Fall Amstetten Ermittler suchen nach möglichen Komplizen von Josef Fritzl

Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, Freiheitsberaubung, Tötung durch Unterlassung: Wegen vier Delikten ermittelt die Polizei gegen Josef Fritzl. Zudem suchen die Ermittler nach möglichen Komplizen. Die Tür zu dem Verlies, in dem der 73-Jährige seine Opfer gefangen hielt, gibt Rätsel auf.


Amstetten - Die 19-jährige Kerstin, Stefan, 18, Lisa, 15, Monika, 14, Alexander, 12 und Felix, 6 Jahre alt: Ein Gentest hat am Dienstag den Beweis erbracht, dass Josef Fritzl tatsächlich der Vater der Kinder ist, die seine Tochter Elisabeth gebar.

Dem 73-Jährigen droht nun nach Angaben der Staatsanwaltschaft in St. Pölten lebenslange Haft - wenn ihm Tötung durch Unterlassung nachgewiesen werden kann, wie Staatsanwalt Gerhard Sedlacek sagte. Dieser Tatvorwurf bezieht sich darauf, dass eines der von seiner Tochter zur Welt gebrachten Zwillingskinder kurz nach der Geburt starb.

Zudem prüft die Polizei nun, ob der 73-Jährige Komplizen hatte. Die Ermittler interessieren sich der Nachrichtenagentur AFP zufolge insbesondere für die elektronisch gesteuerte Tür aus Stahlbeton, die den Zugang zu dem Kellerverlies ermöglichte, in dem Josef Fritzl seine Opfer gefangen hielt. "Wir haben ein Gutachten zu dieser imposanten Tür und ihrem Schließmechanismus angefordert", sagte der Leiter des Landeskriminalamtes von Niederösterreich, Franz Polzer. Die Polizei versuche herauszufinden, ob ein einzelner Mann diese überhaupt allein habe einbauen können - und wenn ja, wie.

Das rund 60 Quadratmeter große Verlies unter seinem Haus hatte Josef Fritzl den Angaben zufolge Ende der siebziger Jahre formell als Schutzraum gegen Atombombenanschläge gebaut. Es sollte ursprünglich aus nur einem Raum bestehen. Weitere Räume seien jedoch nach der Geburt der Kinder hinzugefügt worden, sagte Polzer.

"In unseren Unterlagen ist aber nicht explizit von einem Schutzraum die Rede", sagte Hermann Gruber, Sprecher des Amstettener Bürgermeisters, der österreichischen Zeitung "Die Presse". Allerdings sei die Errichtung von Atombunkern zur Zeit des Kalten Krieges keine Besonderheit gewesen.

Der Bezirksvorsteher von Amstetten, Hans-Heinz Lenze, wies Vorwürfe zurück, die Behörden hätten von der Existenz des Keller-Verlieses schon vor Jahren erfahren müssen. Sowohl beim Verschwinden von Elisabeth vor 24 Jahren als auch beim Auftauchen der drei Kinder, die anschließend in der Wohnung von Josef Fritzl aufwuchsen, seien alle verfügbaren Informationen eingeholt worden. Es habe keinen Verdacht gegeben und auch keine Möglichkeit, den Keller zu durchsuchen. Im Strafregister der Eheleute habe es keine Einträge gegeben.

Medien hatten zuvor berichtet, gegen den Mann sei in den sechziger Jahren bereits wegen einer Vergewaltigung ermittelt worden. Ein solcher Fall wäre wegen der langen Zwischenzeit allerdings längst aus den Akten getilgt worden und für die Behörden somit nicht mehr festzustellen gewesen.

Geburtstag in Freiheit

Nach Auskunft der Polizei gibt es keine Hinweise, dass die Ehefrau von Josef Fritzl an der Straftat beteiligt gewesen sein könnte. Auch sei weder den Geschwistern noch den Nachbarn etwas aufgefallen, sagte LKA-Mann Polzer.

Die Frauenzeitschrift "Brigitte" berichtete, zwei frühere Mieter in dem Haus hätten beobachtet, dass Elisabeths nebenan wohnender Bruder als "Hausmeister" einen Kellerschlüssel gehabt habe. Außerdem sei auffällig gewesen, dass Josef Fritzl immer allein große Mengen an Lebensmitteln eingekauft habe.

Die sechs Kinder, die Josef Fritzl mit seiner Tochter zeugte, werden von einem Ärzteteam rund um die Uhr betreut. Es ist nicht absehbar, wie und ob es ihnen möglich sein wird, das Trauma von Missbrauch und Gefangenschaft, das auf der Familie Fritzl lastet, zu verarbeiten.

Die 19-jährige Kerstin, deren Erkrankung das unfassbare Verbrechen des Josef Fritzl schließlich ans Licht brachte, liegt noch immer auf der Intensivstation des Amstettner Krankenhauses. Es gehe ihr etwas besser, ihr Zustand sei aber nach wie vor kritisch, sagte der Chefarzt der Intensivabteilung, Albert Reiter, auf einer Pressekonferenz.

Die anderen Opfer sind gemeinsam in einem Klinikum bei Amstetten untergebracht, wo sich Psychiater, Psychotherapeuten, Neurologen, Physiotherapeuten um sie kümmern. Felix, das jüngste der Kinder, feierte dort seinen sechsten Geburtstag - mit einer Torte, auf die er sich "sehr freue", sagte der ärztliche Direktor des Landesklinikums Mostviertel Amstetten-Mauer, Berthold Kleppinger. Der Schutz der Privatsphäre der Patienten habe für das Betreuerteam "oberste Priorität", betonte Kleppinger.

Details zum täglichen Leben der Gefangenen im Verlies wollte die Polizei nicht preisgeben - es sei das Recht "dieser bedauerlichen Menschen", dass diese Einzelheiten "privat" blieben, sagte LKA-Leiter Polzer.

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