Fall Kevin "Warum sind wir im Stich gelassen worden?"

Bremer Polizisten entdeckten im Oktober 2006 den toten Kevin im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters. Erst jetzt steht der zuständige Amtsvormund des Zweijährigen vor Gericht - und hofft auf einen Freispruch oder die Einstellung des Verfahrens.

DPA

Von , Bremen


Bremen - Bert K. hat schon viele Wohnungen inspiziert, in denen Gewalt und Chaos herrschten. Er hat in den vielen Jahren als Sozialarbeiter Eltern ihre Kinder weggenommen, weil sie ihnen schadeten statt sie zu umsorgen. Ein Schritt, der manchen Kindern vielleicht das Leben gerettet hat.

Kevins Leben hat Bert K. nicht gerettet. Die Wohnung in der Kulmer Straße 97 in Bremen-Gröpelingen, wo der Junge von seinen Eltern misshandelt und nach dem Tod im Kühlschrank abgelegt wurde, hat Bert K. nie gesehen - obwohl er der Amtsvormund des Zweijährigen war. Nun steht der inzwischen 67-Jährige in Bremen vor dem Landgericht - angeklagt wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen.

Zwei Jahre und fünf Monate hat Bert K. auf den Beginn dieses Prozesses gewartet. Im Dezember 2007 hatte die Staatsanwaltschaft Bremen Anklage gegen ihn erhoben. Der pensionierte Jugendamtsmitarbeiter - ein grauhaariger Mann mit Vollbart, Brille und Bauch - will das Verfahren nun endlich hinter sich bringen. Es sei seit Kevins Tod "kein Tag vergangen", an dem er nicht an den Jungen und an seine Verantwortung für ihn gedacht habe. Bert K. ist seither in psychologischer Betreuung.

Persönliche Schuld

"Der Tod meines Mündels überschattet nachträglich mein ganzes Berufsleben und meinen Ruhestand", erklärte K. vor Gericht und versprach, er wolle zur Aufklärung des Falles beitragen und in dem Verfahren "ausführlich Stellung" nehmen. Es geht um seine persönliche Schuld, nicht um das Versagen seiner Behörde.

Bert K. sitzt allein auf der Anklagebank. Doch er allein hat Kevins Tod nicht zu verantworten. Neben ihm müsste noch Kevins sogenannter Fallmanager sitzen, der Sozialarbeiter, der Kevins Eltern jahrelang betreute. Niemand hatte in vergleichbarer Weise Zugang zu der Kleinfamilie. Doch der Mann ist verhandlungsunfähig, das Verfahren gegen ihn konnte daher nicht eröffnet werden.

Bert K. sagt, er hoffe, man werde nicht vergessen, dass er "nur einer der Beteiligten an dem Geschehen war, das in der Katastrophe geendet" sei. Er hoffe, dass endlich Kevins Ziehvater, der bereits zu zehn Jahren Haft und Einweisung in eine Entziehungsanstalt verurteilt wurde und in diesem Verfahren als Zeuge geladen ist, sein Schweigen breche. Und er hoffe, dass "die anderen Beteiligten, vor allem aus dem Amt für Soziale Dienste, die viel mehr Informationen hatten als ich, ehrlich aussagen". Bert K. will nicht allein den Kopf hinhalten für den Tod eines Kindes, der bundesweit für Entsetzen sorgte.

Debatte um Kinderschutz

Kevin ist zum Synonym geworden für die Debatte um Kinderschutz in Deutschland und den Umgang mit Suchtkranken. Kevins Eltern, beide drogenabhängig, misshandeln ihn, sind mit seiner Erziehung restlos überfordert. Ab August 2004, Kevin ist keine acht Monate alt, gibt es immer wieder Hinweise, dass der Junge zu Hause gequält wird.

Immer wieder greifen Polizeibeamte seine Eltern auf: zugedröhnt, lallend, aggressiv und gewalttätig. Die Beamten bringen Kevin in ein Kinderheim oder in die Notaufnahme. Immer wieder wird das Kleinkind seinen Eltern ausgehändigt - trotz ausdrücklicher Warnungen von Ärzten und Heimleitern. Immer wieder erleidet Kevin neue Verletzungen, Knochenbrüche, Hämatome. Immer wieder akzeptiert der zuständige Sozialarbeiter die haarsträubenden Ausreden der Eltern, macht lediglich Aktennotizen oder unterschlägt Informationen - so sieht es die Staatsanwaltschaft.

Als Kevin zwei Jahre und neun Monate alt ist, soll die Polizei auf Anweisung des Familiengerichts den Jungen endlich aus seinem gewaltbestimmten Zuhause holen. Kevins Mutter ist inzwischen gestorben. Beamte klingeln am 10. Oktober 2006 bei Bernd K., Kevins Ziehvater. Doch dieser öffnet nicht. Die Beamten brechen die Wohnungstür auf. "Wo ist Kevin?", fragen sie den damals 42-Jährigen. "In der Küche", antwortet Bernd K.

