Fahndung nach Ex-RAF-Trio Der nächste Überfall kommt vielleicht schon bald

Mehr als 600.000 Euro raubten drei Ex-RAF-Terroristen beim bisher letzten Überfall auf einen Geldtransporter. Was verraten die Höhe ihrer Beute und die Abstände ihrer Taten über die weiteren Pläne?

Ein Fahndungsplakat des LKA Niedersachsen
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Ein Fahndungsplakat des LKA Niedersachsen

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Seit 25 Jahren leben sie im Untergrund. Aber wie finanzieren sie dort ihr Leben? Acht bewaffnete Raubüberfälle sollen die früheren RAF-Mitglieder Burkhard Garweg, 48, Daniela Klette, 58, und Ernst-Volker Staub, 62, in Niedersachsen begangen haben. Zwei weitere in Nachbarbundesländern werden ihnen zugeschrieben.

Beim rechtsextremen NSU waren es 14 Überfälle. Daraus errechnete ein Polizist Überfall Nummer 15 und half so, die Täter zu überführen. Könnten sich auf diese Weise auch die früheren RAF-Mitglieder bei ihrem nächsten Raub stoppen lassen?

Eine Analyse der SPIEGEL-Dokumentation zeigt jedenfalls Parallelen. Der erste Coup von Garweg, Klette und Staub 1999 brachte 1,016 Millionen Mark. Das ergibt bis zum nächsten bekannten Überfall 2011 ein Monatsbudget von 3600 Euro; Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe gaben zwischen dem ersten Überfall 1998 und dem letzten im November 2011 durchschnittlich etwas mehr als 3000 Euro pro Monat aus.

Der Unterschied könnte daran liegen, dass die Ex-RAF-Kader etwa 20 Jahre älter sind. Zudem dürften die Wohnkosten des NSU in der ostdeutschen Provinz niedriger gewesen sein.

So scheint plausibel, dass Staub und Co. 2011 Geld brauchten. Die Ermittler gehen davon aus, dass sie zwölf Jahre nach dem Überfall auf einen Geldtransport in Duisburg wieder zuschlugen: Nach der langen Pause fingen sie demnach vorsichtig an und überfielen zunächst nur Supermärkte. Sie kamen immer kurz vor oder nach Sonntagen, dreimal nahe Weihnachten und Silvester. Das Timing war auf maximale Beute angelegt.

Zwar überfielen die Täter nur besonders große Supermärkte und machten immer Beute, aber zu wenig. Nach knapp vier Jahren änderte sich die Strategie: Ab 2015 nahmen sie auch Geldtransporter wieder ins Visier - die sind jedoch mobil, gepanzert und bewaffnet. Kaum ein Krimineller schafft es heute noch, da Geld herauszuholen, selbst mit Kriegswaffen nicht.

Minimum: drei Täter mit drei Autos

Zudem sind Aufwand und Risiko höher. Drei Täter und drei Autos sind das Minimum: Mit zwei Wagen wird der Transporter blockiert, mit einem davon flüchten die Räuber vom Tatort und steigen dann zur Tarnung in den dritten Wagen um. Tatsächlich scheiterten Garweg, Klette und Staub beim ersten Versuch im Juni 2015 in Stuhr, auch einige Monate später in Wolfsburg blieben sie ohne Beute.

Trotz des großen Aufwands kamen sie laut Ermittlern auf die hohe Schlagzahl von fünf Überfällen in zwölf Monaten. Dadurch überschnitten sich die Vorbereitungen mehrerer Taten. Der Stress stieg und damit die Wahrscheinlichkeit von Fehlern. Im Juni 2016 wichen sie zum ersten Mal von ihrem Prinzip der Profitmaximierung ab: In Cremlingen bei Braunschweig gibt es keinen Riesensupermarkt, sondern nur Aldi, Rewe und ein Dutzend weitere Läden. Sie schlugen trotzdem zu. Eine zweite Neuerung: Einer der Täter bemühte sich in das nahe Matratzengeschäft, um dessen Kasse zu leeren. So erhöhten die Täter das Risiko noch weiter - aber sie wurden nicht dafür bestraft, im Gegenteil: Sie machten mehr Beute als bei allen Taten seit 2011 zusammen, mindestens 600.000 Euro.

Verblüffend konstant

Lässt sich durch die Taten ein Muster erkennen? Viele Hintergründe sind zwar unklar, etwa der Gesundheitszustand oder die Unterkunft des Trios. Aber ein Blick auf die Überfälle seit 2011 lohnt sich: Die drei raubten mal 135.000 Euro, mal 46.000 Euro, mal nichts. Bei Widerstand zogen sie sich ohne Beute zurück, bevor die Polizei kam. Die Abstände zwischen den Taten variierten von sieben Wochen bis 20 Monate, scheinbar chaotisch.

Aber verteilt man das geraubte Geld über die Zeit bis zur jeweils nächsten erfolgreichen Tat gleichmäßig, so ergibt sich ein Monatsbudget von rund 6000 Euro, und zwar verblüffend konstant über fünf Jahre.

Nur eine Phase von vier Monaten ragt heraus, wie unsere Grafik zeigt:

Auch diese deutliche Erhöhung des Haushaltsgeldes erinnert an den NSU. Dessen Bedarf stieg von Anfangs knapp 2000 auf zuletzt 4500 Euro. Eine ähnliche Steigerung bei Garweg, Klette und Staub liegt nahe.

Können sie die fette Beute vom Überfall von Cremlingen nun sorgenfrei unter Palmen verprassen? Keineswegs. Die drei haben zusammen noch 77 Lebensjahre zu erwarten, wenn man nach dem deutschen Durchschnitt geht. Bei Ausgaben wie in den vergangenen fünf Jahren brauchen sie dafür 1,9 Millionen Euro - vorausgesetzt, sie bleiben bis zum Tod halbwegs gesund. Zudem wartet laut Brancheninsidern heute in vielen Geldkassetten eine Überraschung auf die Räuber: Öffnen sie die Kassetten, so machen Farbpatronen und andere Tricks die Scheine unbrauchbar.

Zehn Überfälle von Duisburg bis Cremlingen

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Überfall auf Geldtransport
Überfall auf Kassenbüro
Quelle: Eigene Recherchen des SPIEGEL

Kann man bei Garweg, Klette und Staub also den nächsten Überfall vorausberechnen? Nicht so präzise wie beim NSU, denn das Geld aus Cremlingen könnte den Lebensunterhalt für einige Jahre decken. Aber was nützt das, wenn man mit den Rentenbeiträgen derart im Rückstand ist? Klette und Staub sind schon heute im Vorruhestandsalter. Demnach müsste es - weniger hektisch - weitergehen: etwa jedes halbe Jahr ein sorgfältig vorbereiteter Überfall mit drei Autos auf einen Geldtransport, in Niedersachsen, Autobahnnähe, vor einem Einkaufszentrum, mit Lebensgefahr für Boten, Polizisten, Passanten und Täter. Heiligabend und Silvester fallen dieses Jahr auf Samstage.

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