Prozess in Regensburg Mollaths schwere Stunden

Für Gustl Mollath war es ein harter Tag: Die Staatsanwaltschaft erklärte in ihrem Plädoyer, warum sie ihn der Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung für schuldig hält. Erst bei den Worten der Verteidigung wirkte er entspannter.
Gustl Mollath: Möglichst einen optimal begründeten Freispruch

Gustl Mollath: Möglichst einen optimal begründeten Freispruch

Foto: Armin Weigel/ dpa

Wolfhard Meindl hält im Saal 104 des Regensburger Landgerichts einen Moment lang inne. Man könne gehen, wenn es zu langweilig sei, sagt der Oberstaatsanwalt in Richtung des Publikums. Da spricht er schon fast seit drei Stunden. Gerhard Strate, einer der beiden Verteidiger von Gustl Mollath, nutzt die Gelegenheit für einen kleinen Scherz: "Das kann ich ja nicht", sagt Strate und lächelt. Aus Mollaths Gesicht ist das Lächeln zu diesem Zeitpunkt schon längst gewichen - und das liegt vor allem an den Worten des Oberstaatsanwalts.

Vier Stunden dauert das Plädoyer von Meindl. Früh lässt er darin erkennen, dass er der Version von Gustl Mollath keinen Glauben schenkt, dessen damalige Frau habe einst Straftaten ihres Mannes behauptet, um ihn "damit aus dem Weg zu räumen".

Es geht in dem Wiederaufnahmeverfahren um die Frage, ob Gustl Mollath am 12. August 2001 seine Frau schwer verletzte, sie Monate später einsperrte und ob er Reifen zerstach - und außerdem um die Frage, ob er, falls er dies damals tat, schuldfähig war oder nicht.

Mollath verliest eine vorbereitete Erklärung

Gustl Mollath sagt an diesem Freitag nicht sonderlich viel zu den gegen ihn erhobenen Tatvorwürfen der Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung. Am Morgen liest er rund 30 Minuten eine vorbereitete Einlassung ab. Am Anfang heißt es darin, er sei damals auf "illegale Geldgeschäfte" seiner Frau aufmerksam geworden, die er unterbinden wollte. Als seine Frau gemerkt habe, dass es ihm damit ernst sei, "behauptete sie einfach Straftaten von mir". So habe sie Verletzungen, die sie bei einem Sprung aus einem fahrenden Auto erlitten habe, dazu genutzt, um gegenüber einem Arzt zu behaupten, "ich hätte sie misshandelt".

Schnell geht es dann in Mollaths Erklärung um ein anderes Thema, die angeblichen Schwarzgeldgeschäfte seiner Frau in der Schweiz. Die Vorsitzende Richterin Elke Escher unterbricht ihn nur ein Mal, lässt ihn ansonsten geduldig gewähren, auch wenn weite Teile seiner Ausführungen kaum etwas mit den gegen ihn erhobenen Tatvorwürfen zu tun haben.

In solchen Momenten wird deutlich, dass es in diesem Verfahren auch um das Ansehen der bayerischen Justiz geht. Gustl Mollath war 2006 im jetzt wiederaufgenommenen Prozess wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen und für mehr als sieben Jahre gegen seinen Willen in die Psychiatrie eingesperrt worden. Das damalige Urteil des Landgerichts Nürnberg-Fürth enthielt gravierende Faktenfehler, Mollaths Grundrechte wurden verletzt, der Fall gilt als Justizskandal.

Die Staatsanwaltschaft stellt Mollaths Version infrage

Ob er noch etwas zu den Geschehnissen am 12. August 2001 sagen wolle, fragt die Richterin. Mollath sei in diesem Punkt "sehr pauschal", geblieben. Er habe die ihm vorgeworfenen Taten nicht begangen, vielmehr habe er sich damals lediglich gewehrt und versucht, sich vor Schlägen zu schützen. Mehr wolle er dazu nicht sagen, es befinde sich alles "in den Akten".

Da ahnt Mollath vermutlich noch nicht, wie weit der Oberstaatsanwalt später ausholen würde. Fast jeder Satz dient Meindl dazu, Mollaths Version infrage zu stellen. Ob es den Sprung von Mollaths Frau aus dem Auto gegeben habe, wisse man nicht, sagt Meindl an einer Stelle. Aber selbst wenn: Das Verletzungsbild von Mollaths damaliger Frau passe einfach nicht zu einem Sprung aus einem Auto. Meindl nennt die Bisswunde am Ellenbogen und die Würgemale am Hals, die der Arzt Markus R. später festgestellt hatte, die der Mann zudem als Zeuge vor Gericht bestätigte.

