Plädoyers im Chantal-Prozess "Kein bedauerlicher Unfall, sondern eine schwere Straftat"

Chantal wurde elf Jahre alt, sie starb an der Ersatzdroge Methadon. Wie groß ist die Schuld der suchtkranken Pflegeeltern? In einem schonungslosen Plädoyer forderte der Staatsanwalt harte Strafen.
Angeklagte Pflegemutter (Dezember 2014): Ausbildung im "erzieherischen Bereich"

Angeklagte Pflegemutter (Dezember 2014): Ausbildung im "erzieherischen Bereich"

Foto: Bodo Marks/ dpa

Es ist Chantals dritter Todestag - und der zehnte Verhandlungstag im Prozess gegen ihre Pflegeeltern. Vor exakt drei Jahren starb die damals Elfjährige in der Wohnung des Paares in Hamburg-Wilhelmsburg einen langsamen Tod. Stundenlang lag sie allein in einem Hochbett, niemand sah nach ihr.

Versehentlich hatte sie eine sogenannte Methaddict-Tablette geschluckt. Ihre Pflegeeltern Wolfgang A. und Sylvia L. wurden damals mit Methadon substituiert, einem vollsynthetisch hergestellten Opioid, eine Art Ersatz-Heroin. Das Paar sitzt in Saal 390 des Landgerichts Hamburg und hält den Blick gesenkt.

Wolfgang A. rechnet mit einer Haftstrafe. Er hat seinen Job bei einer Zeitarbeitsfirma gekündigt. "Ich nehme eine Auszeit", hat er seinem Vorgesetzten gesagt. Er traute sich nicht zu sagen, dass er wegen fahrlässiger Tötung und Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht vor Gericht muss. Und schon gar nicht, was ihn am Ende des Prozesses erwartet.

Geht es nach Staatsanwalt Florian Kirstein, wird es eine lange Auszeit für Wolfgang A. Der 54-Jährige hatte Chantal, die sich am Abend des 15. Januar 2012 erbrochen hatte, sich selbst überlassen, war am nächsten Morgen um 11.30 Uhr zur Arbeit gegangen - ohne sich zu kümmern, ohne einen Arzt oder seine Lebensgefährtin, die Pflegemutter des Mädchens, zu verständigen. Die hatte den ganzen vorherigen Tag sowie die Nacht außer Haus verbracht.

Sie fand das Mädchen mit blauen Lippen und niedriger Körpertemperatur im Bett. Chantal starb kurz darauf an den Folgen einer Methadonvergiftung.

Staatsanwalt Kirstein forderte für Wolfgang A. eine Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten sowie für Sylvia L. eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten. Er sprach von einem Tod, "der nie hätte passieren dürfen" - und nie passiert wäre, wenn die Pflegeeltern, aber auch das Jugendamt ihre Pflichten und Aufgaben erfüllt hätten. Nie hätte Chantal in die Obhut des drogenabhängigen Paares gegeben werden dürfen, das trotz Substitution nebenbei Drogen konsumierte, wie im Prozess nachgewiesen wurde.

Das Methaddict, das Chantal schluckte, "stammt von den Angeklagten, da gibt es keine Zweifel", so Kirstein. Seiner Ansicht nach hat das Paar mindestens eine Tablette in der Küche ungesichert herumliegen lassen. Chantal habe sie nach einem kurzen Telefonat mit der Pflegemutter aus Versehen eingenommen.

Die Version, das Methadon sei grundsätzlich in einer Garage gelagert worden, um die Kinder zu schützen, kaufte der Staatsanwalt dem Paar nicht ab. Vielmehr ist er davon überzeugt, dass Sylvia L. und Wolfgang A. die Ersatzdroge nach Chantals Tod und vor der Hausdurchsuchung verschwinden ließen. Acht Tage lang hatten sie Zeit dazu.

"Es war kein bedauerlicher Unfall, sondern eine schwere Straftat", sagte Kirstein am Freitag und wunderte sich, dass den Angeklagten mit ihrer Vita überhaupt gestattet worden war, die Ersatzdroge eigenverantwortlich außerhalb einer Arztpraxis einzunehmen. "In so einem Haushalt kann man kein Home-Use machen."

Kirstein sparte auch nicht mit Kritik an Entscheidungen der Kammer unter dem Vorsitz von Rüdiger Göbel, die es abgelehnt hatte, Chantals leiblichen Vater zu hören. Auf ihn hatten die Angeklagten direkt nach Chantals Tod, aber auch noch während des Verfahrens immer wieder den Verdacht gelenkt.

Dass Chantals Vater nicht geladen worden war, bezeichnete Staatsanwalt Kirstein in seinem Plädoyer als "traurigen Beigeschmack". So habe Chantal einmal mehr keine Stimme gehabt. "Hatte Chantal überhaupt die Gelegenheit gehört zu werden?", fragte Kirstein.

Sein Plädoyer war schonungslos. Strafmildernd wertete Kirstein, dass das Paar ein Kind verloren habe, auch wenn dessen Trauer Zeugenaussagen zufolge "atypisch" gewesen sei. "Aber ich nehme Ihnen ab, dass Sie das bedauern - auch wenn Ihr Bedauern wirtschaftlicher Natur ist."

Sylvia L. und Wolfgang A. hatten mit der Übernahme ihrer Pflegschaft im Jahr 2008 für das damals achtjährige Mädchen im Monat 744,50 Euro Pflegegeld kassiert. Macht inklusive Erstausstattungspauschale und Renovierungsbeihilfe insgesamt etwa 33.000 Euro, wie der Staatsanwalt in seinem Plädoyer vorrechnete - und keinen Hehl daraus machte, dass das Geld nicht in Chantal investiert worden war. "Sie hatte nicht einmal ein eigenes Bett!" Das Bett, in dem Chantal gefunden wurde, teilte sie sich mit einem anderen Pflegekind.

Als strafverschärfend beurteilte der Staatsanwalt den Sterbeprozess des Mädchens, der 18 Stunden gedauert habe, und die Vorstrafen von Wolfgang A. Wie mit der dem Paar vorgeworfenen Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht umzugehen ist, überließ der Staatsanwalt dem Gericht.

Letzteres nahmen die Verteidiger des Paares erleichtert zur Kenntnis. Sie betonten unisono, dass der Haushalt der Familie zwar nicht "picobello-perfekt", aber auch nicht zu beanstanden gewesen sei. Beide forderten Freispruch für ihre Mandanten.

Udo Jacob, Verteidiger von Wolfgang A., bekräftigte zudem, dass sein Mandant sich anders verhalten hätte, wenn er Chantals lebensbedrohlichen Zustand erkannt hätte. Aber: "Hätte er das erkennen müssen?", fragte Jacob. Oder sei es nicht vielmehr normal, dass man ein schlafendes Kind schlafen lasse, damit es gesund werde? "Sollte Wolfgang A. verurteilt werden, dann auf Bewährung", bat Jacob. "Wenn er jetzt ins Gefängnis kommt, dann verbaut er sich seine letzte Chance."

Auch Sylvia L.s Verteidiger, Thomas Lipinski, bemerkte nachdrücklich: "Sylvia L. hat ihre Pflichten als Pflegemutter nicht verletzt." Da sie in Chantals letzten Stunden außer Haus gewesen sei, habe sie schon mal keine Methaddict-Tablette herumliegen lassen können. "Jedwede Verurteilung würde ihre Zukunft belasten", mahnte auch Lipinski. Sylvia L. arbeite zurzeit an ihrer Ausbildung im "erzieherischen Bereich".