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Containerer-Prozess: Proteste verhindern Verhandlung

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Skurriler Mülltaucher-Prozess Hunger nach Aufmerksamkeit

In Aachen stehen zwei junge Leute vor Gericht, weil sie Weggeworfenes aus einem Supermarkt-Müllcontainer stahlen. Für sie ist das ein Protest gegen die Wegwerfgesellschaft. Für den Richter eine Geduldsprobe.

Der Verhandlungstag endet mit einem Knall: "Wenn Sie nicht gehen", poltert Richter Matthias Quarch, "verlassen wir eben den Saal". Sekunden später sind er und die Schöffen verschwunden, während das johlende Publikum von Justizbeamten heraus komplimentiert werden muss.

Vordergründig geht es vor Gericht in Aachen um die Frage, ob zwei 21 und 27 Jahre junge Leute wegen Hausfriedensbruch und Diebstahl 30, respektive 70 Tage Haft verbüßen sollten, weil sie weggeworfene Lebensmittel aus dem Abfallcontainer eines Rewe-Supermarktes entwendeten. Da hat man sofort Stichworte im Kopf: Armut, Überfluss, soziale Kälte. Es klingt, als würden sich da die Schwachen selbst helfen. Und wem schaden sie dabei schon? Braucht jemand, der aus dem Müll lebt, nicht eher Hilfe?

Das war geschehen: Im Januar 2013 überwand eine kleine Gruppe den Zaun eines Rewe-Marktes in Düren. Eine Nachbarin, die einen Einbruch vermutete, rief die Polizei. Die setzte zwei der Eindringlinge fest und stellte einen Karton voller Lebensmittel aus dem Müllcontainer sicher. Abgelaufenes Zeug, fleckiges Obst, die übliche Beute beim "Containern", "Mülltauchen" oder "Dump-Diving".

So nennt man das, wenn Menschen vermeintlichen Müll aus Containern holen: Die Reste einer Überflussgesellschaft, die wegwirft, was nicht mehr präsentabel genug erscheint.

Die Sache ist den Geschädigten unangenehm

Am 24. Januar verurteilte ein Gericht in Düren Rowena F., 21, und Raoul M., 25, wegen Diebstahl und Hausfriedensbruch. Es ist das bisher härteste Urteil gegen sogenannte Containerer in diesem Land. Dass bisher nicht mehr passierte, liegt auch an der Zurückhaltung der Lebensmittelkonzerne. Denn die treten in aller Regel nicht als Kläger auf.

Auch Rewe ist die Sache merklich unangenehm. Auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE erfolgt diese Antwort: "Laut den uns vorliegenden Informationen ist der Auslöser des Verfahrens die örtliche Polizei, die damals von den Nachbarn des Rewe-Marktes gerufen wurde. Bisher hat Rewe noch keinen Fall des Containerns zur Anzeige gebracht."

Dabei könnte man das durchaus nachvollziehen: Man kann von einem Lebensmittelhändler nicht erwarten, vorn Waren zu verkaufen und hinter dem Haus kostenlos zu verteilen. Und dass etwa fleckiges Obst im Müll landet, entscheidet nicht der Konzern allein, sondern auch der Kunde: Er kauft es nicht.

Auch den Angeklagten geht es nicht nur um Hunger. Für sie ist das Containern ein politisches Statement, eine tätige Kapitalismuskritik. Ein wenig Lärm ist da hilfreich. Und die Aufmerksamkeit, die eine Berufungsverhandlung in so exotischer Sache erntet.

Die Sache an sich weckt Sympathien

Bereits vor Mittag versammeln sich die Unterstützer vor dem Justizzentrum, bauen einen Infostand auf, verteilen "weggefundene" Lebensmittel, um deren Güte zu demonstrieren. Ein bunter Haufen, viele sind barfuß unterwegs und sitzen nachher genauso im Gericht.

Aber ein Dresscode müsse ja auch nicht sein, sagt ein Aachener Richter, der kurz vor Verhandlungsbeginn "aus Neugier und Interesse" vorbeischaut. Er ist nicht der Einzige. Dieser Prozess lockt so einige an. Es gibt Grundsympathien für das politische Anliegen der jungen Leute nach mehr Nachhaltigkeit. Natürlich, sagt da ein Beamter aus der Verwaltung, sei es "Wahnsinn", wie wir mit Ressourcen umgingen. Einer sagt: "Quarch kriegt das schon hin". Besonnen sei der Richter ja.

Wie man sich einen Richter zum Gegner macht

Wenige Minuten später kann Quarch das im Gerichtssaal beweisen. Das Publikum, nach einem E-Mail-Aufruf zahlreich erschienen, weiß, was es zu tun hat: "Ihr könnt den Prozess mitgestalten" hatte es in der E-Mail geheißen. Sie tun das mit Zwischenrufen und viel Bewegung. Mal wird die Anklagebank mit Getränken versorgt, mal das Publikum mit Stühlen. Als ein Unterstützer den Zeugenstuhl forttragen will, muss ein Gerichtsdiener einschreiten.

Quarch macht das alles mit, versucht mit Humor zu deeskalieren. Es wird nicht verstanden, sondern als Hohn aufgefasst. Für die Containerer ist klar: Ein Richter ist als Vertreter des "Systems" grundsätzlich ein Gegner.

Die Begleiter der Angeklagten, die keinen Anwalt haben, beantragen, als Laien-Rechtsbeistände vom Gericht anerkannt zu werden. Quarch bietet an, das doch einfach informell zu tun. Die Seite der Angeklagten schlägt das freudig aus: Sie besteht auf einer formellen Anerkennung. Jetzt eskaliert die Sache.

Gezielte Verzögerungen

Nach Beratung mit den Schöffen lehnt die Kammer die Begleiter als Rechtsbeistände ab - und die verlesen Einsprüche dagegen. Der Angeklagte Raoul M. bemüht in einer Erklärung nicht nur die Verfassung, sondern ausführlich auch die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Man fragt sich inzwischen, ob es je beabsichtigt war, einen Freispruch oder eine Einstellung des Verfahrens zu erreichen.

Auch Quarch will wissen, was denn "Ziel der Verteidigung" sei. Eine Antwort bekommt er nicht, ob es um die Produktion von Märtyrern für die Sache geht, fragt er nicht. Der Gedanke läge nahe.

Nach über eineinhalb Stunden hat die Verhandlung noch immer nicht begonnen. Jetzt reißt Richter Quarch der Geduldsfaden: Er besteht - nun ganz formalistisch Vorschriften folgend - darauf, die fachliche Eignung der Begleiter zu überprüfen.

Natürlich ist das fies, denn die ist offensichtlich nicht vorhanden. "So einen Hass", sagt in der nächsten Verhandlungspause einer der Unterstützer der Angeklagten, "so eine Ablehnung habe ich noch bei keinem Richter gesehen." Wahrnehmung ist immer subjektiv.

Auch Richter Quarch ist längst klar, dass hier keine ordentliche Verhandlung mehr zu führen ist. Nach der zweiten Unterbrechung bekräftigt er die Entscheidung der Kammer, die Begleiter der Angeklagten als Rechtsbeistände abzulehnen, verweist diese Sache zur Klärung ans Oberlandesgericht Köln und vertagt die Verhandlung abrupt auf den 25. Juni.

"War ja klar", sagt draußen einer, als alles vorbei ist, "das hier ist ein politischer Prozess."

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