Urteil zu Gruppenvergewaltigungen Die scheußlichen Verbrechen der "Scorpion"-Bande

Über Instagram und WhatsApp lockten sie Mädchen an und vergewaltigten sie gemeinsam: Das Landgericht Essen hat fünf junge Männer zu Freiheitsstrafen verurteilt. Der Jüngste soll der Schlimmste gewesen sein.

Angeklagte im Landgericht Essen
DPA

Angeklagte im Landgericht Essen

Von


Antonio H., zur Tatzeit 15 Jahre alt, blieb frei. Er musste nicht wie seine älteren Kumpane in Untersuchungshaft. Ausgerechnet er, der Jüngste, soll treibende Kraft, Anstifter, Chef gewesen sein. Oder ein "Pulverfass", wie ihn eine Lehrerin nannte.

Mit der Freiheit dürfte es nun bald vorbei sein. Die Jugendkammer des Landgerichts Essen hat Antonio H. zu fünf Jahren Haft verurteilt. Dem Schuldspruch zufolge war der Minderjährige der Aggressivste einer Bande, die systematisch Gruppenvergewaltigungen organisierte. Antonio H. war gemeinsam mit seinem Bruder Gianni H., 19, mit Nuri E., 20, Dean Martin L., 19, und Enrico F., 24, angeklagt - wegen Vergewaltigung, versuchter Vergewaltigung und Nötigung.

Die jungen Männer aus Wuppertal, Essen und Gelsenkirchen gründeten nach Ansicht des Gerichts WhatsApp-Gruppen, die sie "SpinnenGE" und "Scorpions MC 1%" nannten, um sich zu Gewalttaten zu verabreden: gemeinsam über Frauen herzufallen, sie zu sexuellen Handlungen zu zwingen, sie zu vergewaltigen. Die Gruppe nannte es "Scorpion machen".

Das Gericht sprach von "scheußlichen Taten" und verurteilte Gianni H. zu sechs Jahren und drei Monaten Haft, Nuri E. sowie Dean Martin L. zu vier Jahren und Enrico F. zu drei Jahren und neun Monaten.

Skorpione seien "cool", hatte Gianni H. im Prozess die Wahl des Namens erklärt. Und sie seien "dünn", so wie die Angeklagten auch. Dünne, junge Männer, die eine verhängnisvolle Gruppendynamik voller Grausamkeit und Empathielosigkeit entwickelten, in der jeder Einzelne das Gefühl entwickelt haben muss, der Stärkste, der Größte, der Coolste zu sein. Oder wie Gianni H. sagte: "Mit fünf Jungs ist es nicht schwer, Macht zu haben."

Seit August 2016 nahm einer von ihnen etwa über WhatsApp oder Instagram Kontakt zu einem Mädchen auf, das er flüchtig kannte, und schlug eine Verabredung vor. Das Mädchen sollte irgendwohin kommen, meist in der Dunkelheit, meist auf einen Parkplatz, um angeblich von dort aus gemeinsam einen Ausflug zu machen: in ein Café oder in eine Shisha-Bar.

Doch im Auto, mit dem das Mädchen abgeholt wurde, saß nicht nur der, mit dem es sich verabredet hatte; es waren noch weitere Männer dabei oder sie stiegen unterwegs hinzu. Sie nahmen ihren Opfern das Handy weg und fuhren an entlegene Orte. In Wälder oder auf ein Feld. Orte, an denen niemand die Schreie, die Hilferufe der Mädchen hören konnte.

In 21 Hauptverhandlungstagen zeigte sich: Die Männer wussten genau, dass sie gegen den Willen der Mädchen handelten. Nach den Taten verhöhnten und verspotteten sie ihre Opfer in den Chats. Einer schrieb beispielsweise: "Bei mir kommen die Frauen aus mein Auto wieder raus die müssen erstmal Therapie."

"Wir werden beraten, ob wir das Urteil akzeptieren"

Staatsanwältin Rebecca Henrich wertete diese Herabwürdigung der Frauen als strafverschärfend und forderte für Nuri E., der als Erster die Taten eingeräumt hatte, eine Jugendstrafe von fünfeinhalb Jahren sowie für Antonio H. sieben Jahre und neun Monate, weil er zusätzliche Gewalt gegen die Frauen eingesetzt habe. Henrich sprach in ihrem Plädoyer von "perfidem Verhalten" der Angeklagten.

Die Urteile der Kammer weichen von Henrichs Forderungen ab. "Wir werden beraten, ob wir das Urteil akzeptieren", sagte Oberstaatsanwältin Anette Milk.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatten die Opfer der Gruppenvergewaltigungen ausgesagt. Drei von ihnen hatten Anzeige erstattet, angeklagt waren insgesamt sieben Fälle von Vergewaltigung. Die Ermittler schließen nicht aus, dass es noch weitere Fälle gab, die Opfer jedoch aus Scham schweigen.

Einige Angeklagte kündigten im Prozess an, den Mädchen Schmerzensgeld zu zahlen. Nuri E. versprach nach Angaben seines Verteidigers Marc Piel zwei Opfern je 5000 Euro. "Die Rechtserwägungen der Kammer zur Höhe der ausgeurteilten Einheitsjugendstrafe" hinsichtlich seines Mandanten seien jedoch "genauester Nachprüfung zu unterziehen", sagte Piel.

Die Verurteilten sind größtenteils Sinti. Ihre Familien sind eng miteinander verwoben. Einer von ihnen sprach vor Gericht von Strafen, die die Sinti-Gemeinde unabhängig von der deutschen Justiz verhängen werde.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.