Christian B. Was über den Verdächtigen im Fall Maddie bekannt ist

13 Jahre nach dem Verschwinden von Maddie McCann haben Ermittler einen Verdächtigen ausgemacht. Was belastet den 43-Jährigen? Wie reagieren die Eltern des Mädchens? Und wo können Zeugen helfen? Der Überblick.
Christian B. 2011 in einer Bar in Hannover: Er ist mehrfach vorbestraft und derzeit in Kiel in Haft

Christian B. 2011 in einer Bar in Hannover: Er ist mehrfach vorbestraft und derzeit in Kiel in Haft

Foto: Facebook

Neun Tage vor ihrem vierten Geburtstag verschwand Madeleine McCann aus ihrem Bett in Apartment 5a in der Ferienanlage Ocean Club. Seit dem Abend des 3. Mai 2007 fehlt von dem blonden Mädchen jede Spur. Was die Familie aus Großbritannien in dem Ferienort Praia da Luz an der Algarve erleben musste, ist der Realität gewordene Alptraum aller Eltern.

Britische Medien hatten in der Vergangenheit darüber berichtet, dass Kate und Gerry McCann jedes Jahr am 12. Mai den Geburtstag ihrer vermissten Tochter feierten, mit Blumen und Geschenken für Madeleine. Die Ungewissheit, was mit ihrem Kind passiert ist - und ob es vielleicht doch noch lebt - quält die Eltern seit jener tragischen Nacht in Portugal.

Nun gibt es in dem Fall eine spektakuläre neue Entwicklung: Deutsche Behörden ermitteln wegen Mordverdachts gegen den 43-jährigen Christian B., der mehrfach vorbestraft ist und wegen eines Sexualdelikts in Kiel in Haft sitzt. Die deutschen Ermittler gehen von einem Tötungsdelikt aus.

Die Antworten auf die wichtigsten Fragen im Überblick:

Was wissen wir über den Verdächtigen?

Christian B. ist bei den deutschen Ermittlern als Intensivtäter bekannt. Nach SPIEGEL-Informationen enthält seine Strafakte ingesamt 17 Einträge. Bereits mit 17 Jahren wurde er laut einem Auszug aus dem Bundeszentralregister wegen "Missbrauchs eines Kindes" sowie "Vornahme sexueller Handlungen vor einem Kind" in Bayern zu einer Jugendstrafe verurteilt. (Lesen Sie hier mehr zu den Vorstrafen von Christian B.)

In den Jahren zwischen 1995 bis 2007 soll der Verdächtige vorrangig in Portugal gewohnt und sein Leben dort durch Gelegenheitsjobs in der Gastronomie, aber auch durch Drogenhandel, Diebstähle und Einbrüche in Hotels und Ferienwohnungen finanziert haben. Zum Tatzeitpunkt soll B. den Ermittlern zufolge an einem Ort 15 Kilometer von Praia da Luz entfernt gelebt haben. Damals soll er einen auberginefarbenen Jaguar XJR 6 mit deutschem Kennzeichen sowie einen VW-Bus vom Typ T3 Westfalia mit portugiesischem Kennzeichen gefahren haben.

Zuletzt wurde Christian B. im Dezember 2019 in Braunschweig verurteilt. Er hat im Jahr 2005 an der Algarve eine 72-jährige Amerikanerin brutal vergewaltigt. Erst zehn Jahre nach der Tat wurde er durch eine DNA-Spur am Tatort überführt, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Welche Reaktionen gibt es in Großbritannien?

Kate und Gerry McCann 2014 in Lissabon

Kate und Gerry McCann 2014 in Lissabon

Foto: Francisco Seco/ AP

Kate und Gerry McCann hätten die Hoffnung nie aufgegeben, dass ihre Tochter vielleicht noch lebend gefunden wird, sagte ein Sprecher im Namen der Familie, "aber sie sind realistisch". Die Eltern waren zwischenzeitlich selbst ins Visier der Ermittler geraten und sahen sich schweren Anschuldigungen ausgesetzt, auch von Seiten der Medien. Kate McCann veröffentlichte 2011 ein Buch, in dem sie über ihr Leben seit dem Verschwinden ihrer Tochter berichtet und erzählt, wie dieses Schicksal die Ehe der beiden Ärzte an den Rand des Zusammenbruchs trieb.

