Vermisste Inga "Da kann man gleich eine Kristallkugel befragen"

Die fünfjährige Inga wird seit zwei Monaten vermisst. Bei der Suche setzte die Polizei jetzt speziell ausgebildete Hunde ein. Polizeihauptkommissar Michael Lang ist skeptisch, ob das wirklich etwas bringt.
Vermisste Inga: Suche mit Mantrailern

Vermisste Inga: Suche mit Mantrailern

Foto: DPA/Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord

Seit zwei Monaten wird die fünfjährige Inga aus Schönebeck in Sachsen-Anhalt vermisst. Das Mädchen verschwand am 2. Mai in einem Waldstück bei Stendal. Trotz umfangreicher Suchaktionen und Zeugenbefragungen konnte sie bisher nicht gefunden werden.

Jetzt setzte die Polizei sieben Hunde auf die Fährte. Diese speziell ausgebildeten Mantrailer führten die Beamten über fünf Autobahnen bis nach Dresden - insgesamt eine Strecke von mehr als 220 Kilometern.

Können die Hunde das wirklich schaffen? Michael Lang, 50, ist da skeptisch. Der Polizeihauptkommissar ist stellvertretender Leiter der Ausbildungsstelle für Diensthunde bei der Polizei Rheinland-Pfalz, wo auch Mantrailer trainiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum lässt die Polizei Mantrailer-Hunde für sich schnüffeln?

Lang: Diese Personenspürhunde haben einen sehr sensiblen Geruchssinn. Sie können, anders als normale Fährtenhunde, den individuellen Geruch von Menschen wahrnehmen. Das heißt: Sie merken nicht nur, dass irgendein Mensch einen bestimmten Weg genommen hat. Sondern sie können auch bestimmen, welcher Mensch das war. Und sie sind auch auf Asphalt im Stadtgebiet einsetzbar. Der herkömmlich ausgebildete Fährtenhund ist nur auf natürlichem Untergrund erfolgreich, etwa auf Wiesen, in Wäldern und auf Äckern.

SPIEGEL ONLINE: Wie nimmt der Mantrailer-Hund Witterung auf?

Lang: Der Mensch verliert Hautschuppen überall dort, wo er sich bewegt. Bevor die Hunde eine Fährte aufnehmen, riechen sie zunächst an einem Kleidungsstück. Dann verfolgen sie den Geruch anhand der verlorenen Hautpartikel.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hunderassen kommen dafür infrage?

Lang: Es sind meist Jagdhunde, die für die Aufgabe geeignet sind, etwa der Bloodhound, der bayerische Gebirgsschweißhund oder der amerikanische Coonhound. Sie sind zum Teil seit Jahrhunderten dafür gezüchtet worden, angeschossenes Wild ausfindig zu machen. Und das können sie viel besser als zum Beispiel ein Schäferhund, dessen Zucht nach anderen Schwerpunkten betrieben wurde.

SPIEGEL ONLINE: Können Mantrailer-Hunde nach zwei Monaten einen Menschen aufspüren?

Lang: Das ist theoretisch möglich. Allerdings halte ich die Erfolgswahrscheinlichkeit für sehr gering. Unsere Hunde kommen in der Regel zum Einsatz, wenn eine Person sechs Stunden bis maximal acht Tage verschwunden ist. Die Hautpartikel verwehen mit der Zeit. Deshalb ist es zum Beispiel auf einer völlig freien Fläche auch schwierig für einen Hund, die Witterung zu behalten.

SPIEGEL ONLINE: Im Fall Inga sollen die Hunde eine Fährte über mehr als 200 Kilometer Autobahn verfolgt haben. Ist das möglich?

Lang: Unsere Hunde können das nicht. Ich halte ein solches Vorgehen auch für unseriös. Da kann man gleich eine Kristallkugel befragen. Wenn eine vermisste Person in ein Auto gestiegen ist, verliert der Hund die Spur. Und auch wenn man unterstellt, dass Hautschuppen über die Autolüftung ins Freie gelangen, scheitert der Hund auf einer solch langen Strecke.

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