Prozess wegen versuchten Mordes Im Namen der Familie

Ein Mann hat eine Liebesbeziehung mit einer verheirateten Frau - dafür soll ihre syrische Familie ihn aus verletztem Ehrgefühl fast getötet haben. Nun hat in Essen der Prozess gegen 13 Angeklagte begonnen.

Angeklagte, Anwälte und Dolmetscher und ein Justizbeamter im Landgericht Essen
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Angeklagte, Anwälte und Dolmetscher und ein Justizbeamter im Landgericht Essen

Von und David Walden, Essen


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Als Mohammad A. glaubt, sein Leben zu verlieren, hält Mehyaddin O. sein Mobiltelefon in die dunkle Nacht: die Kamera auf den blutenden 20-Jährigen gerichtet. Zu hören sind Schläge und Schreie, ein Mann ruft: "Ich werde dich jetzt abschlachten!" Zu sehen ist Mohammad A. in Todesangst. Er kauert an der Außenwand eines heruntergekommenen Getränkemarktes in einem Hinterhof in Essen-Steele, seine Arme schützend vor dem Gesicht.

Er überlebt, schwer verletzt, teilweise skalpiert.

Acht Männer und zwei Frauen, die ihm das angetan haben sollen, werden zum Prozessauftakt aus der Untersuchungshaft in zehn verschiedenen Justizvollzugsanstalten im Ruhrgebiet zum Landgericht Essen gebracht. Drei weitere männliche Angeklagte sind gekommen, sie sitzen nicht in U-Haft.

Eine Hundertschaft bewacht das Gebäude, zwei Dutzend Justizwachtmeister sichern den Saal N 001. Die meisten Angeklagten verstecken ihre Gesichter hinter Zeitschriften und Aktenordnern. Neun von ihnen wird versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen, vier sind wegen Beihilfe angeklagt.

Einer von ihnen ist Mehyaddin O., der die Tat filmte. Er ist 25 Jahre alt, vor wenigen Monaten Vater geworden und im Zeugenschutzprogramm. Seine Aussagen, die er in Vernehmungen zum Überfall auf Mohammad A. machte, halfen den Ermittlern bei der Rekonstruktion der Tat. Aber mit seinen Angaben hat er sich auch in Lebensgefahr gebracht. Es ist nicht auszuschließen, dass Verwandte der anderen Angeklagten auf Rache aus sind. Mehrere Personenschützer - um ihre Identität geheim zu halten, tragen sie Sturmmasken - eskortieren ihn zu seinem Platz auf der Anklagebank.

Die Mitangeklagten würdigen Mehyaddin O. keines Blickes. In den Gerichtssaal drängen vor allem weibliche Angehörige der Tatverdächtigen. Zwei weitere Angeklagte haben angekündigt, sich im laufenden Verfahren ebenfalls umfassend einzulassen.

Laut Anklageschrift beschlossen die 13 Männer und Frauen, Mohammad A. heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen zu töten, weil er eine Liebesbeziehung mit einer gleichaltrigen Mitschülerin eingegangen war: Diese war jedoch im Alter von 16 Jahren nach islamischem Ritus und für eine sogenannte "Morgengabe" von 2500 Dollar und gut 20 Gramm Gold, 21 Karat, mit dem Cousin ihrer Mutter verheiratet worden.

Mutter und Tante sollen die Drahtzieherinnen gewesen sein

In der Nacht zum 31. Mai vergangenen Jahres sollen die Angeklagten Mohammad A. aufgelauert und überfallen haben, um die ihrer Ansicht nach verlorene Ehre der jungen Frau wiederherzustellen. Mit Knüppeln und Holzlatten sollen sie auf Mohammad A. eingeschlagen, ihn getreten haben; einer soll ihn mit einem Messer verletzt haben.

Ermittler haben drei Handyvideos sichergestellt, die die Tat dokumentieren. Sie lassen ihrer Meinung nach keinen anderen Schluss zu, als dass die elf Männer und zwei Frauen zur Selbstjustiz gegriffen haben.

Die meisten von ihnen waren vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen, kamen zwischen 2013 und 2015 als Asylbewerber nach Sachsen-Anhalt und ins Ruhrgebiet. Sie sind fast alle miteinander verwandt und zwischen 22 und 47 Jahre alt.

