Fall Gülsüm S. Gedemütigt, gewürgt, totgeprügelt

Sie war in der Schule beliebt, hatte viele Freunde, wollte selbstbestimmt leben - das missfiel der Familie: Die 20-jährige Gülsüm S. wurde von ihrem Bruder ermordet, als der herausfand, dass die Deutsch-Kurdin keine Jungfrau mehr war. Protokoll eines Verbrechens.

Von


Hamburg - Einen Monat nach der Ermordung der 20-jährigen Gülsüm S. steht fest, was die Ermittler schon unmittelbar nach der Tat befürchteten: Die Deutsch-Kurdin wurde von Mitgliedern ihrer Familie getötet, weil ihnen der westliche Lebensstil der jungen Frau missfiel.

Ermordete Gülsüm S.: Gewürgt, erschlagen
DDP/Polizei

Ermordete Gülsüm S.: Gewürgt, erschlagen

Die Polizei in Krefeld teilte mit, dass gegen Gülsüms Drillingsbruder und ihren Vater Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Mordes aus niederen Beweggründen ergangen sei. Der 20-Jährige hat gestanden, seine Schwester am 2. März in einem Waldstück in der Nähe von Rees bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und schließlich erschlagen zu haben. Der 48-jährige Vater bestreitet bislang eine Beteiligung an der Ermordung seiner Tochter.

Die aus der Türkei stammende Familie lebt nach Informationen der Ermittler seit rund 13 Jahren in Deutschland - in der fremden Gesellschaft angekommen ist sie offenbar nie. Der Vater heiratete nach dem Tod seiner ersten Ehefrau ein weiteres Mal, Gülsüm stammt aus der ersten Ehe. Gülsüm S. hatte zahlreiche Voll- und Halbgeschwister, die in ganz Deutschland verstreut leben. Wieviele Mitglieder die Familie genau umfasst, dazu machte die Polizei am heutigen Donnerstag keine Angabe.

Gülsüm will ihr Leben leben - nicht das ihrer Eltern

Das Leben der 20-Jährigen war schon in den vergangenen Jahren von Repressalien und Gewalt gekennzeichnet: Sie wurde immer wieder geschlagen, wenn sie sich den konservativen Vorstellungen des Vaters widersetzte. Die "körperlichen Züchtigungen", wie die Verletzungen im Beamtendeutsch heißen, mussten sogar ambulant im Krankenhaus behandelt werden. Doch Gülsüm selbst erinnerte die Ärzte an ihre Schweigepflicht und verhinderte so, dass die Mediziner Anzeige erstatteten. Auch gegenüber der Polizei mauerte die junge Frau: Sie wollte nicht, dass ihre Angehörigen für die Gewalt zur Rechenschaft gezogen würden - es war wohl eine Mischung aus Scham und Angst vor weiteren Gewaltausbrüchen, die sie schweigen ließ.

Ihre Geschichte wird immer tragischer: Als die Demütigungen unerträglich werden, verlässt Gülsüm im vergangenen Jahr die elterliche Wohnung in Rees. Die Eltern verheiraten die junge Frau in die Türkei - eine Ehe, die zwar rechtlich, nicht aber faktisch besteht. Mit Hilfe von Freunden und Lehrern ihrer Schule wird sie an einem geheimen Ort in Sicherheit gebracht.

Doch der Bruch mit der Familie währt nicht lange. Gülsüm sucht wieder den Kontakt, telefoniert mit ihren Eltern und Geschwistern, Ende 2008 zieht sie wieder zurück in die Kleinstadt, teilt sich eine Wohnung mit ihrer Drillingsschwester.

Die Eltern versuchen erneut, die junge Frau zu verheiraten, mit einem Verwandten aus Hannover. Doch Gülsüm wehrt sich. Sie will nach ihren Vorstellungen leben, nicht nach denen ihrer Eltern. Doch deren Zwänge herrschen sogar in Gülsüms eigenen vier Wänden. Sie und ihre Schwester dürfen nach Einbruch der Dunkelheit ihre Wohnung nicht mehr verlassen.

Gülsüm ist in der Schule beliebt, hat viele Freunde, will selbstbestimmt leben. Die Eltern versuchen, die Tochter dafür mit archaischer Gewalt zu züchtigen.

Gülsüm wird schwanger - und lässt das Kind abtreiben

Gülsüm hatte auch einen Freund, zu seiner Staatsangehörigkeit wollen die Ermittler zum gegenwärtigen Zeitpunkt nichts sagen, er sei jedoch weder Deutscher noch Türke. Die Beziehung wird von Gülsüms Familie nicht akzeptiert.

Anfang des Jahres wird die 20-Jährige von ihrem Freund schwanger. Sie lässt das Kind abtreiben, den Abbruch hält sie vor ihrer Familie geheim. Am 2. März, einem Montag, erfährt Gülsüms Drillingsbruder davon - und beschließt, seine Schwester umzubringen.

