Ex-Mafioso im Chat "Ich würde nie ein Tier töten, einen Menschen schon"

Töten sei für ihn eine Frage der Ehre gewesen, Italien wird die Mafia nie los, und 80 Prozent der deutschen Pizzerien zahlen Schutzgeld. Das behauptet zumindest Giorgio Basile. Im Chat bei SPIEGEL ONLINE stellte sich der Ex-Mafioso Fragen nach Mafia, Schuld und Sühne.

Hamburg - Wie wird man Mitglied der Mafia? Werden deutsche Pizzerien von der Mafia beherrscht? Glauben Sie an Gott? Nur drei Fragen, die die SPIEGEL-ONLINE-Leser im Chat an Giorgio Basile heute Nachmittag stellten. Rund 50.000 Leser loggten sich in das virtuelle Gespräch mit dem ehemaligen Mafia-Killer Giorgio Basile ein, zur Spitzenzeit waren rund 6300 User gleichzeitig im Chatroom versammelt. Basile gewährte Einblicke in das Leben eines Mafioso. Mit den Mafiafilmen "Der Pate" oder "Goodfellas" habe die Realität jedoch nichts zu tun. Bei einigen Fragen erfüllte Basile jedoch auch diverse Klischees: "Man muss kaltblütig sein, sonst kann man keinen Menschen töten, und man muss hinterher damit leben können", antwortete er auf die Frage, welche Charaktereigenschaften ein Mitglied in der Organisation haben muss. Er vergaß nicht, hinzuzufügen: "Ich kann damit leben."Basile, ehemaliger Killer der 'Ndrangheta, der Mafia in Kalabrien, ist im Zeugenschutzprogramm der italienischen Polizei. Für SPIEGEL ONLINE trat der 45-Jährige zum ersten Mal an die Öffentlichkeit und beantwortete Fragen zur Organisation und seinem neuen Leben als Angestellter bei der Justiz. Basile, der mit einer neuen Identität in Italien lebt, gewährte auch Einblicke in sein Privatleben. "Ich glaube nicht an Gott, aber an eine höhere Macht", antwortete er auf die Frage nach seiner Religiosität.Wie abgebrüht und gleichgültig er in den Jahren seiner Tätigkeit für die Mafia geworden ist, zeigen Aussagen wie: "Ich halte mehr von einem Tier als von einem Menschen. Einem Tier würde ich nie etwas antun." Basile erzählte, dass es Geld und Macht waren, die ihn zur Mafia gebracht haben, er plauderte über seinen Drogenkonsum. Nur wenn es um seine Frau und seine Kinder ging, wurde der ehemalige Killer still. "Meine Familie ist das Wichtigste in meinem Leben", so Basile. Er selbst habe keine Angst vor dem Tod, nur dass seine Familie in der Nähe sein könnte, wenn die Mafiabosse ihn ausfindig machen sollten.Zu viele Menschen habe er getötet, schrieb Basile. Wie viele es genau waren und auf welche Art und Weise er sie getötet hat, wollte er nicht verraten. Besonders interessant für viele Leser waren die Entlohnung und der Kontostand des Killers. Aber auch bei diesen Fragen schwieg Basile. "Wenn Krieg war, wurde getötet. Es war eine Sache der Ehre." Warum er sich überhaupt gestellt habe, mit der Polizei kooperiere und mit seiner Lebensgeschichte an die Öffentlichkeit gehe, wurde der Italiener mehrfach gefragt. "Die Jugend soll wissen, dass ich zu viele Fehler gemacht habe. Niemand soll denken, dass die Mafia etwas Gutes ist."In den 70 Minuten, die der Chat mit Basile geschaltet war, konnten längst nicht alle Fragen beantwortet werden. Besonders aufmunternd waren die Worte nicht, die Basile zum Abschied schrieb: "Die Mafia wird weiter expandieren, durch das vereinte Europa wird sie sich ausbreiten." Hier können Sie das ganze Chatprotokoll mit Giorgio Basile nachlesen. Swantje Dake

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