Fall Marco Weiss "Wir sind keine deutsche Kolonie"

Das Schicksal des inhaftierten Schülers Marco Weiss beschäftigt jetzt auch türkische Zeitungen: Sie kritisieren vor allem die gegen Ankara erhobenen Vorwürfe - und holen zum Gegenschlag aus.

Von


Berlin - Vor wenigen Tagen soll der Erstklässler Emre weinend vor seiner Mutti gestanden haben, um in einem Mischmasch aus Deutsch und Türkisch zu erklären, was vorgefallen sei. "Ich habe ihr nicht an den Po gefasst", habe er geschluchzt. Die Erklärungsnöte seien wegen eines Briefs von der Schulleitung entstanden, in dem den Eltern mitgeteilt worden sei, dass der Siebenjährige für eine Woche vom Unterricht ausgeschlossen werde. Der Grund: "sexueller Übergriff auf eine Mitschülerin". Das Schreiben wurde von der türkischen Zeitung "Hürriyet" - die auflagenstärkste in Deutschland - veröffentlicht.

Inhaftierter Marco Weiss: Ungleichbehandlung von Türken und Deutschen
DPA

Inhaftierter Marco Weiss: Ungleichbehandlung von Türken und Deutschen

"Bei Marco heißt es Flirt, bei Emre gleich Missbrauch", titelt das Massenblatt auf Seite eins und beschwert sich über die Ungleichbehandlung von Deutschen und Türken. Die Geschichte über den Grundschüler aus dem Berliner Bezirk Mitte ist bizarr, aber nur eine von vielen, die die türkischen Zeitungen in den vergangenen Tagen ausgegraben haben. Die Kritik in deutschen Medien um den Fall Marco Weiss hat die Türken in Deutschland empört. Der Ruf ihrer Heimat werde beschmutzt, so der Tenor.

Zunächst beschwerte man sich über eine "Kampagne in den deutschen Medien" und "üble Nachrede" im Bezug auf türkische Gefängnisse und die Justiz ("Hürriyet"). Das löste bei den Lesern eine regelrechte Protestlawine aus. Jetzt kontern die türkischen Medien mit Berichten über Landsmänner, denen in Deutschland Unrecht widerfährt.

"Für 76 Türken sind deutsche Gefängnisse zum Grab geworden" titelte die "Zaman", die zweitgrößte türkische Zeitung in Deutschland. Der Hintergrundbericht über türkische Staatsbürger, die seit 1988 im Strafvollzug oder in Untersuchungshaft umgekommen seien, wettert gegen die "Verunglimpfung türkischer Gefängnisse in den deutschen Medien". In der Zeitung heißt es: "Auch deutsche Gefängnisse stehen nicht besonders gut da, wenn man die nach außen dringenden Beschwerden beachtet."

Das Boulevardblatt "Türkiye" drückte den Ärger über die negative Berichterstattung zu den Haftbedingungen von Marco Weiss aus, indem sie den Fall eines inhaftierten Türken in Frankfurt am Main beschrieb. Sie betitelte das Ganze wie ein Ratespiel: "Findet den Unterschied!"

Unter der Überschrift "Selims Geschichte ist schlimmer als Marcos" berichtete auch das Leitmedium "Hürriyet" über einen türkischstämmigen Jugendlichen aus Berlin, dessen Fall "weitaus schlimmer" sei als der von Marco Weiss. Der Berliner habe in der 7. Klasse eine deutsche Schulkameradin küssen wollen und ihr an die Brust gefasst. Nachdem sie ihn deswegen angezeigt habe, sei Selim Ü. von der Schule geflogen. Der 19-Jährige habe bis heute keinen Schulabschluss gemacht.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.