Drahtzieherinnen sollen Muzgin M., die Mutter der jungen Frau, und ihre Schwester Gulistan A. gewesen sein: Als Bilder des heimlichen Paares bei Facebook auftauchten, sah die Familie ihre Ehre offenbar als beschmutzt an. Wer die Aufnahmen ins Netz gestellt hat, ist ungeklärt. Für die Mutter und die Tante der jungen Frau waren sie nach Ansicht der Staatsanwaltschaft der Auslöser, der verbotenen Liebe ein sofortiges Ende zu bereiten. Vor Gericht weint die Mutter unaufhörlich.

"Verachtenswert und auf tiefster Stufe stehend"

Die Ermittler sind davon überzeugt, dass vor allem die Mutter, 39, und die Tante, 47, nach ihren eigenen Gesetzen für Gerechtigkeit sorgen wollten. Obwohl sie laut Ermittlern wussten, dass die Tötung wegen eines übersteigerten Ehrgefühls ein Motiv ist, das in der deutschen Justiz als "verachtenswert und auf tiefster Stufe stehend" gilt.

Laut Ermittlungsakte trommelte die Mutter in Viersen und die Tante in Naumburg Verwandte zusammen: Alle sollten nach Viersen kommen zum Familienrat. Und die Familie kam: aus dem Ruhrgebiet, aber auch aus Freyburg (Unstrut), Naumburg, Halle und Zeitz in Sachsen-Anhalt.

Auch Mehyaddin O., der zuletzt in Halle lebte, war dabei. Er schilderte in Vernehmungen, wie die Familie die Vergeltung geplant habe, wie man in der Wohnung der Eltern in Viersen angeblich beratschlagt habe, was zu tun sei, um die Ehre wiederherzustellen: Mohammad A. ein "Stückchen Fleisch" herausschneiden, ihm ein Ohr abtrennen, sein Blut trinken?

Einer der Tatverdächtigen sagte in einer Vernehmung, man habe keine andere Wahl gehabt: Durch die Fotos bei Facebook sei Schande über die Familie gebracht worden. Es sei unter Kurden "ganz normal", derartige Angelegenheiten ohne Beteiligung der Polizei zu regeln.

"Wenn es um die Ehre geht, interessieren sie sich nicht für unsere Gesetze"

Mehyaddin O. schilderte Ermittlern, wer am Tatort war und wer sich wie an der Tat beteiligte: Muzgin M. und Gulistan A., Mutter und Tante der jungen Frau, waren demnach nicht am Tatort. Dennoch sieht die Staatsanwaltschaft die beiden als Mittäterinnen eines gemeinschaftlichen Mordversuchs.

Mohammad A. musste nach dem Überfall notoperiert werden, er schwebte in Lebensgefahr. In dem Verfahren tritt der 20-Jährige als Nebenkläger auf. Zum Prozessauftakt erscheinen er und seine Familie nicht im Gerichtssaal. Eine bewusste Entscheidung, wie sein Anwalt Aykan Akyildiz sagt. Sein Mandant habe jegliche Art der Provokation vermeiden wollen.

Akyildiz ist davon überzeugt, dass vonseiten seines Mandanten und dessen Familie keine Gefahr der Rache droht. Was die Angeklagten angeht, ist er hingegen skeptisch. "Juristisch fehlt diesen Leuten jede Hemmschwelle. Wenn es um die Ehre geht, interessieren sie sich nicht für unsere Gesetze." Das Erschreckende an diesem Fall sei, dass Familienoberhäupter ein Todesurteil fällten, sich aber auch genügend Angehörige gefunden hätten, die diesen Entschluss umsetzten. Er könne sich vorstellen, dass mit dem Urteilsspruch voraussichtlich Mitte Juli die Geschichte noch nicht beendet sei.


Zusammengefasst: Am Landgericht Essen hat der Prozess gegen 13 Mitglieder einer syrischen Familie begonnen. Die elf Männer und zwei Frauen sollen versucht haben, einen jungen Mann zu ermorden, der eine Beziehung zu einer verheirateten Frau aus der Familie hatte. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Angeklagten die Familienehre als beschmutzt ansahen und durch den Angriff wieder herstellen wollten.



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