Ex-Todeskandidat Abu-Jamal "Ich werde nicht zusehen, wie er verhätschelt wird"

Die Todesstrafe für den Polizistenmörder und militanten Bürgerrechtler Mumia Abu-Jamal wurde ausgesetzt, 30 Jahre dauerte der Prozess-Marathon vor US-Gerichten. Die Unterstützer des Black-Panther-Aktivisten verlangen jetzt einen Freispruch - die Witwe des Opfers reagiert verbittert.

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Am Mittwoch überraschte der Bezirksstaatsanwalt von Philadelphia die Welt mit einer geradezu sensationellen Nachricht: "Nach reiflicher Überlegung" habe er entschieden, die Todesstrafe für Mumia Abu-Jamal auszusetzen, sagte Seth Williams.

Im Klartext: Mumia Abu-Jamal, der mit Abstand prominenteste Todeskandidat in den USA, Ex-Black-Panther-Aktivist, Journalist und Mitglied des nationalen Marihuana-Konsumentenverbands, wird nicht hingerichtet. Damit geht - zumindest vorläufig - ein Rechtsstreit zu Ende, der Menschenrechtler und Todesstrafengegner in der ganzen Welt jahrzehntelang beschäftigt hat.

Fast auf den Tag genau vor 30 Jahren, am 9. Dezember 1981, soll Abu-Jamal den Polizisten Daniel Faulkner erschossen haben. 1982 wurde er deswegen zum Tode verurteilt. Jetzt wurde die Strafe in lebenslange Haft umgewandelt.

"Wer erlässt Maureen und ihrer Familie die Strafe?"

"Es gab für mich nie einen Zweifel, dass Mumia Abu-Jamal den Polizisten Faulkner erschossen und getötet hat", betonte der Bezirksstaatsanwalt. Er befürchte jedoch, dass das Beharren auf eine Exekution etliche weitere Berufungsverfahren nach sich ziehen werde. "Die Angehörigen von Officer Faulkner haben schon genug gelitten", sagte Williams. Der Verurteilte bleibe für den Rest seines Lebens hinter Schloss und Riegel, "und da gehört er auch hin".

Ein vernünftiger Kompromiss, könnte man meinen. Doch die Fronten sind weiter verhärtet. Während die Anhänger des Afroamerikaners ihren durch beharrliche Aktivität und weltweite Vernetzung errungenen Sieg feierten, legte die Witwe des Opfers nach.

"Seien sie sicher, dass ich jetzt mit all meiner Energie dafür kämpfen werde, dass Mumia Abu-Jamal keine Sonderbehandlung erhält, wenn er aus dem Todestrakt entlassen wird", erklärte Maureen Faulkner. "Ich werde nicht dabei zusehen, wie er verhätschelt wird." Sie sei erleichtert, dass er endlich unter seinesgleichen leben werde, "Gangstern und gemeinen Kriminellen". Es dauere nicht mehr lange, dann stehe Abu-Jamal vor seinem letzten Richter: "Ich freue mich auf diesen Tag."

An dieser Stelle brach die Frau in Tränen aus, getröstet von ihren Unterstützern, die zahlreich zur Pressekonferenz gekommen waren. Der ehemalige Polizeigewerkschaftspräsident Rich Costello kritisierte die Gerichte: "Wer erlässt Maureen und ihrer Familie die Strafe? Sie waren 30 Jahre lang gezwungen, Trauer, Angst, Misshandlung, Beleidigungen, Drohungen und jede Art von Demütigung zu ertragen."

"Lebenslänglich ist auch eine Todesstrafe"

Abu-Jamals Unterstützer ließen ihrerseits keinen Zweifel daran, dass sie weiterkämpfen werden. Johanna Fernandez, Professorin am New Yorker Baruch College, erklärte, es gebe überzeugende, bisher geheim gehaltene Beweise für Abu-Jamals Unschuld. "Wir verlangen seine Freilassung auch aufgrund der Tatsache, dass er barbarisch im Todestrakt festgehalten wurde." Auf einem Treffen am Donnerstag im National Constitution Center von Philadelphia sollen weitere Schritte besprochen werden.

Auch Erzbischof Desmond Tutu forderte die Freilassung von Abu-Jamal. Man werde versuchen, den Prozess neu aufzurollen, hieß es. "Lebenslänglich ist auch eine Todesstrafe", resümiert ein Follower von freemumia.com auf Twitter.

Im August 1995 und im Dezember 1999 war Abu-Jamal bereits zwei angesetzten Exekutionen entgangen. Im Hochsicherheitsgefängnis SCI Greene in Wynesburg, Pennsylvania, hatte der Gefangene mit der Nummer AM8335 jahrelang gegen seine Verurteilung gekämpft. Er schrieb mehrere Bücher, verfasste politische Kommentare und klagte den Staat an, in seinem Verfahren versagt zu haben.

