Exhibitionismus "Ich mach doch nix"

Als Schamverletzer und Sittenstrolche jagt die Polizei sie, manchmal sogar mit Hubschraubern. Exhibitionisten gelten als gefährliche Triebtäter - eine Selbsthilfegruppe kämpft dagegen für Straffreiheit: "Wir wollen uns doch nur zeigen."

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Dortmund - Ein kahler Raum im Gesundheitsamt Dortmund, Außenstelle Nord. Linoleumboden, Neonlicht, gepolsterte Stühle. An der Wand weise Zeilen auf DIN A 4, laminiert: "Wenn du einem geretteten Trinker begegnest, dann begegnest du einem Helden." Es riecht nach Bohnerwachs, Filterkaffee und lange verglühten Zigaretten. Am Tisch sitzt ein Mann, mittelgroß, drahtig, buschige Brauen, graue Augen. Er trägt eine grüne Stoffhose, ein kariertes Hemd, feste braune Schuhe.

Lehrer?

Sozialarbeiter?

Exhibitionist.

Der Mann, der sich Alfred Esser nennt und nicht viel von seinem "bürgerlichen Leben" preisgeben möchte, entblößt sich seit einem halben Jahrhundert vor Frauen, die seiner "Zielgruppe" entsprechen. In Kaufhäusern, am Hauptbahnhof, in Hotels passt er Passantinnen mit "erotischer Ausstrahlung" ab. Hochhackige Schuhe, Minirock, der Geruch süßen Parfüms - dann lässt der Rentner mit sämtlichen Hemmungen auch die Hosen fallen. Betrachtet ihn dann seine "Angebetete" sogar mit Interesse und ohne Angst, ist das für ihn "das Höchste überhaupt".

Natürlich, das schwant auch Esser, ekeln sich die allermeisten Frauen vor ihm. Fürchten sich, empfinden Abscheu, fühlen sich sexuell belästigt. Doch der 65-Jährige nimmt das in Kauf, wie rund 10.000 jährlich ertappte Selbstentblößer. Sein Trieb ist stärker. Weder sieben Jahre Haft auf Bewährung noch 25.000 Euro Geldstrafe noch eine gescheiterte Ehe haben den Dortmunder davon abhalten können, seine Männlichkeit immer wieder in obskurer Manier zur Schau zu stellen.

Nach einer mehrmonatigen Therapie in einem psychiatrischen Krankenhaus, die ihm seine sexuelle Abnormität zu akzeptieren half, gründete der Familienvater im März 1988 Deutschlands erste und einzige Selbsthilfegruppe für Exhibitionisten.

In dem kargen Zimmer des Dortmunder Gesundheitsamts haben seither nach Essers Angaben 350 Betroffene, die oft nur mit Mühe die Fassade einer bürgerlichen Existenz aufrechterhalten, über ihren seltsamen Drang gesprochen, sich vor vollkommen Fremden nackt zu zeigen. "Offen und ohne Angst vor gesellschaftlicher Ächtung" wollen sie hier reden. "Unser aller Ziel ist es, endlich ein straffreies Leben führen zu können."

Die Mission des Herrn Esser

Dazu gehört für Esser mehr, als sich nicht erwischen zu lassen. Esser sieht sich auf einer Mission. Er will der Öffentlichkeit die Angst nehmen und erreichen, dass die Straftat Exhibitionismus zur Ordnungswidrigkeit herabgestuft wird.

Mit Informationsveranstaltungen, Broschüren und Beratungen möchte er die gängige Überzeugung widerlegen, "Exhis" seien gefährliche Sittenstrolche, die man einsperren muss. Er beklagt sich über martialische Fahndungsaktionen. Nicht selten jage die Polizei die Zeigefreudigen mit Streifenwagen, Hubschraubern und Dutzenden Beamten "wie Terroristen". Dabei, beteuert er, "ist es unsinnig, uns für gefährlich zu halten". Exhibitionisten als potentielle Vergewaltiger zu brandmarken, sei so sinnvoll, "wie einem Ladendieb einen baldigen Bankraub zu unterstellen". Natürlich sei ihr Drang "moralisch verwerflich" und "irgendwie krank", gibt er zu - aber die meisten seien harmlos, "wir machen doch nix, wir wollen uns nur zeigen".

Tatsächlich sehen auch Wissenschaftler das so. "Unsere Studien haben ergeben, dass so gut wie alle Exhibitionisten einen unmittelbaren Körperkontakt mit ihrem Gegenüber vermeiden", sagt Jutta Elz von der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Dass ein Entblößer einen sexuellen Übergriff versucht, ist der Forscherin zufolge absolut unüblich. Auch sie selbst sei "schon häufiger" Exhibitionisten begegnet, und diese Situationen seien "belästigend und anmaßend" gewesen - "aber nicht gefährlich".

Der Gesetzgeber setzt auf Härte

Belästigend und anmaßend: Das sind Exhibitionisten ohne Zweifel für die allermeisten Menschen, vor denen sie sich entblößen. Viele Frauen ergreift schlicht Angst, und Eltern haben Sorge, dass ihren Kindern dergleichen passiert. Der Gesetzgeber setzt auch deshalb auf Härte.

In Paragraf 183 des Strafgesetzbuches (StGB) heißt es: "Ein Mann, der eine andere Person durch eine exhibitionistische Handlung belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft." Entblößungen vor Minderjährigen fallen im Übrigen nicht hierunter, sie werden üblicherweise als sexueller Missbrauch von Kindern nach Paragraf 176 geahndet, und auch der mehrfache Vater Esser lehnt sie strikt ab.