21 Knochenbrüche

Im untersten Fach des Kühlschranks entdecken die Polizisten schließlich den Leichnam des Kindes, eingewickelt in Plastiktüten. Kevin, 83 Zentimeter groß, war in den 53 Zentimeter breiten Schrank gequetscht worden. Sein kleiner Körper weist 21 Knochenbrüche auf. Einer davon führte in Verbindung mit einer Fettembolie in der Lunge zu seinem Tod. Wie lange Kevin zum Zeitpunkt des Leichenfundes bereits tot war, konnte nie geklärt werden.

Dem Bericht des Untersuchungsausschusses zufolge muss der Vormund - das Jugendamt Bremen - spätestens im Februar 2006 von sämtlichen Hinweisen auf schwere Misshandlung und Gefährdung des Kindeswohls gewusst haben. Laut Staatsanwaltschaft konnte es daher zu Kevins Tod nur kommen, weil Bert K. den Zweijährigen nicht in staatliche Obhut genommen habe. "Es war erkennbar, dass Kevin in Gefahr war", konstatierte Staatsanwältin Bettina Hohage am Dienstag.

Der Prozess gegen Bert K. soll nun klären: Was wusste Kevins Amtsvormund wirklich? Wann wurde er worüber informiert? Warum wurden die zweifelhaften Ausreden von Kevins Eltern, speziell von dessen Ziehvater, anstandslos akzeptiert, anstatt den Jungen in Obhut zu nehmen?

"Warum sind wir im Stich gelassen worden?"

Bert K. war jahrzehntelang Sozialarbeiter, bis er zum Amtsvormund aufstieg. Ab da hatte er keinen direkten Kontakt mehr zu seinen Mündeln, sondern musste sich auf seine Mitarbeiter verlassen. Zu K.s Zeit, das belegt auch der Bremer Kinderschutzbericht, hatte ein Amtsvormund im Durchschnitt 230 Kinder zu betreuen. Diese Zahl ist inzwischen auf 90 reduziert worden.

"Warum sind wir damals im Stich gelassen worden mit dem Übermaß unserer Belastung und unserer Verantwortung?", fragte Bert K. vor Gericht und beteuerte, er habe seinen Beruf "ernst genommen und geliebt und auch unter den damaligen schwierigen Bedingungen so gut und engagiert ausgefüllt, wie ich es vermochte".

Die Staatsanwältin führte detailliert auf, welche eindeutigen Hinweise es gegeben habe, dass Kevin in Lebensgefahr sei - erst Recht nach dem Tod seiner Mutter. Hilflos sei er seinem unberechenbaren, gewalttätigen Ziehvater ausgeliefert gewesen (erst nach Kevins Tod hatte eine DNA-Analyse ergeben, dass Bernd K. gar nicht Kevins leiblicher Vater war). Bert K. habe keinen Blick in die Unterlagen zu der Familie geworfen und gegen die Herausgabe des Kindes keine Bedenken geäußert. "Den Grad der Gefährdung hätte er jedoch in den Akten erkennen können", erklärte Staatsanwältin Hohage.

Kevin sei laut Aktenlage "kein Fall von Kindeswohlgefährdung" gewesen, erklärte dagegen K.s Verteidiger, Rechtsanwalt Eckart Behm aus Bremen. Er will im Verfahren nachweisen, dass die Versäumnisse des Amtsvormunds nicht ausreichen, um ihn wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen zu verurteilen - und damit entweder also einen Freispruch oder die Einstellung des Verfahrens erzielen.

Zuwendung erfährt Kevin heute, vier Jahre nach seinem Tod, in größerem Maß als zu seinen Lebzeiten. Häufig werden an seinem Grab auf dem Friedhof im Bremer Stadtteil Walle Blumen oder Spielsachen abgelegt. Von Fremden.

