Fall Kevin Bremer Sozialarbeiter klagen an

Nach dem Tod des kleinen Kevin haben Sozialarbeiter in Bremen Missstände in ihrer Dienststelle kritisiert. In einem Brief an den Bürgermeister prangern sie den Spardruck und die umständliche Bürokratisierung an.


Bremen - In dem Brief an Bürgermeister Jens Böhrnsen beklagen die Jugendsozialarbeiter aus dem Bremer Stadtteil Gröpelingen, dass die Zahl der Stellen im Zuge einer Umorganisationen in den vergangenen Jahren von 13 auf sieben Mitarbeiter reduziert worden sei. Die Nichtbesetzung freier Stellen habe dazu geführt, dass alle Mitarbeiter über 50 Jahre alt seien, heißt es in dem der Nachrichtenagentur AP vorliegenden Schreiben des Sozialdienstes Junge Menschen. Die Helfer fühlten sich auf Grund der schlechten Arbeitsbedingungen ausgebrannt und würden krank. Zunehmende Belastung und großer Spardruck führten zu Motivationsverlusten.

Wohnanlage in Bremen-Gröpelingen: Hier wohnte Kevin mit seinem Vater
DDP

Wohnanlage in Bremen-Gröpelingen: Hier wohnte Kevin mit seinem Vater

Ein Teil der Arbeitszeit sei durch Wochenkonferenzen, Hilfeplangespräche und Dienstbesprechungen gebunden, schreiben die Mitarbeiter. Zudem listen sie vielfältige Dokumentationspflichten auf. Diese Arbeiten müssten die Sozialarbeiter selbst erledigen, nachdem die Stellen der Schreibkräfte gestrichen worden seien.

Bedauerlich sei zudem, dass zum August dieses Jahres der Fachdienst "Aufsuchende Familienberatung" aufgelöst worden sei. "Dieser Dienst wurde eingesetzt in gerade den Familien, die ähnlich krisenhaft belastet sind wie die Familie von Kevin", heißt es in dem Brief.

Auch die Personalräte des Amtes für Soziale Dienste bemängeln Einsparungen und strukturelle Veränderungen im Ressort. Vor rund zehn Jahren hätten sich 200 Mitarbeiter um Kinder und Jugendliche gekümmert, heute nur noch 120. Seit 1981 herrsche Einstellungsstopp, das Durchschnittsalter liege heute bei 54.

Der zweijährige Kevin war am 10. Oktober tot im Kühlschrank der elterlichen Wohnung entdeckt worden. Der Fall löste eine Diskussion über Versäumnisse der Behörden aus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Sozialarbeiter vor Ort und den Amtsvormund wegen Verdachts auf Verletzung der Fürsorgepflicht. Der Vater des Jungen sitzt wegen Totschlagsverdachts in Untersuchungshaft.

Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt forderte unterdessen eine bessere staatliche Aufsicht für Kinder. Er kündigte in der "Leipziger Volkszeitung" eine Bundesratsinitiative seines Landes an, wonach Vorsorge- zu Pflichtuntersuchungen für Kinder erweitert werden sollten. "Kinder sind das kostbarste Gut unserer Gesellschaft. Deshalb muss der Staat genau hinschauen, wenn die kleinsten Mitglieder unserer Gesellschaft in Not geraten", so der CDU-Politiker. "Aus fachlich geleiteter, aber fehlplazierter Toleranz haben wir möglicherweise die erzieherische Funktion der Jugendhilfe überbetont und dabei aus dem Blick verloren, dass der Staat auch eine Wächterfunktion hat."

jjc/AP



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.