Fall Kevin "Ich habe mich von einem Junkie aufs Kreuz legen lassen"

Unter Tränen hat eine Bremer Sozialarbeiterin vor dem Untersuchungsausschuss um den Tod des kleinen Kevin ausgesagt. Sie war die Vorgesetzte des Betreuers der Familie. Aufgefallen ist ihr an der Akte nichts - bis es zu spät war.


Bremen - "Ich mache mir die schwersten Vorwürfe, die Kevin-Akten nicht eingesehen zu haben", sagte die Stadtteilleiterin der Sozialbehörde. Stattdessen habe sie ihrem Mitarbeiter "blind vertraut". Und das, obwohl sie im Jahr 2003 vage Hinweise darauf erhalten haben soll, dass der Fallmanager, der Kevin betreute, möglicherweise Alkoholprobleme habe. Daraufhin sei der Mitarbeiter ein halbes Jahr "engmaschig kontrolliert" worden - die Vorwürfe hätten sich nicht erhärtet. Es habe also keine Veranlassung gegeben, die Arbeit des Sozialarbeiters in Zweifel zu ziehen.

Wenn sie jedoch die Zeit gehabt hätte, die Akten einzusehen, hätte sie das auch getan, betonte die Bremer Sozialarbeiterin. Zuvor hatte sie vor dem Untersuchungsausschuss über die schlechten Arbeitsbedingungen im Bremer Amt für soziale Dienste berichtet. Dabei verwies die Sozialarbeiterin auf Personalmangel, geringes Budget und komplette Arbeitsüberlastung.

Im Februar 2006 will die Frau erstmals vom Fall Kevin gehört haben. Seinerzeit hatte der Jugendamtsleiter um einen kurzen Bericht gebeten. Sie habe damals nicht gewusst, dass die Anfrage auf Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) zurückging. Der hatte sich eingeschaltet, nachdem ein Kinderheimleiter auf den Fall aufmerksam gemacht hatte. Von Kindesmisshandlungen sei nicht die Rede gewesen.

Sozialarbeiterin fiel in "Apathie"

Nachdem sie erfahren habe, dass Kevins Ziehvater das Amt von vorne bis hinten belogen hat, sei sie so gelähmt gewesen, dass sie lediglich dem Amtsvormund von Kevin eine Mail geschrieben habe - und nicht zur Polizei gegangen sei. Es sei bei ihr eine Apathie eingetreten, betonte sie. Als sie von den Missständen erfahren habe, sei Kevin bereits tot gewesen, wisse sie heute.

"Ich habe mich von einem Junkie aufs Kreuz legen lassen. Wir alle. Das ist ja das Furchtbare", sagte die Sozialarbeiterin hörbar verbittert. Immer wieder habe sich der Ziehvater angeblich kooperativ gezeigt, letztlich die vom Amt gemachten Auflagen aber doch missachtet.

Kevin war im Oktober 2006 in Bremen tot im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters gefunden worden. Der Zweijährige war vermutlich schon Ende April oder Anfang Mai an den Folgen schwerster Misshandlungen gestorben - obwohl er unter der Obhut des Bremer Jugendamtes stand.

"Es ist nicht nachvollziehbar, dass viele Leute etwas gewusst haben und nichts passierte. In dem Amt herrscht schlicht Chaos", sagte heute der Vorsitzende des Ausschusses, der CDU-Abgeordnete Helmut Pflugradt. Alle Verantwortlichen in Bremen kannten den Fall Kevin: das Jugendamt, das Amt für Soziale Dienste, ein Kinderheim, auch die Politik. Und alle mussten wissen, wie gefährlich vor allem der Vater für den Jungen war. Trotzdem wurde er seinem Schicksal in der Familie überlassen - bis zum Ende.

"Im Vorfeld zerrissen"

"Die Überlastung hat massiv zugenommen. Wir haben im Jahr 900 Fälle, die kann ich nicht alle kennen", sagte die Zeugin zu ihrer eigenen Verantwortlichkeit in dem Fall. "Soll ich die Arbeit von dem Amtsvormund auch noch übernehmen?" Kevin stand unter Amtsvormundschaft. Diese hatte entschieden, dass der Junge zunächst bei seinem abhängigen Ziehvater bleiben kann. Vor dem Untersuchungsausschuss zu Kevins Tod klagte vor etwa zwei Wochen über eine extreme Arbeitsbelastung: Für 640 Kinder seien gerade einmal drei Betreuer zuständig gewesen

"Ich bin als Person im Vorfeld zerrissen worden", sagte die Sozialarbeiterin. "'Wer ist eigentlich die Person, die ihre Mitarbeiter nicht Griff hat?' So schreit es mir entgegen."

Ein interner Bericht der Innenrevision der Behörde attestierte im Fall Kevin auch ihr, der zuständigen Sozialarbeiterin, Fehler. "Es fällt auf, dass die von ihr verfassten Berichte nicht immer vollständig den tatsächlichen Sachverhalt widerspiegeln", heißt es in dem Bericht, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Die 51-Jährige hat mittlerweile um Versetzung von ihrem Amt gebeten.

fba/ddp/dpa

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