Fall Madeleine Neue Spuren, neue Vorwürfe

Am Strand des Urlaubsortes, wo Madeleine verschwand, will ein pensionierter Kommissar aus Südafrika Spuren ihres Leichnams gefunden haben. Was der Hinweis taugt, ist unklar. Portugals Polizei sucht derweil einen neuen Chefermittler - der letzte war gefeuert worden.


Seit fünf Monaten ist die vierjährige Madeleine McCann aus einer Ferienwohnung an Portugals Algarve verschwunden, bis heute ist ungeklärt, was dort am 3. Mai geschah. Jetzt hat sich ein Spezialist aus Südafrika eingeschaltet: Nach Angaben von Danie Krugel, pensionierter Polizeioffizier, wurde die Leiche von Madeleine entweder vorübergehend am Strand von Praia de Luz begraben oder befindet sich noch immer dort. Die portugiesische Polizei nimmt seine Hinweise immerhin so ernst, dass der Strand zweimal abgesucht wurde, wie die britische Zeitung "The Guardian" berichtet.

Ehepaar McCann: Der portugiesische Chefermittler erhob schwere Vorwürfe gegen Madeleines Eltern
REUTERS

Ehepaar McCann: Der portugiesische Chefermittler erhob schwere Vorwürfe gegen Madeleines Eltern

Krugel arbeitet an der Universität von Bloemfontein und sieht sich als Experte für das Auffinden vermisster Menschen. Britische Boulevardzeitungen nennen ihn auch "The Locator"; seine Arbeit ist umstritten. Krugel behauptet, er könne mit Hilfe einer einzigen Haarsträhne in Kombination mit DNA-Analysen und GPS den Aufenthaltsort entdecken. In Südafrika wurde er berühmt, als er gemeinsam mit einem Fernsehteam dem Verbleib von fünf jungen Südafrikanerinnen nachspürte, die in den achtziger Jahren verschwunden waren.

Laut "Guardian" verbrachte er im Juli vier Tage in Praia de Luz und folgte dabei einem Hilferuf von Kate und Gerry McCann, den Eltern von Madeleine. Kruger habe einen Strandbereich identifiziert, den Madeleine passiert habe oder wo sie begraben sei, soll ein enger Freund der McCanns berichtet haben. Die Eltern von Madeleine zählen allerdings längst selbst zum Kreis der Verdächtigen. Portugiesische Ermittler halten es für möglich, dass das Mädchen in der Ferienwohnung zu Tode kam und die McCanns die Leiche versteckten. Außerdem wirft Portugals Polizei den Eltern vor, falsche Spuren zu legen und die Auflkärung des Falles zu behindern.

Suche nach einem neuen Chefermittler

Zu heftigen Dissonanzen kam es auch zwischen Ermittlern aus Portugal und Großbritannien: Anfang Oktober hatte der Chefermittler Gonçalo Amaral gesagt, die britische Polizei gehe "bislang nur den Hinweisen nach, die dem Ehepaar McCann in den Kram passen". Sie habe "vergessen, dass die Eltern im Verdacht stehen, mit dem Tod ihrer Tochter zu tun gehabt zu haben". Nach dieser scharfen Kritik wurde Amaral am 2. Oktober seines Postens enthoben, zum Inspektor degradiert und in eine andere Dienststelle versetzt.

Wer der Nachfolger wird, steht bisher nicht fest. Als aussichtsreicher Kandidat gilt offenbar Luis Neves, wie die "Sunday Times" heute berichtet. Der 41-jährige Kriminalbeamte war drei Wochen nach Madeleines Verschwinden zum Ermittlerteam gestoßen und zunächst von den McCanns als "frische Brise" begrüßt worden. Später spielte er aber eine Schlüsselrolle bei der Entscheidung, die Eltern vorzuladen und sie formell zu Verdächtigen zu machen. Zu den weiteren Kandidaten für den Posten des Chefermittlers zählt Carlos do Carmo, der mit dem Fall bis dato nichts zu tun hatte.

Nach den heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen um die Art und Richtung der Ermittlungen handelt es sich längst um einen Posten, der diplomatisches Geschick verlangt. Es ist nicht allein der heftige Zwist zwischen portugiesischer und britischer Polizei, der viel Verwirrung stiftet. Es sind auch die immer neuen Theorien und Hinweise aus zum Teil dubiosen Quellen oder mit fragwürdigen Absichten. Portugiesischen Zeitungen zufolge waren in der Aufregung der ersten Wochen nach Madeleines Verschwinden über 200 Polizisten in die Suche eingespannt, inzwischen soll es nur noch eine Handvoll sein, die aber ohne Urlaub und bis zur völligen Erschöpfung an der Aufklärung arbeitet.

Weitere Zweifel an den Angaben der McCanns

Eine neue wissenschaftliche Studie präsentierten jetzt Paulo Sargento und Pedro Gamito, zwei Psychologieprofessoren der Lissabonner Universität Lusófona. Darin würden die Bewegungen der Eltern am Tag, an dem das Kind verschwand, genau rekonstruiert, berichtet die portugiesische Tageszeitung "Correio da Manhã". Zur grafischen Unterstützung fertigten die Wissenschaftler ein Video an, das die Ferienresidenz Ocean Club zeigt. Die Studie basiert auf Chronologien, die britische und portugiesische Zeitungen veröffentlicht hatten.

Die Auswertung der Daten habe ergeben, dass es in vielen Punkten zeitliche und örtliche Abweichungen zwischen den forensischen Berichten der Polizei und den Schilderungen der Eltern gab. Diese Abweichungen müssten von der Polizei genauer untersucht werden. Demnach waren die Eltern gegen 18.30 Uhr 120 Meter von Madeleine entfernt und nicht, wie sie selbst aussagten, nur 50 Meter. Das Kind sei somit nicht, wie die McCanns behaupteten, stets in Sichtweite gewesen. Auch hätten sich die Eltern um 21.25 Uhr, als Maddie angeblich entführt wurde, in der Nähe des Appartements aufgehalten - was eine Entführung aus Sicht der Wissenschaftler unmöglich macht.

jol



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