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28. August 2009, 19:36 Uhr

Fall Jaycee Dugard

Amerikas verschwundene Kinder

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Die Entführung von Jaycee Dugard endete glücklich - nach 18 Jahren. Doch rund 51.000 Kinder und Jugendliche sind in den USA noch verschwunden. Die Medien interessiert ein Fall meist nur dann, wenn es sich um weiße, blonde, hübsche Mädchen handelt.

Es ist kurz nach acht, als die elfjährige Jaycee Dugard ihr Elternhaus im kalifornischen South Lake Tahoe verlässt, um den Schulbus zu erwischen. Ihr Stiefvater Carl Probyn schaut ihr noch hinterher. Sieht, wie das nicht mal 1,40 Meter große Mädchen in der rosa Windjacke und den weißen Turnschuhen den Washoe Boulevard langläuft, wie ihr blonder Pferdeschwanz wippt.

Kaum hat Jaycee die Haltestelle erreicht, nicht mal 150 Meter entfernt, da hält ein grauer Ford neben ihr. Die Tür springt auf, eine Frau zerrt das Kind hinein, das entsetzt aufschreit.

Probyn rennt panisch aus dem Haus. Er schwingt sich auf sein Mountain-Bike und versucht noch, dem Wagen hinterherzufahren. Vergeblich, er kann es nicht mehr einholen, Probyn kehrt auf der Höhe des Hügels um und brüllt einem Nachbarn zu, die Polizei zu rufen.

So begann die Odyssee von Jaycee Dugard und ihrer Familie, an einem Juni-Morgen im Jahr 1991. Jaycees Schrei war das Letzte, das ihr Stiefvater für die nächsten 18 Jahre von ihr hören würde. Er gab die Hoffnung auf, sie je wiederzusehen, seine Frau versank in Depressionen, sie trennten sich, zogen fort.

Am Dienstag tauchte die totgeglaubte Jaycee wieder auf, inzwischen eine erwachsene Frau. Die sensationellen Umstände ihrer Rückkehr unter die Lebenden, die ersten Details ihres 18-jährigen Martyriums in der Gewalt eines Sexualstraftäters, die zwei Kinder, die sie ihm geboren hatte, eines so alt, wie sie selbst bei ihrem Verschwinden war: Der spektakuläre Fall verdrängte vorübergehend sogar die Trauerfeiern für Ted Kennedy von der Spitze der Nachrichten.

Während die Polizei langsam beginnt, die gruseligen Einzelheiten zusammenzutragen und die versteckten Hinterhofschuppen zu durchkämmen, in denen Dugard all die Jahre gefangengehalten wurde, beginnt für Dugards Familie ein ganze andere Herausforderung - die Auseinandersetzung mit einem Menschen, den sie kaum mehr erkennen und der der heutigen Welt gegenübersteht wie ein Kleinkind. "Es macht einen krank", weinte Probyn im TV-Sender ABC.

Eine stille, grausige Epidemie

Es ist, aller Tragik zum Trotz, ein Happy End. Über ein solches Happy End können sich viele nicht freuen, die in ein ähnliches Schicksal gestürzt werden. Dass Jaycee Dugard noch lebt, dass sie aus ihrer Pein befreit wurde, ist keineswegs das Ergebnis polizeilicher Ermittlungen, sondern reiner Zufall - und damit die seltene Ausnahme bei einem Phänomen, das viele als eine stille, grausige Epidemie bezeichnen.

Denn Dugards Entführung war beileibe kein Einzelfall. Insgesamt 614.925 Kinder unter 18 Jahren wurden nach Zählung des FBI voriges Jahr als vermisst gemeldet - fast 1700 pro Tag. 54,4 Prozent davon waren Mädchen. Rund 51.000 bleiben bis heute verschwunden, das FBI führt sie als "aktive Akten". Doch viele werden über die Jahre zu auswechselbaren Statistiken, in der Zeit eingefroren als beklemmende Kinderfotos auf Such-Websites und, so in den USA üblich, auf Milchkartons.

Verschwundene und missbrauchte Kinder sind natürlich keine amerikanische Besonderheit, man denke nur an den Inzestfall von Amstetten, an Natascha Kampusch, an die britische Madeleine McCann, die dank der Talk-Queen Oprah Winfrey auch in den USA Schlagzeilen machte. Zum letzten "Internationalen Tag der vermissten Kinder" im Mai meldete auch das deutsche BKA 1711 Fälle verschwundener Kinder und Jugendlicher.

Die meisten Kinder werden von Verwandten gekidnappt

In den USA hat die private Interessengruppe National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC) seit ihrer Gründung 1984 bei der Suche nach mehr als 157.000 Kindern mitgewirkt, doch nur etwa 142.000 konnten bisher wiedergefunden werden. Wie viele längst tot sind und wie viele den Leidensweg von Jaycee Dugard teilen, das weiß keiner.

