Fall Dominik Brunner "Die Asozialen, um die sich keiner kümmern will"

Es war eine Gewaltorgie, die schockierte: Jugendliche prügelten am helllichten Tag den Manager Dominik Brunner zu Tode. Nun beginnt gegen sie der Prozess. Einer von ihnen lebte im Münchner easyContact House, einer Einrichtung mit eigenwilligen Regeln. Hätte die brutale Attacke verhindert werden können?

SPIEGEL ONLINE

Von , München


Frederik Kronthaler hat schon viele Todesnachrichten verkraften müssen. In den 21 Jahren, in denen der Sozialpädagoge und Psychotherapeut mit schwer integrierbaren Jugendlichen arbeitet, waren es meist Klienten, die starben. Jugendliche, für die sich die Sozialarbeiter aufgerieben, die sie von den Drogen weggezerrt und denen sie einen Weg in ein neues Leben geebnet hatten. Nach wenigen Gehversuchen auf eigenen Beinen waren manche doch gescheitert und gestorben.

Nach solch einer Hiobsbotschaft war bei denen, die diese Suchtkranken betreuten, die Trauer immer groß. Was war der Grund? Warum hat er nicht durchgehalten?

Kronthaler arbeitet seit 1991 bei der Münchner Drogeninitiative Condrobs, er ist zuständig für die Jugendabteilung. Als er am Abend des 12. September 2009 erfährt, dass ein Klient von ihm am Münchner S-Bahnhof Solln einen Menschen zu Tode geprügelt haben soll, lässt ihn das fassungslos zurück. "Das ist entsetzlich, furchtbar. So etwas darf nicht passieren", sagt der 44-Jährige. "Unser Alltag ist eher, dass ein Klient von uns stirbt, und dann auf einmal so etwas!"

Die Gewaltorgie, die Dominik Brunner das Leben kostete, schockierte Deutschland - und auch Condrobs. Trotzdem sind die Sozialarbeiter überzeugt: Wir arbeiten mit den schwierigsten Jugendlichen der Gesellschaft. "Zu dieser Arbeit gibt es keine Alternative."

Dem Münchner Suchthilfeverein wurden "Kuschelpädagogik" und zu lasche Regeln unterstellt, begleitet vom Vorwurf, härtere Maßnahmen für die jugendlichen Täter hätten Brunners Tod verhindert. Nach jedem Exzess jugendlicher Gewalt kommt die Debatte auf, wie mit den jungen Tätern umzugehen ist.

Die Gewaltkriminalität ist in den vergangenen zwei Jahren leicht gesunken, die Brutalität und Hemmungslosigkeit jedoch gestiegen. Immer häufiger gehen Heranwachsende grundlos auf wehrlose Menschen los.

Jugendliche, die sich "ein Leben ohne Drogen nicht vorstellen können"

Im Fokus der Kritik steht seit Brunners Tod: das easyContact House von Condrobs, eine Wohngemeinschaft für acht suchtkranke Jugendliche, betreut von speziell ausgebildeten Therapeuten und Sozialpädagogen. Hier wohnte einer der zwei Jugendlichen, die die Ermittler für den Tod Dominik Brunners verantwortlich machen.

Die sozialtherapeutisch betreute Wohngemeinschaft richtet sich an Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren, die sich "ein Leben ohne Drogen in ihrer momentanen Situation nicht vorstellen können", heißt es im Flyer. "In der Suchthilfe gibt es nicht den Königsweg - wir brauchen Angebote, die sich auch um diese Jugendlichen kümmern", sagt Kronthaler. Um die nämlich mit den dicksten Akten, den größten Komplexen, den schwersten Traumata. Wer es hier nicht packt, für den gibt es meist nur drei Alternativen: Knast, Psychiatrie, Tod.

Das ockerfarbene Haus liegt in einer ruhigen Straße in Obersendling, nahe dem Münchner Tierpark. Versteckt hinter einer wild wuchernden Hecke, im Vorgarten ein großer Baum, eingequetscht zwischen zwei sechsstöckigen Wohnblocks. Klingel- und Namensschild neben dem verrosteten Gartentörchen sind abgerissen.

Hier wohnte der 17-jährige Sebastian L., der sich mit seinem Kumpel Markus S. ab 13. Juli vor dem Münchner Landgericht wegen Mordes an Dominik Brunner verantworten muss. Und auch der 17-jährige Christoph T. lebte in diesem dreistöckigen Haus. Er wurde bereits verurteilt, weil er im Vorfeld der Gewaltorgie mit Sebastian und Markus gesoffen und die vier Schüler, die Brunner in der Bahn schützen wollte, bedroht hatte.

Die Vita der drei Jugendlichen ähnelt sich, wie sich alle Lebensläufe derer ähneln, die im easyContact House landen. Es sind junge Menschen, die niemanden an sich heranlassen. Die jeden Tag ums Überleben kämpfen und deren realistischste Zukunftsperspektive das Gefängnis ist.

"Die konsumieren in der Regel alles"

"Für die Gesellschaft sind es die Asozialen, um die sich keiner kümmert", sagt Kronthaler. "Sie haben viele Enttäuschungen hinter sich, Gewalt und Missbrauch erfahren." Die Folgen - schwere Traumata und Verlustängste - betäuben sie mit Drogen. Sie rauchen Marihuana, nehmen Kokain, Heroin, Ecstasy und andere chemische Substanzen, trinken Schnaps, Bier, Wein. "Die Jugendlichen, die wir betreuen, konsumieren in der Regel alles", konstatiert Kronthaler ernst.

So auch Sebastian. Mit zwölf Jahren schnupft er Heroin. Danach schluckt er LSD und Ecstasy-Pillen, kokst und kifft jahrelang, irgendwann schmeißt er die Schule. Seine Mutter ist psychisch krank und mit der Erziehung ihres Sohnes überfordert, der Vater stirbt früh. Im November 2008 nimmt ihn das Jugendamt in Obhut, später übernimmt die Behörde die Vormundschaft. Der Junge taumelt von einer Jugendeinrichtung zur anderen: vom Jugendwerk Birkeneck in die Jugendpension am Nockherberg und schließlich im Mai 2009 ins easyContact House.

Dort lernt er Christoph T. kennen, einen Jungen aus gutem Haus. Der auch säuft und kifft und wegen Körperverletzung und Diebstahl zu Sozialstunden verurteilt wurde. Seine Eltern wissen sich nicht anders zu helfen, im easyContact House soll er endlich von den Drogen loskommen.

Kronthaler beschreibt die Jugendlichen in den Einrichtungen auch als Grenzgänger. "Jugendliche in unseren Einrichtungen haben oft das Gefühl, nicht gewollt zu sein", sagt der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Daher sei es wichtig, dass Teenager wie Sebastian Vertrauen zu den betreuenden Pädagogen aufbauen. "Nur wem sie vertrauen, öffnen sie sich und nur dann kann man ihre Vita ändern."

Um ein drogenfreies Leben zu schaffen, herrschen im easyContact House feste Regeln: kein Drogenkonsum, keine Gewalt, Teilnahme an Therapiesitzungen. Die Jugendlichen sind anfangs in Doppelzimmern untergebracht, später bekommen sie ein eigenes. Sie dürfen ihre Umgebung selbst gestalten, streichen und einrichten, wie sie wollen. Fachleute kümmern sich um die Sorgen und Nöte der Bewohner, helfen bei den Hausaufgaben, bei der Jobsuche, bei der Kontaktpflege mit der Familie.



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