Explosion bei Sparpaket-Protest Sprengsatz-Attacke in Berlin schockiert Polizei

"Das ist eine neue Qualität": Bei einer Demonstration gegen das Sparpaket haben Krawallmacher in Berlin einen verbotenen, aufgerüsteten Böller auf Polizisten geworfen. Auf einem Video ist die enorme Wucht der Explosion zu sehen - zwei Beamte erlitten schwere Brand- und Fleischverletzungen.

Berlin - Torstraße, Berlin-Mitte, Samstagnachmittag: Demonstranten schwenken Fahnen und skandieren Parolen. Die Wut richtet sich gegen das schwarz-gelbe Sparpaket, bis zu 20.000 Menschen haben sich nach Polizeiangaben dem Protestzug angeschlossen.

Polizisten in voller Montur - mit Schlagstöcken, Helmen, Sichtschutz, Handschuhen - bilden eine Kette. Dann kommt es plötzlich zur Explosion. Es kracht laut, Rauch steigt in der Straßenmitte auf, Demonstranten reißen die Arme hoch, applaudieren. Es ertönt ein zweiter Knall, die Polizeikette bricht auf. Dann knallt es ein drittes Mal, die Menschen rennen auseinander. Ein Demonstrant brüllt in sein Megaphon, fordert die Polizei auf, die Veranstaltung nicht abzubrechen.

Ein Zuschauer hat den Vorfall gefilmt - das Video ist bei YouTube zu sehen , und die dort dokumentierte Wucht der Explosion macht klar: Es war kein einfacher Böller, der bei dieser Demonstration hochgegangen ist.

Bei der Explosion wurden fünf Polizisten verletzt. Drei konnten ambulant behandelt werden, zwei mussten in einem Krankenhaus notoperiert werden, sie erlitten schwere Brand- und Fleischverletzungen. "Sie werden vorerst in der Klinik bleiben", sagte ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE.

Experten des Landeskriminalamts sperrten den Tatort zur Spurensicherung großräumig ab. Kriminaltechniker untersuchen nun den Sprengsatz. "Wir vermuten, dass sogenannte Polenböller manipuliert oder aufgerüstet wurden", sagt der Sprecher. Dabei handelt es sich um Feuerwerkböller, die über Polen illegal nach Deutschland eingeführt werden. Der Polizei zufolge sind sie in Deutschland nicht zugelassen, weil sie weit unter den üblichen Feuerwerkbestimmungen liegen. "Mit denen kann man locker eine Telefonzelle zerlegen. Sie entsprechen nicht im Ansatz den Sicherheitsvorkehrungen, sondern können bei der leichtesten Berührung in die Luft gehen." Sie könnten nach Polizeiabgaben möglicherweise mit Nägeln oder Glasscherben gefüllt worden sein.

"In Sachen Straßengewalt haben wir damit eine neue Qualität erreicht"

Die Berliner Polizei musste sich in der Vergangenheit schon gegen sogenannte Nebeltöpfe aus alten NVA-Beständen zur Wehr setzen, und bei den Mai-Krawallen im vergangenen Jahr schleuderten in Kreuzberg Unbekannte eine Brandflasche in Richtung Polizisten. Brennende Flüssigkeit tropfte damals auf den Rücken einer Passantin, die 28-Jährige erlitt Verbrennungen zweiten und dritten Grades. Eine solche Explosion mit Sprengsätzen wie am Samstag allerdings habe es bei Demonstrationen in Berlin noch nicht gegeben, sagte der Polizeisprecher. "In Sachen Straßengewalt haben wir damit eine neue Qualität erreicht."

Berlins Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) verurteilte die Attacke. Dies sei "ein krimineller Akt, der mit dem Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit nichts mehr zu tun hat".

Sieben Demonstranten wurden nach dem Vorfall festgenommen, wegen mangelnden Tatverdachts kamen sie jedoch am Samstag wieder auf freien Fuß. "Wir ermitteln selbstverständlich mit Hochdruck, doch im Augenblick haben wir niemanden im Visier", sagte der Polizeisprecher.

Tatverdächtige aus dem Demonstrationszug zu ermitteln, sei schwierig. Die Einsatzkräfte seien wie immer mit Flaschen und Steinen beworfen worden. Mehrfach sei es zu Rangeleien zwischen Polizei und Demonstranten gekommen. Bei der Abschlusskundgebung seien mehrere Feuerwerkböller gezündet worden.

Die Veranstalter sprachen von Provokationen und "willkürlichen Verhaftungen" seitens der Polizei, die den Protestmarsch mit einem massiven Aufgebot begleitet hatte.

"Gerecht geht anders"

Zehntausende Bürger waren am Samstag gegen das schwarz-gelbe Sparpaket auf die Straße gegangen. Sie forderten die Rücknahme der Kürzungen im Sozialbereich sowie eine stärkere Belastung von Banken und Vermögenden. Allein in Berlin nahmen bis zu 20.000 Menschen teil. Zu den Demonstrationen unter dem Leitspruch "Wir zahlen nicht für Eure Krise" hatte ein Bündnis aus Gewerkschaften, Opposition und Sozialvereinen aufgerufen.

Ein weiterer Protestzug in Stuttgart stand unter dem Motto "Gerecht geht anders". Insgesamt beteiligten sich nach Polizeiangaben rund 10.000 Menschen an der Demonstration, die Veranstalter sprachen von doppelt so vielen Teilnehmern. Auch diese zunächst friedliche Versammlung wurde später von Tumulten durch Autonome überschattet. Zudem wurde der SPD-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag, Claus Schmiedel, während seiner Rede mit Eiern beworfen. Die Polizei stürmte auf die Bühne, um den Politiker zu schützen.

Ver.di-Chef Frank Bsirske kündigte in Stuttgart weitere Proteste an. "Wir werden den Widerstand gegen die unsoziale und konjunkturschädliche Rotstiftpolitik von Schwarz-Gelb, gegen die Entsolidarisierung der Sozialsysteme und gegen die einseitige Lobbypolitik in die Fläche tragen", sagte er.

Nach einer Umfrage für die ARD halten 79 Prozent der Bevölkerung das Sparpaket für nicht sozial ausgewogen. 93 Prozent rechnen gar mit weiteren Belastungen und glauben nicht, dass die Maßnahmen ausreichen, um das Sparziel der Bundesregierung zu erreichen.

mit Material von dpa
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