Prozess um toten Dreijährigen "Alessio war auf seinen Papa fixiert"

Der Landwirt Norbert T. soll seinen Stiefsohn Alessio getötet und zuvor jahrelang misshandelt haben. Vor Gericht beschreiben Freunde und Verwandte die enge Beziehung der beiden. Wie passt das zusammen?

Angeklagter T. im Landgericht Freiburg (Dienstag): Schläge eingeräumt
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Angeklagter T. im Landgericht Freiburg (Dienstag): Schläge eingeräumt

Von , Freiburg


Es war ihr erster Tag als Dorfhelferin in der Familie T., auf dem Zipfelhof im Schwarzwald, einem Gehöft mit 140 Tieren. Manuela T. sollte nicht im Stall anpacken, sondern sich um Haushalt, Erziehung und Betreuung von Alessio kümmern. Sie kannte die Familie gut, es war die ihres Cousins Nobert T., der mit seiner Lebensgefährtin und deren Sohn aus einer alten Beziehung auf dem Bauernhof lebte. Es war Juni 2013, die Lebensgefährtin schwanger und in der Frauenklinik.

"Alessio hatte sich das Beinle im Gitterbett eingeklemmt", erinnert sich Manuela T. vor Gericht. Ihr Cousin trug ihr auf, mit dem Kind zum Arzt zu gehen. Als der den Jungen in der Praxis auszog, erschrak sie. Alessios Körper war mit Hämatomen übersät. Der Arzt überwies ihn wegen Verdachts auf schwere Kindesmisshandlung in die Kinderklinik der Universität Freiburg.

Eineinhalb Jahre später starb Alessio in der Obhut seines Stiefvaters Norbert T. Der 33-Jährige muss sich seit Dienstag wegen Totschlags, schwerer Misshandlung sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen vor dem Landgericht Freiburg verantworten.

Kein einziges Mal schaut Manuela T. am zweiten Verhandlungstag nach rechts zur Anklagebank, auf der ihr Cousin sitzt. Seit dem 16. Januar hat sie keinen Kontakt mehr zu ihm. An diesem Tag hatte Norbert T. sie angerufen, Alessio sei von der Treppe gestürzt, er klang verzweifelt, war mit dem Jungen beim Kinderarzt. Sie fuhr direkt zur Praxis, traf dort den aufgelösten Stiefvater, stand ihm bei. Doch für Alessio kam jede Hilfe zu spät, er erlag schwersten inneren Verletzungen. Zum Prozessauftakt gestand Norbert T., dem Jungen mit der Faust in den Bauch geschlagen zu haben.

Überall Hämatome

Manuela T. weint, als sie beschreibt, wie Norbert T. neben dem toten Kind gesessen hat. "Es tut mir leid, dass ich immer so streng war. Wach auf!", habe er gerufen und geweint. Ein Polizist habe ihn schließlich abgeführt. "Ich saß eine Ewigkeit bei dem Kleinen und strich ihm übers Köpfle", sagt Manuela T.

Es ist das Ende einer Katastrophe, die vorhersehbar war, die in der erweiterten Familie niemand zu verhindern versuchte, weil die, die der Tragödie am nächsten waren, wegsahen oder nicht hinsehen wollten.

Wie er sich die blauen Flecken vorstellen müsse, die Manuela T. im Juni 2013 zum ersten Mal gesehen habe, fragt Klaus Foerster, Professor für forensische Psychiatrie und Sachverständiger im Prozess. "Wo waren die? An den Beinen, Armen, Schultern, Bauch?"

"Überall", sagt Manuela T. So etwas habe sie "noch nie gesehen". Ihr Cousin habe zugegeben, er habe Alessio mal eine Ohrfeige gegeben, aber betont: "Das andere war ich nicht."

