht hatte, hält den 73-Jährigen für selbstmordgefährdet. Durch die insgesamt elfstündigen Aussagen seiner Tochter Elisabeth sei bei dem Inzesttäter "sicher der Moment gekommen, wo das (von ihm aufgebaute) Kartenhaus eingestürzt ist", sagte Kastner in den ORF-Fernsehnachrichten. F. werde mit der jetzt offenbar gewordenen Realität nur "schlecht leben" können.

Die Psychiaterin hatte den Angeklagten untersucht und ihm in ihrem Gutachten eine schwere Persönlichkeitsstörung attestiert. Sie hatte F. am Mittwoch volle Zurechnungs- und Schuldfähigkeit für den gesamten Tatzeitraum bescheinigt. Sie empfahl dem aus acht Schöffen und drei Berufsrichtern bestehenden Schwurgericht, F. wegen seiner gestörten und gewalttätigen Persönlichkeit in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher einzuweisen.

han/AFP/dpa
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