Georgine-Mordprozess in Berlin Deckname "Kara"

Drei verdeckte Ermittler sollen Ali K. überführt haben. Im Mordfall Georgine sagte nun der erste von ihnen aus - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Verfahren erlaubt dennoch einen Einblick in eine geheime Welt.

Angeklagter K. vor Gericht (Archiv): Mehrere verdeckte Ermittler wurden auf ihn angesetzt
Paul Zinken/ DPA

Angeklagter K. vor Gericht (Archiv): Mehrere verdeckte Ermittler wurden auf ihn angesetzt

Von Uta Eisenhardt


Was verdeckte Ermittler tun, wird selten bekannt. Wie sie in ihre fiktiven Rollen schlüpfen, wo sie eingesetzt werden, wie sie in abgeschottete Zirkel eintauchen - all das erfährt die Öffentlichkeit in der Regel nicht. Umso größer ist das Interesse, wenn doch einmal etwas ans Licht kommt. So wie im Fall Ali K.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 44-Jährigen vor, 2006 die 14-jährige Georgine getötet zu haben. Dass es für eine Anklage reichte, ist vor allem der Arbeit verdeckter Ermittler zu verdanken. Sie kamen ins Spiel, als sich der Verdacht gegen den Gelegenheitsarbeiter immer mehr verdichtet hatte, ohne dass ein einziger Beweis für seine Täterschaft gefunden wurde.

An diesem Mittwoch sagte der erste verdeckte Ermittler vor Gericht aus. "Kara" war sein Pseudonym. Ihm soll Ali K. erzählt haben, dass er das Mädchen in seinem Keller vergewaltigt, getötet, in einen Teppich eingerollt und schließlich in einer Mülltonne entsorgt habe. Beim Prozessauftakt Anfang August schwieg der Angeklagte zu dem Vorwurf.

Per Videokonferenz wurde die Aussage des verdeckten Ermittlers ins Berliner Landgericht übertragen. Die Bilder wurden mit einer so geringen Auflösung gezeigt, dass der Beamte nicht zu erkennen gewesen sein soll. Die Öffentlichkeit war während der Aussage ausgeschlossen - das hatte das Bundesinnenministerium vom Gericht verlangt, sonst würde man den Beamten die Aussagegenehmigung entziehen.

Plötzlich tauchte "Hakan" auf

Die Sicherheit der verdeckten Ermittler, die aktuell mit anderen konspirativen Einsätzen betraut sind, erfordere höchstmögliche Vorsicht. Es bestehe die Gefahr, dass die Beamten allein an ihrer Statur, ihren Bewegungen, ihrem Sprachrhythmus oder Dialekt von Angehörigen der organisierten Kriminalität erkannt werden.

So wird die Öffentlichkeit nicht in allen Einzelheiten erfahren, wie die Ermittler im Verlauf von fast zwei Jahren sukzessive zu Ali K. und dessen Familie vorgedrungen waren. Allerdings sagte ein Beamter des Berliner Landeskriminalamts (LKA), der gemeinsam mit einem Kollegen den Einsatz koordiniert hatte, bereits am Montag dazu aus. Der Einsatz folgte demnach keinem komplett ausgearbeiteten Drehbuch. Das Vorgehen sei mit den drei verdeckten Ermittlern besprochen und flexibel gehandhabt worden.

Zunächst wurde im Juni 2017 der verdeckte Ermittler "Hakan" im Wohngebiet des Verdächtigen angesiedelt. Im Laufe der Monate besuchte "Hakan" die Läden der türkischen Gemeinschaft, insbesondere das "Café 61", in dem sich Ali K. regelmäßig aufhielt. Er lernte zunächst Bekannte von K. kennen, bis er im September 2017 schließlich mit ihm selbst sprach. Später stellte er ihm auch seinen Cousin "Kara" vor.