Auch spreche nichts für die Hypothese, Mollaths damalige Frau sei einem Plan gefolgt, um ihren Mann "mundtot zu machen". Rund fünf Jahre lang habe die Frau in ihren Aussagen nicht dramatisiert, wenn sie über Tritte ihres damaligen Mannes berichtet habe. Stets sei davon die Rede gewesen, Gustl Mollath habe dabei Hausschuhe oder Mokassins getragen. "Sie hätte auch sagen können, dass es schwere Straßenschuhe waren", so Meindl.

"Geschlagen, getreten, gebissen, gewürgt"

Immer habe sie dies geschildert: Dass sie "geschlagen, getreten, gebissen und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt wurde". Er habe keine Zweifel daran, dass sich dieses Tatgeschehen zwischen dem damaligen Ehepaar ereignet habe. Auch unzweifelhaft sei, dass Gustl Mollath "Verursacher der Verletzungen war". Mollath sei zudem voll schuldfähig gewesen. Selbst wenn Mollaths Vorwürfe gegen seine ehemalige Frau stimmten, sei dies kein Rechtfertigungsgrund für seine Schläge, Tritte und Würgereien.

Meindls Schlussworte sind für Mollath, der am Freitagmorgen erklärt hatte, er wolle einen "möglichst optimal begründeten Freispruch", ein Schlag ins Gesicht: Mollath sei der Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung in sieben Fällen schuldig zu sprechen. Gleichwohl sei Mollath freizusprechen - und zwar deshalb, weil er in dem Wiederaufnahmeverfahren nicht schlechter gestellt werden dürfe als in dem früheren Verfahren, in dem er freigesprochen wurde. Für die Zeit der Psychiatrie sei Mollath zu entschädigen: Das Gericht in Nürnberg habe die Reifenstechereien damals fälschlicherweise für gefährlich gehalten und ihn deshalb in die Psychiatrie eingewiesen. Eine Gefahr für die Allgemeinheit durch Mollath habe aber nicht bestanden, sie bestehe auch heute nicht.

Seine Frau soll den Fall gezielt vorbereitet haben

Gerhard Strate, der nach einem Konflikt mit Mollath nur noch dessen Pflicht-, nicht mehr sein Wahlverteidiger ist, argumentiert anders. Mollaths Frau habe seinen Mandanten einschüchtern wollen, als sie ihm ein Arztattest schickte, das ihr nach der Auseinandersetzung mit ihm ausgestellt worden war. Später habe sie ihren Mann "mit einer Lüge" über eine angeblich scharfe Waffe, die in Wahrheit ein altes Luftdruckgewehr gewesen sei, bei der Polizei verdächtig gemacht. Ein "böses Vorzeichen", so Strate, eine "Vorbereitung der Psychiatrisierung" ihres Mannes.

Er verweist zudem darauf, dass sich Mollaths Frau einst unter Druck sah, weil sein Mandant ihren damaligen Arbeitgeber informiert hatte. In einem Bericht kam die Bank später zu dem Ergebnis, dass Mollaths damalige Frau und andere Mitarbeiter Kundendepots an eine Partnerbank in der Schweiz und von dort zum Teil gegen Provision an die Konkurrenz transferiert hatten. Zwar stellte die Bank kein Schwarzgeld fest, sie kündigte aber im Februar 2003 das Arbeitsverhältnis.

Verteidiger sieht Unklarheiten in der Aussage des Opfers

Und die Körperverletzung? Strate sieht Unklarheiten: Mal habe Mollaths damalige Frau gesagt, dieser habe sie mit der flachen Hand geschlagen, in einer anderen Schilderung habe sie von "der Faust" gesprochen. Ihre Angaben "wechselten mit jeder Aussage", sie sei "kein taugliches Beweismittel". Dies gelte auch für das Attest des Arztes Markus R., der die Verletzungen von Mollaths damaliger Frau seinerzeit schlecht protokolliert hatte. Ein Gutachter hatte vor Gericht über das Attest gesagt: "Die Exaktheit lässt zu wünschen übrig."

Die Glaubwürdigkeit von Mollaths ehemaliger Frau zieht Strate mehrfach in Zweifel. So habe sie damals angebliche Morddrohungen und Mordversuche en passant zur Sprache gebracht, teilweise angebliche Fakten genannt, von denen vorher nicht die Rede gewesen sei - offenbar dem "Einfallsreichtum des Tages" geschuldet.

Zur "Katastrophe für Gustl Mollath" hätte es nicht kommen müssen, sagt Strate. Es habe massive Verstöße gegen Recht und Gesetz gegeben. Mollath sei "ohne Wenn und Aber freizusprechen".

Das letzte Wort hat um 21.25 Uhr Mollath. Er dankt dem Gericht für den "Aufwand der Wahrheitsfindung" und seinen Verteidigern. Seine Frau habe "ihn regelrecht in die Pfanne gehauen", die ihm vorgeworfenen Taten habe er nicht begangen. Er habe nie "den Pfad des Rechts verlassen". Er bitte um ein gerechtes Urteil, "für das sich niemand schämen muss."

Das Urteil soll nächste Woche gesprochen werden.

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