Nun gaben die McCanns bekannt, dass sie die neuesten Entwicklungen bei der Suche nach ihrer Tochter für sehr bedeutsam halten. Die Eltern wünschten sich, zu erfahren, was mit ihrer Tochter geschehen ist, "um Frieden zu finden und die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen", so der Sprecher.

Londons Polizeibehörde Scotland Yard wandte sich am Mittwochabend öffentlich an mögliche Zeugen. Die neuen Erkenntnisse seien das Ergebnis einer jahrelangen Zusammenarbeit der drei involvierten Länder: "Wir haben mit Kollegen in Deutschland und Portugal zusammengearbeitet und dieser Mann ist ein Verdächtiger im Fall des Verschwindens von Madeleine", sagte Detective Chief Inspector Mark Cranwell. Scotland Yard betonte in der Mitteilung : "Es handelt sich nach wie vor um Ermittlungen wegen einer vermissten Person".

Die britische Boulevardzeitung "Daily Mail" bezeichnete die Entwicklung als "Neue McCann Bombe". Auch im seriösen "Guardian" schaffte das Thema es auf die Titelseite, wenn auch in nüchterneren Worten: "Neuer Verdächtiger im Fall von Madeleine McCann."

Warum wurden die Ermittlungen zwischendurch eingestellt?

Im Juli 2008, etwas mehr als ein Jahr nach dem Verschwinden von Maddie, stellte die portugiesische Polizei die Ermittlungen ein. Zuvor hatten die Fahnder Zehntausende Hinweise ausgewertet - und mögliche Spuren bis nach Marokko verfolgt, wo Maddie angeblich gesichtet worden war. Es gebe keine neuen Hinweise mehr und die alten Spuren versprechen kaum mehr Erfolg, verkündeten die Ermittler damals.

Madeleines Eltern jedoch gaben nicht auf und suchten weiterhin weltweit nach ihrer vermissten Tochter. Bereits kurz nach der Entführung hatten sie selbst eine Generalaudienz bei Papst Benedikt XVI. genutzt, um auf das Schicksal von Madeleine aufmerksam zu machen. Jahrelang kämpften sie um die Wiederaufnahme der Ermittlungen. Schließlich kontaktierten die Eltern den damaligen britischen Premier David Cameron – mit Erfolg. 2011 rollte Scotland Yard den Fall neu auf. Immer wieder wurde auch über die Finanzierung der Suche und der Polizeiarbeit gestritten.

Wie kamen die Ermittler auf die Spur des neuen Tatverdächtigen?

Die Eltern McCann wandten sich immer wieder an die internationale Öffentlichkeit, um an neue Hinweise zu Maddies Verschwinden zu gelangen. Dabei traten Kate und Gerry McCann auch im deutschen Fernsehen auf. Ihren Besuch in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY…ungelöst" am 17. Oktober 2013 verfolgten mehr als sieben Millionen Menschen. Schon damals ging wohl ein Hinweis auf den heutigen Tatverdächtigen Christian B. ein.

Weitere Hinweise gab es nach einem Bericht 2017. "Die damaligen Informationen reichten nicht für Ermittlungen aus, und schon gar nicht für eine Festnahme", sagte BKA-Ermittler Christian Hoppe in der aktuellen Folge der Sendung am Mittwochabend. Das stärkste Indiz gegen B. besteht darin, dass ein Handy, das er 2005 laut BKA "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" genutzt hat, zur Tatzeit in dem Ort genutzt wurde, aus dem Maddie verschwand. Er war also wohl dort. Hinzu kommen schwerste Sexualdelikte, begangen auch an Kindern.

Warum bittet die Polizei jetzt um Mithilfe?

Zwar konnten die Ermittler belastende Indizien gegen Christian B. sammeln, ein entscheidender Beweis fehlt aber. Den erhoffen sich die Fahnder nun durch den erneuten Zeugenaufruf. Die Ermittler veröffentlichten auch die damalige portugiesische Telefonnummer des Verdächtigen (+351-912730680). Gesucht wird unter anderem jene Person, mit der Christian B. am Tag von Maddies Verschwinden telefonierte - als wichtiger Zeuge.

Man kenne nach wie vor nur die Telefonnummer der oder des Unbekannten (+351-916510683), sagte BKA-Mann Hoppe. Die Ermittler bitten außerdem Personen, die zum Zeitpunkt von Madeleines Verschwinden an der Algarve lebten oder Urlaub machten, Fotos und Videoaufnahmen auf einem Hinweisportal  hochzuladen.