"Jeder Mensch hat Freunde und Verwandte", argumentierte der Koordinator vor Gericht. "Da erschien es uns ratsam, den Cousin vorzustellen." Während "Hakan" als fleißiger, arbeitsamer Unternehmer mit einem alten VW Golf präsentiert wurde, durfte "Kara" mit teuren Sportwagen vorfahren und den Eindruck von Reichtum erwecken. Mit "Hakans "deutscher Freundin "Susann" war das Trio dann komplett. "Wir haben 'Hakan' eine Frau zur Seite gestellt, damit er sich mit der Familie von Ali K. anfreundet, um das Verhältnis enger werden zu lassen", sagte der LKA-Mann.

Im November 2017 trug die Arbeit erste Früchte: Ali K. gab "Hakan" seine Telefonnummer. Im Frühjahr 2018 bezeichnete er ihn als seinen Freund.

Gemeinsam schauen sie "Aktenzeichen XY ungelöst"

Nun galt es, das Gespräch auf Georgine K. zu bringen. Erstmals sei dies am 17. April 2018 gelungen. Anlass war der Anruf eines Unbekannten bei der Mordkommission: Er hatte behauptet, er kenne den Ablageort der Leiche. Auf der Suche nach dem Anrufer wurden im Wohngebiet von Georgine K. Flyer verteilt. Darüber sprach "Hakan" auch mit Ali K. und dessen Frau. Weil Hakan den Eindruck gewann, dass Frau K. von der Tat wusste, luden er und "Susann" schließlich das Ehepaar K. zu einer Autofahrt von Berlin nach Potsdam ein. Deutlich sichtbar lag der Flyer der Mordkommission im Auto, das überdies verwanzt war. Doch außer der Beobachtung, dass Ali K. sich mühte, unauffällig in den Besitz des Flyers zu gelangen, war dieser Anlauf ein Flop. Seine Frau schien nichts über das Schicksal des Mädchens zu wissen.

Als nächstes kam "Kara" ins Spiel. Er erzählte, dass er sich von seiner deutschen Freundin trennen wolle, doch diese wisse etwas über ihn, das ihn für längere Zeit ins Gefängnis bringen könnte. Am 27. Juli 2018 habe Ali K. angeboten, die Freundin zu töten. Er soll auch Ideen für die Umsetzung präsentiert haben - so schilderte es der Einsatzkoordinator vor Gericht.

Am 10. August 2018 sendete "Aktenzeichen XY ungelöst" einen Beitrag über das Verschwinden Georgines. Die verdeckten Ermittler luden Familie K. zum Abendessen ein und schauten sich mit ihnen den Beitrag an. Später gingen die Männer gemeinsam aus.

Wieder habe Ali K. mit "Kara" über den Auftragsmord gesprochen. Laut Polizei ging der vermeintliche Sportwagenbesitzer darauf ein: 100.000 Euro wollte er zahlen, wenn seine Freundin stirbt und zusätzlich 50.000 Euro, wenn ihre Leiche im Verlauf eines Jahres nicht gefunden wird - wie im Fall Georgine K. Er solle bedenken, sagte der Ermittler demnach noch zu Ali K., es löse Gefühle aus, wenn man einen Menschen töte. Dafür müsse man bereit sein. Bezugnehmend darauf soll Ali K. Wochen später gesagt haben: Er habe schon mal gemordet, in seinem Keller.

Dem Einsatzkoordinator zufolge flog Ali K. kurz darauf nach Frankfurt am Main - dort habe er bei "Kara" renovieren wollen. Die Gespräche in der Wohnung wurden aufgenommen. Und Ali K. soll erzählt haben, dass er es gewesen sei, der Georgine getötet hat.

Wie an einem früheren Prozesstag bereits bekannt wurde, soll Ali K. zudem in Berlin nach einer geeigneten Wohnung gesucht haben, wo er - so vermuten es die Ermittler - die angebliche Freundin von "Kara" habe töten wollen. Am 4. Dezember 2018 wollte er eine Kaution für eine Hinterhofwohnung in Kreuzberg bezahlen. An diesem Tag wurde er verhaftet.

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