Fotostrecke

Justizvollzugsanstalt Leipzig: Tod in Zelle 1.44

Foto: Thomas Lobenwein

Leipziger Gefängnisdirektor zum Fall Albakr "Einen Rückschluss auf Fehler weise ich zurück"

Der mutmaßliche Terrorist Jaber Albakr erhängte sich in seiner Leipziger Zelle - und löste damit einen Justizskandal aus. Im Exklusiv-Interview mit SPIEGEL TV reagiert Gefängnisdirektor Rolf Jacob auf Kritik.

Die beiden Siegel der Polizei kleben noch an der Tür der Zelle 1.44 der Leipziger Justizvollzuganstalt (JVA). Die eine Plombe soll das Aufsperren verhindern, die andere das Öffnen der Klappe, durch die man in den Haftraum schauen kann. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sind noch nicht abgeschlossen.

In der Zelle hat sich der Gefangene Jaber Albakr am Mittwochabend das Leben genommen. Deutschlands wichtigstem Gefangenen gelang es, sich selbst zu töten. Mit einem T-Shirt statt mit einer Sprengstoffweste.

SPIEGEL TV durfte am Samstag exklusiv in der Haftanstalt ein Interview mit JVA-Chef Rolf Jacob führen. In dem Moment, der die sächsische Justiz in die Krise stürzte, war er im Urlaub. Nach Jacobs Einschätzung haben seine Mitarbeiter keine Pflichtverletzung begangen, sie hätten" lege artis" gehandelt, wie er immer wieder betont. Das heißt, nach den Regeln der Kunst. Sie hätten alles richtig gemacht.

Am Montagnachmittag wurde Albakr vom Spezial-Einsatz-Kommando (SEK) der Polizei in der Haftanstalt abgeliefert. Dort trug er noch einen weißen Overall, wie man ihn aus Fernsehkrimis kennt. Den hatte er von der Spurensicherung bekommen.

Nach einer ersten Untersuchung bekam er neue Anstaltskleidung. Von der Unterhose bis zu dem T-Shirt, mit dem er sich später das Leben nehmen würde.

Von Berufs wegen selbstmordgefährdet

"Es war klar, dass man von einer hohen Gefährdungslage ausgehen musste, deswegen hat er von uns die sogenannte 'F'-Fremdgefährdungskennzeichnung bekommen", sagt Jacob. Das heißt, Albakr wurde als jemand eingeschätzt, der Gewalt ausüben kann, gegen Mitgefangene oder das Personal.

Die Bediensteten der JVA steckten ihn in die Zelle am Ende des Ganges, ganz hinten links. Nur hier gibt es nach wenigen Zentimetern ein Zwischengitter. Zum Schutz vor dem Gefangenen.

Die Anstaltsleitung und die Psychologin des Hauses schätzten die Suizidgefahr als nicht akut ein. Erstaunlich bei jemandem, der quasi von Berufs wegen selbstmordgefährdet ist. Auch dass der Haftrichter ihn für einen Selbstmordkandidaten hält und Albakr selbst die Nahrungsaufnahme verweigert, bringt die Mitarbeiter zu keiner anderen Bewertung. So wurde sein Raum nur halbstündlich kontrolliert.

Eine Videoüberwachung rund um die Uhr ist bei sächsischen Untersuchungshäftlingen nicht erlaubt. "Darf ich in seine Persönlichkeitsrechte eingreifen?", fragt Rolf Jacob. Und gibt sich auch gleich die Antwort. "Der Schutz des Lebens hat oberste Priorität, aber ich kann auch nicht willkürlich über längere Zeiträume, ohne dass ich einen konkreten Anhaltspunkt habe, jemanden fesseln oder über einen längeren Zeitraum mit einer Sitzwache belegen."

Doch der Gefangene wird auffällig. Er reißt die Lampe von der Decke, samt Dübeln. Offenbar ist er von der Toilette oder dem Bett aus an die Lampe gekommen. Als er selbst den Schaden meldet, deutet er an, sie sei von alleine heruntergefallen. Auch da sehen die Vollzugsbediensteten noch keine Anzeichen für eine versuchte Selbsttötung. "Die Kollegen haben das zu diesem Zeitpunkt für Vandalismus gehalten", sagt Jacob. "Vermutlich wollte er testen, wie weit er gehen kann." Eine Situation, wie sie die Mitarbeiter der Anstalt häufig erleben.

Vorwurf der Fehleinschätzung

Im Haftraum wird der Strom abgestellt. Am nächsten Morgen stellen die Beamten fest, dass Albakr auch an der Steckdose manipuliert hat, es steckte Toilettenpapier darin. Ob er versucht hat, über einen Funkenschlag ein Feuer zu entfachen oder sich mit feuchtem Papier einen Stromschlag zu versetzen, kann nicht mehr geklärt werden.

Am Mittwochabend um 19:45 Uhr, nur 15 Minuten nach dem letzten Kontrollgang, findet eine Justizanwärterin Jaber Albakr erhängt mit seinem T-Shirt an einer Querstrebe des Zwischengitters. Er wurde sofort abgeschnitten und reanimiert. Der Notarzt war schnell vor Ort. Anfangs bestand sogar Hoffnung, ihn am Leben zu erhalten.

Auf die Frage, wie er mit dem Vorwurf der Fehleinschätzung umgeht, erklärt Rolf Jacob fast schon trotzig. "Ich bin gerne bereit, das noch mal zu überprüfen. Aber Fehler? Es gab ein tragisches Ereignis. Man muss aus diesem Ereignis lernen, wie man es zukünftig besser machen kann. Einen Rückschluss auf Fehler, den weise ich zurück."

Hier sehen Sie eine Videochronik zum Fall Albakr: "Handfester Justizskandal"

SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.