Der Dortmunder hat jedoch wegen der Formulierung von Paragraf 183 das Bundesverfassungsgericht bemüht, weil die Vorschrift die Gleichberechtigung von Mann und Frau verletze. Die 2. Kammer des Zweiten Senats lehnte die Beschwerde ab - "keine hinreichende Aussicht auf Erfolg". Der Gleichberechtigungsartikel des Grundgesetzes lasse sich auf diese Bestimmung des Sexualstrafrechts nicht anwenden.

Entblößer Esser schrieb wegen seiner Forderung, Exhibitionismus von der Straftat zur Ordnungswidrigkeit zu machen, auch an Justizministerin Brigitte Zypries (SPD). Eine Beamtin aus dem Referat II A 2 antwortete: Dem Gesetzgeber sei zwar klar, dass es "problematisch" sei, Exhibitionisten zu bestrafen. Doch leider wisse man sich nicht anders zu behelfen, daher bleibe alles beim Alten.

"Geringe Sozialschädlichkeit"

"Problematisch" - mit diesem Wort spielt die Beamtin auf eine Debatte an, die in Fachkreisen in der Tat schon länger geführt wird. "Ungereimtheiten bei der strafrechtlichen Verfolgung" von Exhibitionisten beklagte zum Beispiel die Bremer Juristin Anja von Hören vor geraumer Zeit in der "Zeitschrift für Rechtspolitik". Unverständlich sei, dass dem Gesetz nach nur Männer die Straftat begehen können. Von Hören sieht eine "geringe Sozialschädlichkeit" des Delikts: Es gebe keine "Opfer" der Exhibitionisten, allenfalls "Adressaten".

Die Debatte dreht sich nicht zuletzt um genau diesen Begriff des Opfers: Wie stark wird man durch Exhibitionisten geschädigt? Das Bundeskriminalamt hat vor Jahren untersuchen lassen, ob man unter der unangenehmen Begegnung mit einem Selbstentblößer dauerhaft leidet. Der Befund: Von 8000 befragten Personen wies keine einzige seelische oder sonstige Spätschäden auf.

Auch Kriminologin Elz findet es an der Zeit, "über die Strafwürdigkeit nachzudenken". Die zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft habe den Grad der Belästigung für Frauen wohl stark reduziert. "Ich glaube jedoch nicht, dass jetzt, da so ausgiebig über Sexualdelikte berichtet wird, ein günstiges kriminalpolitisches Klima für einen solchen Schritt herrscht."

Diskussion über Exhibitionismus

Ob man diese Haltung teilt oder nicht - dass öffentliche Nacktheit in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten enttabuisiert wurde, macht die Diskussion über Exhibitionismus jedenfalls nicht leichter. Hochschüler protestieren heute unbekleidet gegen Studiengebühren, feiernde Teenies lassen sich oben ohne fotografieren, umjubelte Popstars tragen allenfalls noch einen Hauch von Nichts. Wo beginnt Perversion? Exhibitionisten wie Esser verstehen immer weniger, was an ihrem Tun so problematisch sein soll.

Kuppelei, Ehebruch, Homosexualität - all das hat der Staat einst als gefährliche Abweichungen von der Norm verfolgt. Zuletzt debattierte die Öffentlichkeit im Schatten einer Entscheidung des Verfassungsgerichts darüber, ob es noch gute Gründe dafür gibt, das Inzest-Verbot aufrechtzuerhalten. Juristen zweifeln den Sinn des Gesetzes schon länger an, doch die Richter ließen sich am Ende nicht beirren.

Es war ein Fall, den auch Esser verfolgt hat. Der Beschluss des Gerichts "war eine Enttäuschung", sagt er. "Aber die Diskussion macht mir Hoffnung, dass sich auch für uns noch etwas ändern könnte."

Esser ist inzwischen wieder verheiratet. Er sagt, er führe als Familien- und Großvater am Dortmunder Stadtrand ein "glückliches Leben".

Die Frage aller Fragen: Warum?

Und doch, am Ende bleibt die entscheidende Frage, die der Rentner schon so häufig hat beantworten müssen: Warum macht er das, was er macht? Warum lässt er nicht, wenn er doch selbst sagt, sein Verhalten sei "nicht in Ordnung", die Hose einfach zu, um den anderen Leuten Ekel und Angst zu ersparen?

Früher hat er in diesen Augenblicken, zum Beispiel wenn er einem Psychiater gegenübersaß, von seiner gefühlskalten Mutter erzählt, die jeglichen Körperkontakt als verwerflich ansah und ihren Sohn nur berührte, um ihn zu prügeln oder mit der Wurzelbürste zu traktieren.

Esser berichtete dann von seinem ständig schweigenden, immer abwesenden Vater, der vor lauter Arbeit keine Zeit hatte, sich um den Sohn zu kümmern. Er referierte von unbeholfenen Versuchen als Jugendlicher, sich Frauen zu nähern, von den Zurückweisungen und Demütigungen.

"Aber wenn das tatsächlich die Gründe wären, dann gäbe es doch viel mehr Menschen wie mich", sagt Esser. Er zuckt mit den Schultern. "Warum ist man schwul, warum Masochist, warum Fetischist? Darum!"

Esser versteht einfach nicht, warum er nicht verstanden wird.

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