"Die Aussetzung der Todesstrafe ist ein großer Erfolg", sagt Sumit Bhattacharyya von Amnesty International. Er sei in Sorge gewesen, dass die US-Behörden im Fall Abu-Jamal ein Exempel statuieren und unbedingt an einer Hinrichtung festhalten wollten. Mit einer Exekution hätte man allerdings eine mächtige Öffentlichkeit gegen sich aufgebracht. Außerdem sei die Zustimmung zur Todesstrafe in den Vereinigten Staaten stark gesunken. "Wir können nicht sagen, ob er unschuldig ist, aber die Prozessführung kann man getrost als fragwürdig bezeichnen", so der USA-Experte. Auch sei die Beweislage nicht überzeugend gewesen. "Wir fordern einen neuen, fairen Prozess."

Die Zahl der Hinrichtungen sinkt

Tatsächlich soll es im Prozess zu zahlreichen Unregelmäßigkeiten gekommen sein: Eine Hauptbelastungszeugin soll nur aus Angst vor der Polizei gegen Abu-Jamal ausgesagt haben, ein anderer Zeuge relativierte gegenüber einem Privatdetektiv später seine Auslassungen. Die Jury soll parteiisch, der Richter tendenziell rassistisch gewesen sein. Immer wieder zitiert wird die nicht verifizierte Aussage eines Gerichtsbeamten, der gehört haben will, wie der Richter sagte: "Ich werde ihnen dabei helfen, diesen Nigger zu grillen." 1999 behauptete dann gar ein Auftragskiller, das Verbrechen auf Weisung der Mafia begangen zu haben - er wurde dazu allerdings nie als Zeuge gehört.

Hat die Entscheidung der Staatsanwaltschaft im Fall Abu-Jamal weitreichende Konsequenzen für die Rechtssprechung in den USA? "Ich glaube, es bleibt ein Einzelfall", sagt Bhattacharyya von Amnesty International. "Es gibt derzeit Entwicklungen in den USA, die bedeutungsvoller sind, wie zum Beispiel die Abschaffung der Todesstrafe in Oregon per Moratorium."

Am 22. November hat der dortige Gouverneur John Kitzhaber angekündigt, er werde keine weiteren Hinrichtungen während seiner Amtszeit zulassen. Damit bewahrte er den 49-jährigen Gary Haugen vor der Exekution. Derzeit sitzen noch 37 Todeskandidaten in den Gefängnissen des Bundesstaats. Kitzhaber erklärte, er habe in der Vergangenheit große Probleme mit der Autorisierung von zwei Exekutionen gehabt. "Heute könnte ich nichts mehr tun, was ich für moralisch falsch halte. Die Todesstrafe ist weder fair noch gerecht", so der Gouverneur.

In Pennsylvania, wo Abu-Jamal einsitzt, sind Hinrichtungen heftig umstritten und werden nur selten ausgeführt. In den Gefängnissen sitzen 219 Menschen im Todestrakt, das ist die vierthöchste Zahl im ganzen Land. Seit 1976 wurden drei Verurteilte exekutiert. Pennsylvania war der erste Bundesstaat, der 1834 das öffentliche Hängen verbot und Exekutionen nur noch in Gefängnissen vornahm.

Immerhin: Nicht nur die Zustimmung zur Todesstrafe scheint in den USA zu sinken. Es werden auch weniger Menschen hingerichtet. "Die Anzahl der Exekutionen hat sich in den vergangenen zehn Jahren halbiert", sagt Wolfgang Büttner von Human Rights Watch. 16 Bundesstaaten haben die Todesstrafe inzwischen ganz abgeschafft. "Das darf aber nicht davon ablenken, dass andere, wie zum Beispiel Texas oder Georgia wie im Fall Troy Davis, weiter Menschen hinrichten."

Es sei auffällig, dass im Prozess Abu-Jamal die politische Gesinnung des Angeklagten, zum Beispiel seine Mitarbeit bei den Black Panthers, eine übergroße Rolle gespielt habe. "Machen wir uns nichts vor: Es bleibt eine traurige Gewissheit, dass Afroamerikaner in den USA eher Gefahr laufen, zum Tode verurteilt zu werden, als Weiße."

