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08. Februar 2012, 22:49 Uhr

Experten-Schätzung

Missbrauchsskandale kosteten Kirche Milliarden

Auf einem Kongress in Rom beschäftigen sich ranghohe Katholiken mit dem Missbrauchsskandal. Dadurch seien der Kirche beispielweise durch Entschädigungen und Prozesse 1,5 Milliarden Euro Kosten entstanden, schätzen Experten. Sie machten zugleich klar: Für eine Seele gibt es keinen Preis.

Rom - Die zahlreichen bekannt gewordenen Fälle von Kindesmissbrauch haben die katholische Kirche nach Schätzungen von US-Experten mehr als zwei Milliarden Dollar (etwa 1,5 Milliarden Euro) gekostet. Bei einer Konferenz in Rom über die Missbrauchsskandale der Kirche schätzten zwei Mitarbeiter eines US-Hilfswerks am Mittwoch diese Summe als "vermutlich vernünftig" ein, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet. In ihre Rechnung bezogen Michael J. Bemi und Patricia Neal demnach die Kosten für Entschädigungen, Untersuchungen, Prozesse und die Behandlung von Opfern ein.

Diese Summe stehe jedoch "in keinem Verhältnis" zum Leid der betroffenen Kinder und Erwachsenen, sagten sie. "Für eine einzelne Seele gibt es keinen Preis." Bemi und Neal wiesen die Konferenzteilnehmer auf zahlreiche psychische Krankheiten hin, unter denen die Opfer leiden, ihre langwierige Behandlung und auf die angerichteten innerfamiliären Schäden.

Papst Benedikt XVI. hatte die viertägige Konferenz in der Päpstlichen Universität Gregoriana am Montag eröffnet. Rund 200 Würdenträger und Kirchenexperten aus aller Welt diskutieren dort hinter verschlossenen Türen über Maßnahmen zur Verhinderung sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in der katholischen Kirche.

Als einen "Meilenstein im Engagement gegen sexuellen Missbrauch" bezeichnete der Beauftragte der deutschen Bischöfe, Stephan Ackermann, den Kongress. Das internationale katholische Treffen zeige, "wie wichtig der Kirche die Beschäftigung mit dem Thema ist". Ackermann nimmt als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn für Fragen im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch an dem Kongress teil.

"Nach meinem Eindruck treten wir in eine neue Phase der Beschäftigung mit dem Thema ein", sagte er im Gespräch mit Radio Vatikan. Es gehe jetzt darum, die auf den Weg gebrachten Verbesserungen etwa zur Vorbeugung von Missbrauch und zur Kooperation zwischen Staat und Kirche wirksam umzusetzen: "Es braucht immer wieder das Controlling, also zu schauen, ob das, was in den Ordnungen steht, in die Wirklichkeit kommt, und das auch bleibend", sagte er.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, verlangte mehr Aufklärung von der katholischen Kirche: "Die Strukturen, die den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch erst möglich gemacht haben, müssen umfassend aufgedeckt und aufgearbeitet werden", sagte Rörig der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Mittwoch.

Der vatikanische Chefermittler für Missbrauchsfälle, Charles Scicluna, sprach am Rande der Konferenz von einer "Kultur des Schweigens", die es seiner Meinung nach im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch in der Kirche gebe. Seinen Angaben zufolge gingen seit 2001 mehr als 4000 Hinweise auf Kindesmissbrauch bei der vatikanischen Glaubenskongregation ein, davon allein tausend seit 2009.

aar/AFP/dpa

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