Fall Dennis J. "Keine Rechtsgrundlage" für tödliche Polizeischüsse

Achtmal schoss ein Berliner Polizist in der Silvesternacht auf einen unbewaffneten 26-Jährigen. Dennis J. wurde tödlich getroffen. Jetzt gab die Staatsanwaltschaft ihr vorläufiges Ermittlungsergebnis bekannt: Danach waren die Schüsse durch nichts gerechtfertigt.


Neuruppin - "Gutachten haben bestätigt, dass der erste, tödliche Schuss aus kurzer Distanz abgegeben wurde", sagte die Neuruppiner Oberstaatsanwältin Lolita Lodenkämper der Nachrichtenagentur dpa.

Ermittlungen in Schönfließ (Archivbild): Gutachten belasten den Polizisten
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Ermittlungen in Schönfließ (Archivbild): Gutachten belasten den Polizisten

Die Gutachten schildern den Ablauf so: Während Dennis J. am Steuer seines Wagens in einer Parkbucht auf seine Freundin wartete, feuerte der Berliner Polizist "ohne Rechtsgrundlage" aus nächster Distanz, wie Lodenkämper sagte. Der Schuss war tödlich, der 26-Jährige aber nicht sofort handlungsunfähig. Er versuchte noch, mit dem Wagen zu flüchten, der Berliner Beamte schoss weiter. In einer Pressekonferenz nach dem Vorfall hieß es: "Bis das Magazin leer war."

"In der Gesamtbewertung sind die Gutachten belastend", sagte die Oberstaatsanwältin. Nach dem tödlichen Treffer soll der Polizist noch siebenmal auf den 26-Jährigen gefeuert haben. "Sechs der Schüsse zielten nicht auf den Körper", sagte Lodenkämper, die einen Bericht der "Märkischen Allgemeinen" bestätigte. Zu der achten Kugel wollte sie sich nicht äußern. Wie wahrscheinlich nun eine Anklage gegen den zur Tatzeit 34-Jährigen ist, wollte Lodenkämper aber nicht sagen. Sie rechne nicht vor September mit dem Abschluss der Ermittlungen.

Im Visier der Staatsanwaltschaft stehen auch zwei Kollegen des Mannes. "Die Ermittlungen gegen sie zum Verdacht der versuchten Strafvereitelung dauern ebenfalls noch an", sagte Lodenkämper. Beide wollen am Tatort nichts gehört oder gesehen haben.

Die Berliner Beamten hatten am Silvesterabend einen Tipp bekommen, dass sich der gesuchte Dennis J. in Schönfließ aufhält. Der mit Haftbefehl gesuchte Intensivtäter war den Fahndern schon zweimal entwischt. Einmal besprühte er einen Beamten mit Pfefferspray, ein anderes Mal raste er in einer wilden Verfolgungsjagd quer durch Berlin und wurde schließlich gestoppt. Deswegen wurde er laut Staatsanwaltschaft zu 13 Monaten Gefängnis verurteilt, die Haftstrafe trat er aber nicht an.

Die Hintergründe des Geschehens am Silvesterabend sind bis heute unklar. In Medienberichten war von Rache als möglichem Motiv die Rede - der Polizist sei sauer gewesen, dass ihm der Straftäter schon zweimal entwischt war, hieß es in Medien. Die Staatsanwaltschaft gibt dazu keinen Kommentar ab. Der Polizist selbst schweigt bisher zu den Vorwürfen.

Am Samstagabend erinnerten nach Polizeiangaben rund 170 Menschen im Berliner Stadtteil Neukölln, der Heimat von Dennis J., mit einer Trauer- und Gedenkfeier an das Opfer. Bereits kurz nach den Ereignissen von Schönfließ hatten dort rund 200 Menschen bei einem Trauermarsch gegen den tödlichen Polizeieinsatz protestiert.

sac/dpa

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