"Dies erinnert uns daran, warum wir tun, was wir tun", sagte Cindy Rudometkin, Direktorin der Polly Klass Foundation, benannt nach einer zwölfjährigen Kalifornierin, die 1993 verschleppt und ermordet wurde, der Zeitung "Christian Science Monitor". "Es gibt viele Geschichten, die schlecht statt gut ausgehen."

Die Fahnder sehen Dugards Wiederauftauchen jedoch als Lichtblick für andere: Nicht jede Kindesentführung muss schlimm enden. "Der Fall Dugard ist riesig", freute sich NCMEC-Präsident Ernie Allen auf ABC. "Es gibt Leute, die verlieren die Hoffnung, wenn ein Kind verschwindet. Dies gibt Vielen Hoffnung."

Die meisten Kinder werden von Verwandten gekidnappt, nur ein Bruchteil von Fremden. Letztere Fälle, so hat das FBI mittlerweile festgestellt, gehen in der Regel besser aus als familieninterne Entführungen - bei denen werden die Kinder oft dann auch noch ermordet, nicht selten von einem Elternteil.

So weit verbreitet ist dieses Schreckensbild, dass es zum TV-Klischee verkommen ist, zum "Movie of the Week" der Networks. Viele Familien können die Tipps der US-Regierung, wie man sich im Fall einer Kindesentführung zu verhalten habe, längst auswendig herbeten: "Die ersten 48 Stunden sind am kritischsten und chaotischsten. Machen Sie eine Checkliste von Dingen, die zu tun sind."

John Walsh, dessen Sohn Adam 1981 entführt wurde, hat seine private Tragödie zur Lebensmission gemacht - und es so auch zu großer Berühmtheit gebracht. Der sechsjährige Adam verschwand aus einem Einkaufszentrum, 16 Tage später entdeckte die Polizei seinen abgetrennten Kopf in einem Abwasserkanal, der Rest der Leiche fand sich nie. Erst vorigen Dezember wurde der Serienmörder Ottis Toole als Täter identifiziert, er war schon 1996 im Gefängnis gestorben, wo er wegen anderer Morde saß.

Walsh gründete eine Selbsthilfegruppe für Eltern, die später im NCMEC aufging. Seit 1988 moderiert er die enorm erfolgreiche TV-Serie "American's Most Wanted", eine Art US-Version von "Aktenzeichen XY - ungelöst".

"Entspanne dich und genieße deine Familie"

Das Thema zieht. Gerne widmen sich die US-Nachrichtensender denn auch schon mal tagelang und rund um die Uhr dem einen oder anderen prominenten Vermisstenfall. Etwa dem der Schülerin Natalee Holloway, die 2005 auf Aruba verschwand, bis heute spurlos. Reporter fielen in Horden auf der Karibikinsel ein, auch hier folgten Bücher und TV-Filme.

Ähnlichen Wirbel verursachte das Rätsel um Elizabeth Smart. Sie wurde 2002 als 14-Jährige aus ihrem Schlafzimmer verschleppt. Nach einer massiven Suchaktion und dank "America's Most Wanted" wurde sie neun Monate später wiederentdeckt, in Begleitung des Wanderarbeiters, der sie entführt hatte.

"Entspanne dich und genieße deine Familie", riet Smart ihrer Leidensgenossin Dugard jetzt in einem CNN-Interview. Vielleicht könnte sie sich an Dinge erinnern, "die sie mit ihrer Familie gern machte", und sie rekonstruieren.

Eines haben diese medienwirksamen Auftritte auffallend gemein: Die betroffenen Kinder sind meist weiße, blonde Mädchen. Etliche Studien haben inzwischen erwiesen, dass die US-Medien vermisste schwarze Kinder dagegen oft ignorieren - obwohl diese den weit überwiegenden Teil der Fälle bilden.

"Es ist ein beliebter Erzählstrang der Medien", kritisierte der Kolumnist Eugene Robinson in der "Washington Post". "Etwas Zierliches, Delikates wird einem entrissen, geschändet, zerstört von Kräften, die im Schatten lauern." Kommentatoren sprechen vom "Syndrom des vermissten hübschen Mädchens".

So verschwand knapp ein Jahr vor Natalee Holloway (weiß, blond) in South Carolina Tamika Huston (schwarz, dunkelhaarig). Ihre Familie versuchte vergebens, die Medien für die junge Frau zu interessieren. Als ihre Leiche ein Jahr später gefunden wurde, befanden sich die meisten US-Polizeireporter auf Aruba.

Im Fall Dugard fangen die Fahnder nun gerade erst an, das Puzzle zusammenzusetzen. Phillip Garrido, der sie gefangengehalten und missbraucht hatte, war ein vorbestrafter Sexualtäter und den Behörden gut bekannt. Mehrfach hatten die Bewährungshelfer ihn auch besucht, ohne etwas gemerkt zu haben.

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