Zwei Tage später findet ein Landwirt die mit Zweigen und Laub bedeckte Leiche der jungen Frau auf einem Waldweg, etwa einen Kilometer vom Stadtrand von Rees entfernt.

Für die Polizei gestaltet sich die Suche nach dem Täter zunächst schwierig: "Es gab keine individualisierbaren Spuren", sagt Wolfgang Lindner von der Polizei Krefeld SPIEGEL ONLINE. Der Täter trug Handschuhe - DNA-Spuren suchen die Ermittler am Tatort vergeblich. Dafür finden sie ein anderes Indiz, "wie in einem schlechten alten 'Tatort'", sagt Lindner: einen mit Blut verschmierten Knopf.

Über die Befragungen im Umfeld Gülsüms stoßen die Ermittler recht früh auf den Drillingsbruder der Toten. Der will zum Tatzeitpunkt mit einem Freund, einem 32 Jahre alten Russen, in einer Spielhalle in Rees gewesen sein. Doch sein Alibi stimmt nicht.

Die Polizei überprüft den 32-Jährigen - und findet eine Jacke mit seltenen Knöpfen von derselben Art, wie ihn die Beamten auch am Tatort gefunden haben. Der Mann wird am 26. März von der Polizei festgenommen, gegen ihn ergeht Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Mordes. Er soll in die Pläne von Gülsüms Drillingsbruders eingeweiht gewesen sein und diesem geholfen haben.

Die Polizei rekonstruiert das Geschehen vom 2. März wie folgt: Kurz vor 20 Uhr ruft der Vater Gülsüms Drillingsschwester in der gemeinsamen Wohnung an und bittet sie, kurz vor Ladenschluss eine Glühbirne zu kaufen - und dass, obwohl es um diese Uhrzeit draußen längst dunkel ist. Die junge Frau macht sich mit ihrem Rad auf den Weg und gerät in eine Polizeikontrolle, weil sie ohne Licht fährt - die Beamten können ihre spätere Aussage so verifizieren.

Nachdem sie die Schwester aus dem Haus gelockt haben, geht der Bruder zu Gülsüm in die Wohnung. Er bittet sie, mit ihm zu kommen - angeblich, um ein Auto abzuholen. Nachdem die Frau in den BMW des Bruders gestiegen ist, fahren sie gemeinsam zum Asylbewerberheim, holen den 32-jährigen Freund und Komplizen ab. Der Bruder hatte den Russen gebeten, Handschuhe und eine Wäscheleine für den Mord zu besorgen.

Dann fahren die drei gemeinsam in Richtung des kleinen Waldstücks. Die Männer erzählen Gülsüm, jemand habe ihr Rad, das ihr vor einiger Zeit abhanden gekommen war, dort gesehen. Die 20-Jährige ahnt nicht, was die beiden Männer tatsächlich vorhaben.

Der Bruder tötet Gülsüm - weil sie "keine Jungfrau" mehr war

Nachdem sie angekommen sind, übergibt der Freund Wäscheleine und Handschuhe an Gülsüms Bruder. Während sie mit einer Taschenlampe nach ihrem Rad sucht, tritt ihr Drillingsbruder von hinten an sie heran, würgt sie mit der Schnur bis zur Bewusstlosigkeit. Dann schlägt er wie von Sinnen mit Ästen und Knüppeln auf das Gesicht seiner Schwester ein, bis sie tot ist. Das Gesicht der Frau ist nach der Tat völlig entstellt.

Der 20-Jährige nimmt seiner Schwester das Portemonnaie aus der Tasche - die Tat soll wirken wie ein Raub - und bedeckt ihre Leiche mit Laub. Die Kleidung und das Auto säubern die beiden Männer von den Spuren der Tat.

Am gestrigen Mittwoch werden Vater und Sohn von Beamten der Mordkommission festgenommen. Der Sohn hat die Tat zunächst bestritten, im Laufe der mehrstündigen Vernehmung aber gestanden.

Auch zu seinem Motiv hat er sich geäußert: Er habe seine Schwester nicht wegen der Abtreibung, sondern wegen der verlorenen Jungfräulichkeit und ihrer Ehrlosigkeit umgebracht. "Das hat er so gesagt", so Polizeisprecher Lindner.

Den Ermittlern habe ein Ethnologe erklärt, das zertrümmerte Gesicht Gülsüms sei ein Indiz dafür, dass der Bruder versucht habe, durch den Mord die Schande aufzuheben, die seine Schwester durch ihr Verhalten angeblich über die Familie gebracht habe. Indem er Gülsüms Gesicht zerstörte, so der Experte, habe der Täter versucht, das Gesicht der Familie zu wahren.

Ob die Theorie stimmt, kann derzeit niemand sagen. Fest steht: Der Bruder drosch immer noch auf seine Schwester ein, als diese schon tot war.

Der Vater bestreitet jede Beteiligung an der Tat. "Aber wir haben Indizien", sagt Lindner.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.