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xcielo, 08.06.2010
1. wie immer !
Am Ende wird ein Schuldiger gesucht, der, ich bin mir da fast sicher, gar keine Schuld hat. Diejenigen aber, die verantwortlich sind für die wahren Mißstände in den Sozialbehörden, die werden nicht nur laufen gelassen, sondern dürfen immer noch in verantwortungsloser Weise ihren Dienst tun. Wer der Illusion erliegt, es hätte sich nur ein bisschen geändert in den Sozialbehörden, der gehe mal hinein und schaue genau hin. Zu wenig Mitarbeiter, zu wenig Betreuung des Klientels zugunsten irrationaler Verwaltungsarbeit, zu wenig Geld, es ist eine Katastrophe. Der nächste Kühlschrankfall ist nur eine Frage der Zeit. Man ziehe endlich mal die "richtigen" Konsequenzen. Aber was lese ich da gerade, wo wird am meisten wieder gespart werden ? Ja, immer das Gleiche, Hauptsache man kann dann noch einen schuldigen Deppen finden. Wie heißt es so schön in einem Anti Hit der 70iger Jahre: Es ist schwer zu verstehen, doch es trifft immer den, der am wenigsten Schuld hat am ganzen Geschehen Kevin konnte für das Alles am aller wenigsten.
genugistgenug 08.06.2010
2. .
Zitat von sysopBremer Polizisten entdeckten im Oktober 2006 den toten Kevin im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters. Erst jetzt steht der zuständige Amtsvormund des Zweijährigen vor Gericht - und hofft auf einen Freispruch oder die Einstellung des Verfahrens. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,698827,00.html
klar, denn als Beamter ist er nicht haftbar und todsicher 'stimmen' die Akten. Doch wieso sitzt er da alleine auf der Anklagebank? Wo sind die Täter die Geld gestrichen haben und immer mehr Arbeit auf immer weniger Leute geladen haben? Wo sind die Politiker die diese Vorgaben absegnen?
franzdenker 08.06.2010
3. Schattenseite der westlichen Kultur.
Zitat von sysopBremer Polizisten entdeckten im Oktober 2006 den toten Kevin im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters. Erst jetzt steht der zuständige Amtsvormund des Zweijährigen vor Gericht - und hofft auf einen Freispruch oder die Einstellung des Verfahrens. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,698827,00.html
Der Fall des kleinen Kevin zeigt eine der Schattenseiten der westlichen Kultur. Besonders in Deutschland habe viele Hunde und Katzen einen besseren Stand als kleine Kinder.
Gertrud Stamm-Holz 08.06.2010
4. titel
Zitat von franzdenkerDer Fall des kleinen Kevin zeigt eine der Schattenseiten der westlichen Kultur. Besonders in Deutschland habe viele Hunde und Katzen einen besseren Stand als kleine Kinder.
Hören Sie doch mit dem Blödsinn auf. "Besonders in Deutschland". Das Land ist keine losgelöste Insel. Es ist nicht höherwertig und auch nicht schlechter. Jedes Land wird bevölkert von Klugscheissern und Ignoranten, von Gutsherren und Blinden. Die Trottel nicht zu vergessen. Wer Kinder misshandelt, der tut das auch bei Tieren und andersrum. Wer Leben nicht achtet, der macht keinen Unterschied zwischen verschiedenen Leben. Leute Ihres Schlages hocken gerne da und propagieren das Kindeswohl, gleichwohl sie ihren Hintern dafür nicht in die Höhe kriegen. Im selben Atemzug macht man Tierfreunden bittere Vorwürfe. Engagieren Sie sich. Egal für was. Werden Sie aktiv. Kinder müssten vielmals Misshandlungen nicht erdulden, würde die sonst hellhörige Nachbarschaft etwas sehen und hören wollen. Fassen Sie sich an die eigene Nase. Nachbarskatze kann dafür wirklich absolut gar nichts.
Margrit2 08.06.2010
5. viele waren beteiligt
Zitat von sysopBremer Polizisten entdeckten im Oktober 2006 den toten Kevin im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters. Erst jetzt steht der zuständige Amtsvormund des Zweijährigen vor Gericht - und hofft auf einen Freispruch oder die Einstellung des Verfahrens. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,698827,00.html
viele waren beteiligt und viele haben versagt. Es kann nicht gehen, dass Jugendämter z. T. bestückt sind mit jungen Sozialpädagogen/innen die selbst keine Kinder haben und sich blenden lassen wenn sie in eine Wohnung gehen, weil lihnen jedeErfahrung fehlt Ein sauber angezogenes Kind genügt ihnen da. Für solche Hausbesuche gehören gestandene Frauen hin die Kinder groß gezogen haben, die sehen auf einen Blick wo es mangelt. Und dann muß in solchen Fällen endlich Schluß mit der Kuschelei sein. Kinder beizeiten aus obskuren Verhältnissen nehmen zum Wohle der Kinder. Viele Ehepaare wünschen sich Kinder und würden so einem Kleinen alle Liebe und Fürsorge geben. Hier müssen endlich vereinfachte Regeln her und nicht sätndig Kinder von einem Heim ins andere schubsen Wir brauchen doch nur sehen wie viele Jugendliche schon dicke Polizeiakten haben mit 13 oder 14 Jahre. Wo waren denn da die Ämter als die Kinder 3 oder 4 Jahre alt waren? In diesem Land tritt immer mehr zu Tage dass vieles nicht mehr stimmig ist und das müssen wir endlich gemeinsam anpacken In meiner Nachbarschaft ist ein junges Paar, Sohn 3 Jahre alt, der ständig hinten drauf bekommt mit dem Erfolg, dass er bereits brutal nach Katzen oder kleinen Hunden tritt. Ich habe letzte Woche dem Jugendamt Bescheid gegeben, denn so was geht gar nicht
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