Experteninterview "Auch ein exzellentes Bildungssystem schützt nicht vor Amokläufen"

Sprengsätze, Chemikalien und eine Pistole: Sechs Jahre lang hat der finnische School-Shooter Matti Juhani S. sein Verbrechen geplant. Wer hätte ihn stoppen können - und wann? Präventionsexperte Scheithauer über laxe Waffengesetze und verunsicherte Lehrer.


SPIEGEL ONLINE: Herr Scheithauer, ein 22-Jähriger schießt in einer Schule um sich, zündet Brandsätze, tötet zehn Menschen und richtet sich dann selbst. Gibt es etwas, was den finnischen Amokläufer Matti Juhani S. von seinen zahlreichen Vorgängern unterscheidet?

Herbert Scheithauer: An dem Wenigen, was wir bisher wissen, scheint eines ungewöhnlich: S. war offenbar kein Eigenbrötler, sondern im Gegensatz zu vielen anderen School-Shootern sozial eingebunden und akzeptiert, ja sogar gemocht.

SPIEGEL ONLINE: Angeblich liebte S. Katzen und Computer, aber keine Kinder. Sind die ewigen Stereotypen des Amokläufers - unauffällig, freundlich, kontaktarm - eine Erfindung der Medien oder gibt es die wirklich?

Scheithauer: Wir entdecken diese Stereotypen in vielen Fällen, aber eben nicht in allen. Was wir häufig bei den Tätern finden, sind eine gewisse Depressivität und früh entwickelte Rachephantasien, das starke Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Kommen Selbsterhöhung und ein gewisser Narzissmuss hinzu, reagieren diese Menschen besonders empfindlich auf Reize aus der Umwelt. Für uns Wissenschaftler ist die Datenlage allerdings denkbar ungünstig: Weil viele Amokläufer sich nach der Tat selbst töten, können wir ihre Perspektive nicht mehr erfragen und sind auf die Aussagen von Freunden, Mitschülern und Verwandten angewiesen. Die ändern ihre Darstellung erfahrungsgemäß mit der Zeit, sind also nicht immer verlässlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie denn die potentielle Gefährlichkeit eines auffällig gewordenen Schülers überhaupt einschätzen?

Scheithauer: Dazu reichen keine einzelnen Befunde, sondern man muss die Verkettung verschiedener Faktoren beobachten und die Dynamik erkennen - was besonders schwierig ist. Wir müssen im Prinzip vorhersagen, wann ein Amokläufer sozusagen losläuft. In dem Moment, wo ich jemanden als verdächtig entdecke und eingreife, durchbreche ich den Kreislauf und verhindere möglicherweise eine Bluttat - ich werde aber nie erfahren, ob er tatsächlich einen Amoklauf begangen hätte. Wir können also nicht zukunftsgerichtet forschen, weil wir dann eine Kontrollgruppe bräuchten, in der man den Amoklauf sozusagen abwartet - und das ist natürlich ethisch überhaupt nicht vertretbar.

SPIEGEL ONLINE: Erhöhen liberale Waffengesetze wie in den USA und Finnland die Wahrscheinlichkeit von Amokläufen?

Scheithauer: In Deutschland glaubte man sich auf Grund der restriktiveren Waffengesetze lange Zeit vor Amokläufen gefeit. Dann kam das School-Shooting von Erfurt und man verstand, dass es auch hierzulande eine Vielzahl von legalen und berufsmäßigen Waffenbesitzern gibt und Waffen auch illegal ohne große Probleme zu beschaffen sind. Ich glaube, dass Gewehre, Pumpguns und Messer in niemandes Hände gehören - schon gar nicht in die von 15-jährigen Kindern wie in Finnland. Dennoch sind strenge Waffengesetze kein Allheilmittel und können Amokläufe letztlich nicht verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Hat das finnische Vorzeige-Bildungssystem sozial-psychologische Defizite, die Amokläufer hervorbringen könnten?

Scheithauer: Machen wir uns nichts vor: Auch in Helsinki gibt es Schulen, die denen in Berliner Problembezirken in nichts nachstehen. Doch auch ein exzellentes Bildungsoutput schützt nicht vor Amokläufen. School-Shootings haben mit dem Schulsystem in der Regel gar nichts zu tun. Sie ereignen sich auch nicht in urbanen Zentren, sondern in Kleinstädten, wo die Schulen ein zentraler Treffpunkt sind. Wenn hier ein Schüler nicht dazugehört, kann das Gefühl des Ausgeschlossenseins besonders groß sein.

SPIEGEL ONLINE: Die YouTube-Betreiber nahmen bereits eine Stunde nach Bekanntwerden des Amoklaufs in Finnland die Videos des Täters von der Seite. Ist das der richtige Weg, um mögliche Nachahmungstäter nicht zusätzlich zu animieren?

Scheithauer: Das ist Augenwischerei. Zum selben Zeitpunkt, als YouTube die Filme herunternahm, haben andere Medien die Videos weiter auf ihren Portalen gezeigt. Die Bilder waren auch mit großer Wahrscheinlichkeit bereits in den Händen derer, die solche Inhalte faszinieren. Die Medien sollten lieber im Vorfeld solcher Taten versuchen, möglichst wenige Bilder in ihre Berichterstattung zu integrieren, denn es ist die martialische Pose, die Selbsterhöhung, die dem Täter gefällt und die ihn befriedigt. Es gibt jede Menge professionelle Betreiber von Internet-Foren, die mit ihren Firmen Geld verdienen - und die sollten mehr in die Pflicht genommen werden. Ansonsten sollte man eher auf die Selbstkontrolle des Netzes setzen - es gibt in den einschlägigen Blogs und Foren durchaus Teilnehmer, die keine Neigung haben, selbst als Shooter aktiv zu werden und die Polizei informieren, wenn sie das Gefühl haben, dass eine Situation zu kippen droht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Präventionsstrategien haben sich denn als erfolgreich erwiesen?

