"Facebook-Mord" in Arnheim Ein Urteil, keine Antwort

Ein 14-Jähriger ermordet eine 15-Jährige, weil sie Gerüchte bei Facebook verbreitet haben soll. Ein Gericht in den Niederlanden hat den Täter nun zur Höchststrafe verurteilt - doch die entscheidende Frage konnte es nicht klären: Wie konnte aus einem Internet-Geschwätz ein Mord werden?
Abgesperrter Tatort in Arnheim: Höchststrafe für den jugendlichen Mörder

Abgesperrter Tatort in Arnheim: Höchststrafe für den jugendlichen Mörder

Foto: Roland Heitink/ dpa

Die Arme eng am Körper, die Gesichtszüge angespannt: Jinhua trägt ein lila Hemd, eine ärmellose Weste. Er schlurft auf den Stuhl zu, wie ein Schuljunge, der zum Rektor bestellt wird. Doch es geht an diesem Nachmittag nicht um einen Jungenstreich, es geht um Mord und versuchten Totschlag. Es wird das Urteil gesprochen in einem Fall, der europaweit als "Facebook-Mord" bekannt wurde.

Jinhua, damals 14, besuchte im Januar die 15-jährige Winsie Hau zu Hause, noch im Hausflur erstach er sie. Winsies Vater Chun Nam Hau stürzte aus dem Wohnzimmer, als Jinhua auf seine Tochter einstach, und wurde selbst verletzt.

Winsie, die von Schulfreunden Joyce genannt wurde, soll auf Facebook Gerüchte über ihre beste Freundin Polly W. verbreitet haben. Polly beschloss laut Anklage gemeinsam mit ihrem damaligen Freund Wesley C., dass Winsie sterben müsse. Demnach beauftragten sie Jinhua mit dem Mord, nach Angaben der Staatsanwaltschaft stellten sie ihm erst 20, später 50 Euro in Aussicht. Jinhua führte aus.

"Es hätte Möglichkeiten gegeben, aus dem Plan auszusteigen"

Der Fall spielt in Arnheim in den Niederlanden. Er sorgte weit über Holland hinaus für Aufsehen. Cyber-Mobbing ist schon länger ein Thema, Experten warnen, Beleidigungen vor allem unter Jugendlichen würden immer häufiger und heftiger. Doch einen Auftragsmord wie diesen hätte wohl kaum ein Experte für möglich gehalten. Dass aus einem dahin geschriebenen Satz tödlicher Ernst werden kann.

Am Montag wurde in Arnheim das erste Urteil gesprochen: Jinhua muss ein Jahr in Jugendhaft und danach drei Jahre in die Psychiatrie, davon eines auf Bewährung. Die Höchststrafe. Die Urteile gegen Polly und Wesley sollen Ende Oktober gesprochen werden.

Das Gericht befand Jinhua des Mordes an Winsie und des versuchten Totschlags an deren Vater für schuldig. Jinhua hatte gestanden. "Zwei sehr ernste Taten", sagte die Vorsitzende Richterin, Wendy Vierveijzer, mit ruhiger, aber bestimmter Stimme.

Zwei Wochen dauerte der Prozess. Doch auch das Gericht konnte die großen Fragen nicht klären: Warum ein 14 Jahre alter Junge eine 15-Jährige ersticht. Warum aus einem Geschwätz im Internet ein Mord werden konnte. "Wir haben keine Antworten darauf finden können", sagt Jennifer Nicholson vom Arnheimer Gericht nach der Verkündung des Urteils. Eine solche Tat sei mehr als außergewöhnlich.

Ein paar Anhaltspunkte für mögliche Antworten stehen in einem Gutachten: Es habe bereits in der Grundschule Probleme gegeben. Von "psychopathischen Zügen" und einer "ernsthaften Verhaltensstörung" ist die Rede. Jinhua könne sich schlecht in andere hineinversetzen. Im Prozess hieß es, er sei unter Druck gesetzt worden, auch eine Belohnung soll ihm versprochen worden sein. "Trotzdem hätte es Möglichkeiten gegeben, aus dem Plan auszusteigen", fand die Richterin. "Das hast du nicht getan." Deshalb die Höchststrafe.

Facebook wirkte wie ein Brandbeschleuniger

"Ich habe meine Tochter verloren und er bekommt ein Jahr Jugendhaft", sagt Chun Nam Hau, Winsies Vater. "Der Unterschied dazwischen ist doch ziemlich groß." Die Strafe sei nicht angemessen. Seine Tränen unterdrückt er, seine Sätze sind kurz. Er könne nicht viel sagen.

Vater Hau steht vor einer Traube aus Journalisten. Aus Holland sind die großen Zeitungen und Sender vertreten, deutsche Fernsehteams sind angereist, sogar das russische Fernsehen berichtet. Medien nennen die Tat den "Facebook-Mord" - weil das soziale Netzwerk wie ein Brandbeschleuniger wirkte. Facebook spiele durchaus eine Rolle in dem Fall, sagt Gerichtssprecherin Nicholson. "Allerdings war es nicht das einzige Kommunikationsmittel in dem Streit der Mädchen."

Zurück bleibt die Familie. 21.524 Euro und elf Cent an Schmerzensgeld bekommt sie, so hat es das Gericht errechnet.

Chun Nam Hau findet, es müsse in Zukunft die Möglichkeit geben, in solch schweren Fällen auch härtere Strafen für Jugendliche zu verhängen. Außerdem wünscht sich Hau eine Debatte darüber, wie Jugendliche im Internet miteinander umgehen. "Wir müssen aufpassen, dass so etwas nicht noch einmal passiert."

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