insgesamt 19 Beiträge
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derandersdenkende, 08.12.2011
1. Ist so etwas möglich ?
Zitat von sysopDie Todesstrafe für den Polizistenmörder und*militanten Bürgerrechtler*Mumia Abu-Jamal wurde ausgesetzt, 30*Jahre dauerte der*Prozess-Marathon vor US-Gerichten. Die Unterstützer des Black-Panther-Aktivisten verlangen jetzt einen Freispruch - die Witwe des Opfers findet bittere Worte. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,802513,00.html
Da sitzt in einem demokratischen Land jemand seit 30 Jahren in der Todeszelle, weil er für etwas eingetreten ist, was in einem demokratischen Land eine Selbstverständlichkeit sein sollte : die Beseitigung von Rassismus/Rassentrennung. Er kämpfte also gegen die Apartheid in den USA. Andere bekamen den Friedensnobelpreis für so etwas. Aber es ist das Gesicht Amerikas : Man überfällt andere Länder um Leute an die Macht zu putschen, denen man im eigenen Land am liebsten die Giftspritze verpaßt. Glaubwürdigkeit sieht anders aus!
viceman 08.12.2011
2. ich begreife die hinterbliebenen und die
Zitat von sysopDie Todesstrafe für den Polizistenmörder und*militanten Bürgerrechtler*Mumia Abu-Jamal wurde ausgesetzt, 30*Jahre dauerte der*Prozess-Marathon vor US-Gerichten. Die Unterstützer des Black-Panther-Aktivisten verlangen jetzt einen Freispruch - die Witwe des Opfers findet bittere Worte. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,802513,00.html
witwe des opfers nicht. es besteht die , meiner meinung nach große, chance, daß abu nicht den mord begangen hat. also gibt es ( höchstwahrscheinlich ) einen wahren mörder , der auf freiem fuß ist. statt ( möglichwerweise ) unschuldige leiden zu lassen, sollte man doch den täter weitersuchen. aber anscheinend ist es "denen" egal wer es wirklich war, hauptsache irgendeinem wird das verbrechen angehängt und es gibt eine verurteilung...
muellerthomas 08.12.2011
3. .
Zitat von derandersdenkendeDa sitzt in einem demokratischen Land jemand seit 30 Jahren in der Todeszelle, weil er für etwas eingetreten ist, was in einem demokratischen Land eine Selbstverständlichkeit sein sollte : die Beseitigung von Rassismus/Rassentrennung. Er kämpfte also gegen die Apartheid in den USA. Andere bekamen den Friedensnobelpreis für so etwas. Aber es ist das Gesicht Amerikas : Man überfällt andere Länder um Leute an die Macht zu putschen, denen man im eigenen Land am liebsten die Giftspritze verpaßt. Glaubwürdigkeit sieht anders aus!
Er sitzt wegen unerlaubten Waffenbesitzes und Mord im Gefängnis.
gandhiforever 08.12.2011
4. Ich verstehe die Frustration der Witwe,
denn ihr Mann ist und bleibt tot, egal was mit Mumia geschieht oder nicht. Allerdings gibt es grosse Zweifel daran, dass er den Polizisten auf dem Gewissen hat. Wenn man beruecksichtig, wie oft die hiesige Justiz lieber einen falschen Taeter praesentiert (vor allem, wenn Schwarze sich anbieten) als keinen, dann kann man diesen Entscheid nur begruessen. Leider werden die Rassisten das anders sehen.
wwwwalter 08.12.2011
5. An Mumia Abu Jamal scheiden sich die Geister...
Zitat von sysopDie Todesstrafe für den Polizistenmörder und*militanten Bürgerrechtler*Mumia Abu-Jamal wurde ausgesetzt, 30*Jahre dauerte der*Prozess-Marathon vor US-Gerichten. Die Unterstützer des Black-Panther-Aktivisten verlangen jetzt einen Freispruch - die Witwe des Opfers findet bittere Worte. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,802513,00.html
... die einen stilisieren ihn zum Helden und zum Märtyrer, die anderen meinen, er sei ein kaltblütiger Mörder. Zwar bin ich auch entschieden gegen die Todesstrafe, habe mich mit diesem Mann als Galionsfigur aber nie anfreunden können. Wäge ich alle Indizien ab, spricht fast alles für seine Täterschaft, und nur ganz wenig gegen sie. Es ist immer sehr verdächtig, wenn ein Angeklagter auf den großen Unbekannten verweist, um damit die eigene Täterschaft abzustreiten. Dass er am Tatort war, und dass die Waffe, mit der geschossen wurde, bei ihm gefunden wurde, ist bei allem guten Willen kaum abzustreiten. In jeder Hinsicht unverständlich ist, dass er sich erst 20 Jahre nach seiner Verurteilung selbst zu den Vorwürfen geäußert hat (in Form einer Eidesstattlichen Versicherung mit reichlich wirrem Inhalt). Jeder Journalist, der ihn heute interviewen möchte, muss vorher versichern, dass er ihn nicht zum Tathergang befragen wird. Glaubwürdigkeit sieht für mich anders aus. Ein Teil der weltweiten Linken hat sich leider in der Mumia-Helden-Story verrannt, und kann nach all den Jahrzehnten nicht mehr dahinter zurück. Es gibt aber doch so viele andere Fälle, in denen die Zweifel an der Täterschaft eines Todeskandidaten extrem groß sind, oder sogar quasi feststeht, dass es sich um unschuldig Verurteilte handelt. Der Fall Mumia Abu Jamal gehört meiner Meinung nicht dazu. Seine Kolumnen auf Junge Welt habe ich anfangs noch gelesen, inzwischen kann ich das aber nicht mehr. Da ich nicht imstande bin, ihm zu glauben, bleibt für mich immer ein fader Beigeschmack.
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