Scheithauer: Wir sind im Rahmen des Berliner "Leaking Projektes" an die Schulen gegangen und haben unter Lehrern Aufklärung betrieben. Sie sind die ersten, denen ein ungewöhnliches Verhalten eines Schülers auffallen sollte. In vielen Fällen wird auf Auffälligkeiten aber nicht reagiert, weil keiner weiß, wie er sich verhalten soll. Es fehlt an Handlungssicherheit. Andererseits brauchen wir keine hyperaktiven Pädagogen, die in die Klassen gehen und sich auf die Suche nach einem Amokläufer machen - das wäre fatal. Man darf nie vergessen, dass Amokläufe ein sehr seltenes Phänomen sind. Es sterben mehr Menschen durch Bienenstiche als durch School Shootings.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit der internationalen Zusammenarbeit unter Forschern aus?

Scheithauer: Es ist sehr schwierig und dauert bisweilen sehr lange, an Fallakten zu kommen. Datenschutz und stark variierende gesetzliche Vorgaben machen das schon innerhalb Deutschland sehr schwer. Absurderweise gibt es gerade von US-Shootings jede Menge Akten, die man online abrufen kann. Wenn man es jedoch über den Behördenweg versucht, wird es nahezu unmöglich.

Das Interview führte Annette Langer



insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
Peter Sonntag 24.09.2008
1. Freiheit - Gleichheit - Disziplinlosigkeit
Zitat von sysopSprengsätze, Chemikalien und eine Pistole: Sechs Jahre lang hat der finnische School-Shooter Matti Juhani S. sein Verbrechen geplant. Wer hätte ihn stoppen können - und wann? Präventionsexperte Scheithauer über laxe Waffengesetze und verunsicherte Lehrer. Mehr Bildung gegen Todesschützen?
Was soll denn bloß die Bildung mit den Verirrungen von Amokläufern zu tun haben ? Viel mehr Einfluss werden wohl die laschen Gesetze und das übertriebene Verständnis für alle möglichen seelischen Abartigkeiten haebn - alles natürlich von der Ideologie der "Gleichheit" und "Gerechtigkeit" erfüllt.
Resident.Rhodan, 24.09.2008
2. Blöde Frage....
Hat der Sysop das Interview überhaupt gelesen??? Wenn ja, wie kommt man zu der reißerischen Fragestellung: "Mehr Bildung gegen Todesschützen?" Die Antwort gibt der Interviewte selber: "Doch auch ein exzellentes Bildungsoutput schützt nicht vor Amokläufen. School-Shootings haben mit dem Schulsystem in der Regel gar nichts zu tun." Das sagt doch alles. Grüße von der Ostsee
Wilhelm2, 24.09.2008
3.
Vielleicht fehlte die Bildung dem Beamten, bei dem die Alarmglocken nicht angingen als er sich mit einem Waffenbe-sitzer und dessen Internetaktivitäten beschäftigt hat,ein unglaublicher Vorgang bei all den auch schon in Finnland und anderen weltweit bekannten gleichartigen Vorfällen.
Rainer Helmbrecht 24.09.2008
4.
Zitat von Wilhelm2Vielleicht fehlte die Bildung dem Beamten, bei dem die Alarmglocken nicht angingen als er sich mit einem Waffenbe-sitzer und dessen Internetaktivitäten beschäftigt hat,ein unglaublicher Vorgang bei all den auch schon in Finnland und anderen weltweit bekannten gleichartigen Vorfällen.
Na ja, ich will den Beamten nicht pauschal entschuldigen. Aber angenommen er hätte den Waffenschein und die Waffe kassiert, hätte der Täter noch weitere Waffen haben können. Außerdem, wenn der junge Mann das Gericht angerufen hätte, dann hätte ein Richter dem die Waffen nebst Schein zurückgegeben, weil er nicht gegen Gesetze verstoßen hat. Der Beamte hätte einen Rüffel bekommen, wegen Übertretung seiner Befugnisse. Nicht nur in Finnland geht Täterschutz vor Opferschutz, so lange nichts passiert ist, zu Gunsten des Verdächtigen. MfG. Rainer
Peter-Freimann 24.09.2008
5.
Zitat von Peter SonntagWas soll denn bloß die Bildung mit den Verirrungen von Amokläufern zu tun haben ? Viel mehr Einfluss werden wohl die laschen Gesetze und das übertriebene Verständnis für alle möglichen seelischen Abartigkeiten haebn - alles natürlich von der Ideologie der "Gleichheit" und "Gerechtigkeit" erfüllt.
Wundere mich auch über die wahrhaft groteske Fragestellung. Finnland ist bezüglich des Bildungssystems ja schon weit fortgeschritten auf dem Marsch in den Sozialismus, mit weiterem Schwund der Bedeutung der Familie. Eltern sind nunmehr freigestellt für die Arbeitswelt und anschließend die Spaßgesellschaft. Ganztagsbeschulung ist keineswegs grundsätzlich verkehrt, in einzelnen Fällen geht der Schuss der Auflösung der unersetzlichen Familien aber eben gewaltig nach hinten los.
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