Manuela T. beendete nach drei Tagen ihren Einsatz in der Familie, hielt sich vom Hof fern. Mehr tat sie nicht. Die anderen Mitglieder der Großfamilie sprachen darüber, aber auch sie schritten nicht ein. Nach Ansicht von Staatsanwalt Klaus Hoffmann prügelte Norbert T. weiter auf Alessio ein. Ein Jahr später informierten Ärzte das Jugendamt und erstatteten Strafanzeige, doch die Staatsanwaltschaft stellte im Oktober 2014 die Ermittlungen gegen den Stiefvater ein, ihm war kein Fehlverhalten nachzuweisen.

Ein "Küssle" im Stall

Als Alessios Mutter kurz vor Weihnachten 2014 wegen ihrer psychischen Probleme in eine geschlossene Anstalt kam, sprang Manuela T. erneut als Dorfhelferin ein - so werden Helfer genannt, die in Haushalten eingesetzt werden, wenn jemand über längere Zeit krankheitsbedingt ausfällt.

Das Thema Kindesmisshandlung sprach sie damals nicht an. "Ich habe Alessio jeden Morgen komplett nackt gesehen, wenn ich ihn anzog. Da waren keine blauen Flecken", sagt die 31-Jährige. "Sie waren sensibilisiert und haben darauf geachtet?", fragt Richterin Eva Kleine-Cosack. "Ja", antwortet Manuela T. und beschreibt eine bislang unbekannte Seite des Angeklagten. Norbert T. habe einen "sehr rauen, aber gleichzeitig auch fürsorglichen Ton" gegenüber Alessio angeschlagen. Nachmittags habe er die Zeit mit beiden Kindern verbracht, die leibliche Tochter habe auf seiner Brust gelegen, Alessio daneben. Sie habe ihn "nur verbal aufbrausend" erlebt, nie gewalttätig.

Morgens habe man - am Tattag sowie in den Wochen davor - gemeinsam gefrühstückt, sie habe dann die Kinder fertig gemacht und sei mit ihnen in den Stall, damit sie sich "vom Papa verabschieden und ihm noch ein Küssle geben". Dass Alessio von Anfang an "Papa" zu seinem Stiefvater sagen sollte, sei beiden wichtig gewesen - Norbert T. und Alessios Mutter.

Hatte der Junge Angst vor dem Stiefvater?

Die Beziehung der beiden war der Nährboden für die vorhersehbare Tragödie. Mit Norbert T. und Alessios Mutter hatten sich zwei Menschen gefunden, die sich gegenseitig das Leben erschwerten. "Es wäre besser gewesen, wenn ich sie nie getroffen hätte", soll Norbert T. seinen Freunden anvertraut haben, sagt einer von ihnen vor Gericht. Der Hof, die finanzielle Belastung, zwei Kinder und die schwere psychische Erkrankung ihrer Mutter - zu viel für einen wie Norbert T., der selbst psychisch angeschlagen war, umschrieb es der Kumpel.

Aber er und seine Lebensgefährtin betonten auch, wie innig die Beziehung zwischen Norbert T. und seinem Stiefsohn gewesen sei. Alessio sei vor allem in den letzten Wochen vor seinem Tod auf den "Papa" fixiert gewesen, berichtet auch Manuela T., die Dorfhelferin und Cousine. Der Junge habe oft nach ihm gefragt, vorm Schlafengehen habe nur er ihm die Windeln anziehen dürfen. Wenn der Stiefvater auf den Hof zum Arbeiten gegangen sei, habe Alessio ihm nachgeweint. Der Junge habe sich gefreut, dass er während der Abwesenheit der Mutter bei Norbert T. im Bett habe schlafen dürfen.

Hatte er Angst vor seinem Stiefvater? Das hatte die Mutter Freunden und ihrem Fahrlehrer erzählt, die ebenfalls als Zeugen aussagten. "Wenn Norbert ihm sagte, er soll seinen Becher austrinken, dann hat Alessio das gemacht", sagt Manuela T. "Es ist schwierig zu sagen, ob er Respekt hatte oder Angst."



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