Erstes Urteil Wie die Bewährungsstrafe im Missbrauchsfall Lügde zustande kam

Weswegen erhielt ein 49-Jähriger beim ersten Urteil im Fall Lügde zwei Jahre Haft auf Bewährung? Welche strafmindernden Gründe gab es? Und was ist mit den beiden anderen Angeklagten? Die wichtigsten Antworten.

Landgericht Detmold: Heiko V. vor der Urteilsverkündung
Friedemann Vogel/Getty Images

Landgericht Detmold: Heiko V. vor der Urteilsverkündung


Es ist das erste Urteil im Fall des hundertfachen sexuellen Missbrauchs auf einem Campingplatz bei Lügde: Das Landgericht Detmold hat Heiko V. aus Stade in Niedersachsen am Mittwochabend zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Die Bewährungsauflagen gelten für die nächsten drei Jahre. Heiko V. muss eine Therapie machen und 3000 Euro an die junge Frau zahlen, die als Nebenklägerin in dem Verfahren auftritt. So kam der Schuldspruch zustande:

Weswegen wurde der 49-Jährige verurteilt?

Die Kammer sprach Heiko V. wegen Anstiftung und Beihilfe zum sexuellen und schweren Missbrauch von Kindern schuldig. In den Jahren 2010 und 2011 nahm er nach Überzeugung des Gerichts an Webcam-Übertragungen teil, bei denen ein Kind auf dem Campingplatz sexuell missbraucht wurde. Dabei gab er demnach auch Anweisungen und befriedigte sich vor den Augen des Kindes selbst.

Verurteilt wurde Heiko V. auch wegen des Besitzes von kinderpornografischen Fotos und Videos. Die Ermittler hatten bei ihm rund 31.000 Fotos und 11.000 Videos gefunden.

Warum gibt es noch kein Urteil gegen die beiden anderen Angeklagten?

Das Landgericht hat das Verfahren gegen Heiko V. am zweiten Tag im Hauptprozess gegen Andreas V. und Mario S. Ende Juni abgetrennt. Im Gegensatz zu diesen beiden Männern war Heiko V. nie auf dem Campingplatz, auf dem laut Anklage über Jahre mehr als 40 Kinder hundertfach sexuell missbraucht wurden. Der Prozess gegen die Dauercamper wird am 1. August fortgesetzt. Noch im selben Monat sollen die Urteile gesprochen werden.

Welche Strafe haben die Prozessbeteiligten gefordert?

Das Gericht blieb mit seinem Urteil gegen den 49-jährigen Heiko V. unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Die Anklage hatte sich für eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten ausgesprochen. Damit wäre eine Bewährungsstrafe nicht möglich gewesen. Die Grenze liegt genau bei zwei Jahren. Die Rechtsanwältin einer Nebenklägerin forderte drei Jahre und sechs Monate Haft. Verteidiger Jann Popkes plädierte für eine Bewährungsstrafe, ohne einen Zeitrahmen zu nennen.

Was wirkte sich strafmindernd aus?

Das Gericht wertete das Geständnis - bereits am ersten Prozesstag - des bislang nicht vorbestraften Heiko V. zugunsten des 49-Jährigen. Er habe nie selbst ein Kind missbraucht. Seine Jahre zurückliegenden Taten seien daher nicht vergleichbar mit dem hundertfachen Missbrauch von Kindern durch die Angeklagten Andreas V. und Mario S. Außerdem habe er bereits fast sieben Monate in Untersuchungshaft gesessen.

Ist das Urteil schon rechtskräftig?

Nein. Die Staatsanwaltschaft Detmold hat Antrag auf Revision gestellt. Für die Revisionsbegründung habe die Staatsanwaltschaft vier Wochen Zeit, nachdem das schriftliche Urteil des Landgerichts eingegangen ist, teilte Behördensprecherin Johanna Dämmig mit.

Sollte die Staatsanwaltschaft bei der Revision bleiben, würde der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe das Urteil auf Rechtsfehler überprüfen. Würde der BGH fündig, müsste das Landgericht Detmold den Fall neu aufrollen. Nach Auskunft des Verteidigers wird er für seinen Mandanten keine Revision beantragen.

Welche Reaktionen gibt es?

"Dieses Urteil macht mich sprachlos", sagte Opferanwältin Zeliha Evlice der "Lippischen Landeszeitung". "Alle Täter da draußen lachen sich jetzt doch ins Fäustchen. Dieses milde Urteil ist für Kinderschänder ein Freibrief."

Auch der Deutsche Kinderschutzbund kritisierte das Strafmaß. NRW-Landesgeschäftsführerin Krista Körbes wollte die Entscheidung des Landgerichts zwar nicht juristisch bewerten, äußerte aber Zweifel: Es stelle "sich die Frage, wie das Urteil auf andere Täterinnen und Täter wirkt, die kinderpornografisches Material besitzen oder zu sexueller Gewalt anstiften. Ich bin nicht sicher, ob dieses Signal wirklich abschreckend genug ist", sagte sie.

Aus Sicht des nordrhein-westfälischen Familienministers Joachim Stamp (FDP) zeigt das Urteil Rechtslücken. "Das Strafrecht reicht hier nicht aus", kritisierte er. "Es kann nicht sein, dass es bei einem solchen Vergehen, was Leben zerstört, eine Bewährungsstrafe geben kann." Der FDP-Politiker wollte das jedoch nicht als Gerichtsschelte verstanden wissen.

Ist es ein mildes Urteil?

Klar ist: Heiko V. verließ das Landgericht als freier Mann. "Die Taten waren schäbig und menschenverachtend", sagte die Vorsitzende Richterin nach der Urteilsverkündung. Die Juristin wollte damit am Ende klarmachen, dass die ausgesprochene Bewährungsstrafe kein Freispruch ist.

Die Juristin machte in der Urteilsbegründung mehrfach aus ihrer Abscheu über die Taten keinen Hehl. Sie betonte aber auch, dass das Gericht nur die persönliche Schuld des 49-Jährigen zu bewerten hatte. "Wenn wir ihren Fall nicht im Zusammenhang mit Lügde und dem großen medialen Interesse verhandelt hätten, dann wäre ihr Prozess wahrscheinlich vor einem Amtsgericht verhandelt worden. Die Öffentlichkeit hätte davon dann kaum etwas wahrgenommen."

Vergleiche zwischen Urteilen in unterschiedlichen Fällen sind immer heikel. Es zeigt sich aber, dass geständige und nicht vorbestrafte Täter mit Bewährungsstrafen davonkommen, selbst wenn sie selbst den Missbrauch begangen haben - wie diese Beispiele aus Thüringen, Niedersachsen und Bayern zeigen.

Wie beurteilte der Gutachter Heiko V.?

Ein Gutachter hatte Heiko V. im Prozess für voll schuldfähig erklärt. Der Experte hält ihn nicht für pädophil. "Sein Sexualleben ist auffällig, aber nicht krankhaft", sagte Bernd Roggenwallner. Allerdings sei eine Therapie wohl sinnvoll, weil die Gefahr eines Rückfalls nicht ausgeschlossen werden könne. Heiko V. hatte bereits im Verfahren erklärt, eine Therapie machen zu wollen.

Diese muss er nach Angaben einer Gerichtssprecherin zeitnah antreten. Sie darf nicht ohne Weisung des Therapeuten abgebrochen werden. Heiko V. bekommt demnach einen Bewährungshelfer, der ihn bei der Suche nach einem Therapieplatz unterstützt, ihn regelmäßig überprüft und der Kammer berichtet.

wit/dpa

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